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Topcomics 2019 – Unsere Favoriten des letzten Jahres

2019 war ein Jubiläumsjahr für Theodor Fontane, die Mondlandung, das Woodstock-Festival, den Mauerfall, den Beginn des Zweiten Weltkriegs – und Batman, womit wir zu den Comics kämen. Die Redaktion von Comicgate hat 2009 zum ersten Mal ihre Top-Comics vorgestellt, so dass auch wir ein kleines Jubiläum haben. Zum elften Mal blicken wir nun schon auf das Comic-Jahr zurück. Hier sind unsere Topcomics 2019, diesmal aufgelistet von Gerrit Lungershausen, Christian Muschweck und Jan-Niklas Bersenkowitsch.

Unsere Topcomics der Vorjahre: 200920102011, 201220132014, 2015, 2016, 2017 und 2018.

DIE TOP 5 VON Gerrit Lungershausen

Platz 5: Comic-Klassiker
George Herrimans Krazy Kat (1935–44)

hg. von Alexander Braun
Taschen

Größe ist nicht alles – aber wenn es darum geht, die Sunday Pages von Herrimans Krazy Kat abzudrucken, ist das von Taschen gewählte Format (monumental x gigantisch) ein guter Ansatz. Krazy Kat gehört mit Little Nemo zu den berühmtesten amerikanischen Zeitungscomics und liegt nun in einer etwas protzig geratenen, aber eindrucksvollen Ausgabe in Originalsprache vor. Den vorangestellten Essay des Herausgebers Alexander Brauns als „Vorwort“ zu bezeichnen, wird dem Text nicht gerecht – die Ausgabe ist ebenso groß wie auch großartig.

Platz 4: Autobiografischer Comic
Ein Freitod

von Steffen Kverneland
Avant-Verlag

Der norwegische Zeichner Steffen Kverneland, der bislang mit seinen Comic-Biografien über  Olaf Gulbransson (Avant, 2007) und Edvard Munch (2013) auf dem deutschen Markt präsent gewesen ist, hat nun mit Ein Freitod sein eigenes Leben unter die Lupe genommen: Im Zentrum steht der Selbstmord seines Vaters 1981. Durch das Arrangement von authentischen Fotografien neben Aquarellen und Strichzeichnungen entsteht dem Leser ein Bild, das so bunt, so lückenhaft, so vage ist wie die Erinnerungen des Erzählers. An mehreren Stellen diskutiert Kverneland die Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen und hat keine Zweifel, dass sein Gedächtnis ihn betrügt. Ähnlich bedrückend wie Tina Brenneisens autobiografischer Comic Das Licht, das Schatten leert über eine Fehlgeburt.

Platz 3: Literaturadaption
Der Report der Magd

von Margaret Atwood & Renée Nault
Berlin Verlag

Die kanadische Literaturadaption Der Report der Magd von Autorin Margaret Atwood und Zeichnerin Renée Nault, beruhend auf dem Roman von 1985, hat mich sehr beeindruckt. Der Roman entwirft eine misogyne Dystopie, in der Frauen weder richtige Namen tragen noch individuelle Freiheit genießen. In einem rigiden Kastensystem leben die Frauen als Mägde, Marthas oder Ökonofrauen und haben als solche spezifische Funktionen. Unter den zahlreichen Literaturadaptionen dieses Jahres, darunter so lesenswerte wie Bram Stokers Dracula von Mike Mignola und Roy Thomas oder Der Sandmann von Michael Mikolajczak und Jacek Piotrowski, sticht die einfühlsame Erzählung hervor. Dass Atwood, frischgekürte Booker-Prize-Trägerin, gerade eine Fortsetzung ihres Klassikers publiziert hat (The Testaments, dt. Die Zeuginnen) und Der Report der Magd als TV-Serie beim Streaminganbieter Hulu läuft, sind nur weitere Gründe, neugierig zu sein.

Platz 2: Erzählkunst
Sabrina

von Nick Drnaso
Blumenbar

Sabrina von Nick Drnaso wurde 2018 dafür gefeiert, es als erste Graphic Novel auf die Longlist des Man Booker Prize geschafft zu haben. Das ist nicht irgendein Literaturpreis, sondern einer der wichtigsten im englischsprachigen Raum. Blumenbar hat den Comic nun auf den deutschen Markt gebracht. Es geht um den Mordfall an der Titelfigur, die wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen und auch bald völlig vergessen, schließlich geht es in diesem Untrue-Crime-Stück mehr um den Umgang mit Verdächtigungen und Voyeurismus – auch unserem.

Platz 1: Grafisch furios
Rusty Brown

von Chris Ware
Pantheon

Wer mit Jimmy Corrigan nichts anfangen konnte und Building Stories mühsam fand, wird Rusty Brown mit gutem Gewissen nicht beachten müssen. Für die anderen 99% der Leser*innen ist es Pflichtlektüre. Chris Ware, der an Rusty Brown 20 Jahre gearbeitet habe, erzählt in gewohnt diskontinuierlichem Erzählen die Lebens- und Familiengeschichten von Alltagshelden ohne Heros. Das ist so unaufgeregt erzählt wie grafisch umwerfend, dabei sprachlich so poetisch, dass es einen von der ersten Seite aus den Socken haut. Auf die deutsche Übersetzung zu warten, wäre eine nutzlose Verschwendung von Lebenszeit.

DIE TOP 5 VON Christian Muschweck

Platz 5: Mystischer Surrealismus
West, West Texas
von Tillie Walden
Reprodukt

Gerade mal 23 Jahre alt, und doch jagt sie bereits einen dicken Schmöker nach dem anderen raus. Tillie Walden beherrscht das ökonomische Zeichnen mit wenig Linien. Ihre Bilder wirken hochgradig intuitiv und bilden mit der ebenso intuitiven Story, die sich wenig um reale Referenzen schert, sondern geradewegs ins Reich der Vorstellung führt, eine perfekte Einheit. Erzählerisch entsteht die Spannung vor allem durch das Wechselspiel zwischen den Bildgrößen, zwischen lauten und leisen Passagen, zwischen dicht-detaillierten Darstellungen einerseits und großflächigen Seiten voller Leerstellen und freier Flächen andererseits. Der minimalistische Strich und die irreale Farbgebung öffnen den Blick dafür, dass bei der Farbgebung nicht das vermeintlich objektive, reale Sehen die zentrale Rolle spielen sollte; viel wichtiger ist, dass die Farben mit den Gefühlswelten der Figuren korrespondieren. Bei Tillie Waldens Arbeiten sehen diese Zusammenhänge mühelos aus. Man sollte sich nicht täuschen.
[Zu Gerrits Rezension]

Platz 4: Minimalismus
Business Worm
von Tim Gaedke
Jaja

Ein Kunststück ganz eigener Art hat Tim Gaedke mit seinem Business Worm geschaffen. Ein paar Ringel nur braucht es und fertig ist das Wurmgesicht – und trotzdem hat man irgendwie das Gefühl, diesen melancholischen kleinen Kerl zu kennen, dem sein Geschäft so locker flockig von der Hand geht und der mit der gleichen Coolness auch den Rest seines Lebens durchschlendert. Aber diese Lässigkeit ist hart erkauft. Business Worm ist ein kleines Meisterwerk in Sachen Reduktion und Komposition und gleichzeitig mit großem Einfühlungsvermögen in Szene gesetzt.
[Zu Christians Rezension]

Platz 3: Münchner Melodram
München 1945 – Band 5: Kriegskinder
von Sabrina Schmatz
Schwarzer Turm

Auch in der fünften Folge bleibt meine Faszination für Sabrina Schmatz‘ melodramatischen Skizzen-Manga ungebrochen. Mag es auch ursprünglich nur dem Zeitmanagement geschuldet gewesen sein, dass die Künstlerin ihre Bilder nicht tuscht, so ist es längst ihr ganz spezielles Stilelement geworden. Vielleicht wirken ihre Panels gerade deshalb so lebendig, weil diese nicht mit festen Konturen festgezurrt werden, vielleicht ist es aber auch Sabrinas großes Talent, in Bildsequenzen zu erzählen. Sabrina Schmatz lässt das szenische Erzählen in Bildern wie ein Kinderspiel aussehen. Es macht einfach so viel Spaß, diese romantische Erzählung in stürmischen Zeiten Jahr für Jahr weiterlesen zu dürfen. Nächstes Jahr soll die Serie dann zum Abschluss kommen.

Platz 2: Mainstream
Mission DoppelDuck, in: Lustiges Taschenbuch 424
von Fausto Vitaliano und Andrea Freccero
Egmont Ehapa Media

Mit der Rückkehr des Agent DoppelDuck beginnt der Relaunch der geheimen Abenteuer von Donald Duck als Spezialagent à la James Bond. Anders als der andere berühmte Alias von Donald, Phantomias, der nach 50 Jahren doch schon etwas angestaubt ist, spielen die DoppelDuck-Geschichten in der realen, digital transformierten Welt, was der Lebenssituation des Losers Donald, der in seiner Geheimidentität ein genialer Agent sein darf, völlig neue Möglichkeiten bietet. In der großen Story „Mission DoppelDuck“ verwischen wieder aufs Herrlichste die Grenzen zwischen Gut und Böse, es gibt einen Schlagabtausch zwischen Donald und Gustav, so inspiriert wie seit der allerersten Phantomias-Story „Die Verwandlung“ nicht mehr und als Höhepunkt gibt es noch eine genial platzierte Referenz an den Neil-Jordan-Klassiker The Crying Game. So machen Disney-Comics auch im 21. Jahrhundert noch großen Spaß. Es muss eben keineswegs immer eine Luxusedition mit Stoffrücken sein.
[Zu Christians Besprechung]

Platz 1: Mills‘ Meisterwerk
Slaine – Der gehörnte Gott
Pat Mills, Simon Bisley
Dantes Verlag

Mit dem sechsten Slaine-Band schließt der erste Zyklus um Slaine McRoth, den Keltenkrieger. Da sich der Band grafisch stark von den anderen Bänden unterscheidet, erzählen uns Simon Bisley und Pat Mills im ersten Kapitel noch einmal eine Zusammenfassung der relevanten Handlung von Anfang an, so wie sie der durchtriebene Zwerg Ukko als Saga für die Nachwelt aufschreibt. Damit sind dann auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Erstens findet man sich sofort im Geschehen zurecht, zweitens bekommt man unheimlich große Lust darauf, auch die vorhergegangenen Geschichten kennenzulernen. Die Grafik von Simon Bisley ist unbeschreiblich kreativ und opulent und doch stets im Dienst von Pat Mills‘ ambitionierter Story um seinen zum König gekürten Slaine, der sich aufmacht, zum gehörnten Gott aufzusteigen. Sein großes Ziel ist es dabei, für die Rückkehr des Matriarchats zu kämpfen. Aber ist er wirklich in der Lage, seine toxische Männlichkeit abzustreifen? Oder ist er trotz allem nur ein Sprücheklopfer, der mit der Erdgöttin Danu unter die Bettdecke will? Mit solchen Fragen bleiben die Geschichten um Slaine, diesem gegen den Strich gebürsteten Conan, spannend bis zur letzten Seite.

DIE TOP 5 (EIGENTLICH 6) VON JAN-NIKLAS BERSENKOWITSCH

Platz 5: Deprimierend realistisch
Goodnight Paradise
(US)
von Joshua Dysart, Alberto Ponticelli und Giulia Brusco
TKO Studios

Manche Comics liest man genau zur richtigen Zeit. Goodnight Paradise schlug ich am Ende des Winters auf, in einer bedrückten und düsteren Stimmung, die zum Comic passte. Der alkoholkranke Obdachlose Eddie versucht einen Mord aufzuklären, aber seine eigenen Dämonen beschäftigen ihn mehr als die eigentlichen Ermittlungen. Das ist schon ein hoffnungsloser Start für eine Geschichte und von da an geht es nur noch weiter bergab.

Goodnight Paradise ist ein Comic über die Verlierer der Gesellschaft. Süchtige, psychisch Erkrankte und Kleinkriminelle versuchen im modernen Los Angeles über die Runden zu kommen, dessen wohlhabendere Einwohner sich einen Dreck um ihr Leid scheren. Die Wohnorte der Außenseiter werden plattgewalzt, Sozialleistungen weiterhin gekürzt und das Leben geht ohne sie weiter. Wer stirbt und kein richtiges Einkommen hat, wird ignoriert und auch die Familien wenden sich ab, da der Umgang mit diesen Leuten für jeden schädlich ist. Als Sohn einer Alkoholikerin kommen mir Eddies Verhaltensweisen nur allzu bekannt vor, nur dass er bei weitem nicht so brutal reagiert, wie es meine Mutter an ihren schlimmsten Tagen tat. Diese Figur ist so real, dass es wehtut und ich kann nur respektieren, wie viel Mühe Joshua Dysart sich gibt, all diese kaputten Charaktere realistisch wirken zu lassen. Gerade weil sie so real sind, kann ich diesen Comic aber auch nicht genießen.

Manchmal ist es jedoch gut, andere Emotionen zu empfinden. Manchmal ist es gut, daran erinnert zu werden, wie düster die Welt da draußen wirklich ist und wie hart man an sich arbeiten muss, um nicht ebenfalls von der erbarmungslosen Maschinerie des Kapitalismus zerrieben zu werden. Goodnight Paradise ist gut darin, Leser*innen an diese finsteren Seiten unserer Gesellschaft zu erinnern. Eine Lösung aus dieser Hölle bietet der Comic nicht, es gibt am Ende auch keine. Wer einmal so tief fällt, kommt nur in den wenigsten Fällen wieder hoch. Soviel sei gesagt: Eddie wird es nicht plötzlich besser gehen. Dafür trinkt er schon viel zu lange.

Wem das alles zu tiefschürfend ist, bekommt zumindest eine solide Kriminalgeschichte mit ungewöhnlichen Figuren vorgesetzt. Ich bezweifle aber, dass diese Lektüre jemals auf die klassische Art unterhaltsam sein wird.

 

Platz 4: Aussterben ist eine Option
Stehaufmännchen
von Ralf König
Rowohlt

Ralf Königs Stehaufmännchen ist gut. Richtig, richtig gut. So gut, dass ich den Band nur einmal lesen konnte. Denn im Gegensatz zum Kollegen Muschweck konnte ich keinen Hoffnungsschimmer im Comic entdecken. Ich sehe nur eine Tragödie voller Resignation und bitterem Humor, die richtig gut rüber bringt, was für eine dumme Idee die Evolution letztendlich doch war.

Die Probleme begannen schon, als wir von den Bäumen kletterten. Denn was ist der Mensch schon anderes, als ein dummes Tier mit Daumen, das trotz all seines Einfallsreichtums ein Sklave seiner eigenen Triebe und des angeborenen Größenwahns ist? Vor allem ein dummes Tier, das in der Lage ist, darüber zu reflektieren, wie dämlich das ist, was es da der Natur und anderen antut. Aber Einwände werden ignoriert, es wird einfach weitergemacht und am Ende geht es darum, wer den Größten hat, im biologischen und metaphorischen Sinne. Wer aufmuckt, wird kalt gemacht, so einfach ist das. Stehaufmännchen zeigt das alles so konsequent, dass mich die Wut, die in dieser Geschichte steckt, regelrecht mitgerissen hat und ich am Ende ebenfalls das Gefühl hatte, dass Aussterben vielleicht keine so blöde Idee ist. Zumindest ist es realistischer, als zu glauben, dass sich alles noch zum Guten wendet. Nicht, wenn wir nach all den Jahrtausenden immer noch mit denselben Problemen zu kämpfen haben und das Ende immer näher zu kommen scheint.

 

Platz 3: Der letzte Vorhang fällt
League of Extraordinary Gentlemen: The Tempest
(US)
von Alan Moore und Kevin O‘Neill
Top Shelf

Das ist es also. Alan Moores letzter Comic. Danach soll nichts mehr kommen, versprochen. The Tempest ist vor allem eines: bitter. Moore und O‘Neill spielen mit verschiedenen Formaten und Stilen, um sich von der Welt der bunten Bilder zu verabschieden, eine Reise durch die Genres und eine letzte Untersuchung der Comics und ihres derzeitigen Zustandes.

Die These der Macher lässt sich mit zwei Worten zusammenfassen: alles blöd. Damit haben sie sich seit 2012 nicht weiter bewegt, aber immerhin erklären sie ausführlich und im Detail, warum alles so schlimm ist. Es gibt nur einen Ausweg: alles kaputtmachen. Hoffnung ist sinnlos, in der Welt der League muss mal richtig aufgeräumt werden. Und aufräumen tun Autor und Zeichner, so brachial wie es Moore sich nicht einmal mit Watchmen getraut hat. Überhaupt ähnelt The Tempest dieser Dekonstruktion des Superheldencomics. In den wichtigsten Punkten unterscheiden sie sich aber. Watchmen ging zwar sehr kritisch mit dem Genre um, aber trotzdem blickte hier und da ein kleiner Hoffnungsschimmer durch und die Liebe für das Medium konnte man den Machern nicht absprechen. The Tempest dagegen ist nur ein resigniertes Seufzer, dem alle Zuneigung verloren gegangen ist.

Alles blöd also. Ich lese trotzdem weiter, weil es ein Alan Moore ist und ich wissen will, wie weit die beiden es noch auf die Spitze treiben werden. Außerdem regt The Tempest dazu an, darüber nachzudenken, warum eben nicht alles blöd ist. Ich werde diesen Comic wohl nie mögen, aber für eine intellektuelle Auseinandersetzung ist The Tempest gut geeignet.

 

Platz 2: Kriminell gut
Criminal
(US)
von Ed Brubaker und Sean Phillips
Image Comics

Ed Brubaker ist für mich einer der besten Autoren der Gegenwart. In den letzten Jahren hat er mich allerdings ein wenig enttäuscht. The Fade Out war dicht erzählt, machte sich aber das Ende kaputt, Fatale und Kill or be Killed eierten so vor sich hin und Velvet war zwar gut, machte aber zum Schluss hin schlapp.

Dann brachten er und Zeichner Sean Philips wieder zwei Hefte ihrer Comicserie Criminal raus, ihre beste Serie nach Sleeper, wenn ihr mich fragt. Ich war aufgeregt, denn die Hefte waren nicht nur gut, es sollte auch mehr kommen.

Tja und dann kam mehr und seit Anfang dieses Jahres habe ich eine der besten Serien der letzten Jahre gelesen. Criminal (2019) ist Sin City in gut, also Noir mit richtigen Figuren und richtigen Geschichten. In dieser düsteren Serie geht es um Obsessionen, finstere Machenschaften und wie die Vergangenheit einen Menschen bis in die Gegenwart heimsucht. Brubakers Figuren sind fertig, aber komplex; egoistisch und mitfühlend zugleich und oft genug blitzt durch, dass sie gerne bessere Menschen wären, aber sie können es einfach nicht. Oder zumindest reden sie sich das gerne ein.

Im Gegensatz zu Goodnight Paradise werde ich von Criminal wirklich gut unterhalten, weil bei aller Düsternis immer noch Geschichten erzählt werden, die sich den Regeln des Genres beugen und weil den Figuren ein leichter Hauch dunkler Romantik anhaftet. Sie sind tragisch, aber nicht auf die deprimierende Art, die man im echten Leben kennenlernt, sondern wie man es sich bei einer guten Tragödie vorstellt. Von diesem Drama werde ich gerne mitgerissen, weil danach ein Gefühl der Erleichterung kommt, egal wie düster oder hoffnungslos die Geschichte endet.

Ich freue mich schon auf mehr Hefte und bin gespannt, was Brubaker und Philipps noch so zu erzählen haben. Vielleicht kommt endlich mal eine Fortsetzung von The Last of the Innocent, auf die ich seit acht Jahren warte.

 

Platz 1: Das Unentschieden
B.R.P.D: The Devil You Know #15
(US)
von Mike Mignola, Scott Allie und Laurence Campbell
Dark Horse Comics
und
Der große Indienschwindel
von Alain Ayroles und  Juanjo Guarnido
Splitter Verlag

Ich habe ja schon einiges zu The Devil You Know#15 und Der große Indienschwindel geschrieben. Und am liebsten würde ich noch mehr über sie erzählen, aber aus unterschiedlichen Gründen.

The Devil you Know #15 hat vor allem emotionale Bedeutung für mich. Meine liebste Comicserie endete und ich bin immer noch nicht ganz darüber hinweg. Aber gleichzeitig bin ich auch froh, dass die Serie auf einer guten Note endete. Auf den Schluss wurde angemessen hingearbeitet, er berührt, passt zu den Figuren und vor allem macht er Sinn. Das geschieht nicht oft, vor allem wenn ein paar Hefte die verbliebenen Handlungsstränge von mehreren Serien zusammenführen sollen, an denen über zwanzig Jahre gearbeitet wurde. Klar, ein paar Fragen bleiben offen, denn alles schafft man nicht und gute Erzähler halten immer etwas zurück, weil man später noch was dazu erzählen kann. Das ist auch hier der Fall und ich denke, ich weiß schon, worum sich die nächsten Geschichten im Hellboy-Universum drehen werden.  Aber wenn ich wollte, könnte ich hier aussteigen und ich wäre nicht traurig drum.

Der große Indienschwindel dagegen ist ein Comic, über den es soviel mehr zu sagen gäbe. Für die Rezension konnte ich nur an der Oberfläche kratzen, aber insgesamt ist dieser Comic so vollgepackt mit Anspielungen, raffinierten Spielereien und literarischen Motiven, dass man wissenschaftliche Arbeiten darüber schreiben könnte, wie großartig dieses Album einfach ist. Und dann wird die Geschichte auch noch so zugänglich erzählt, was mich weiterhin sehr überrascht. Man muss nicht studiert haben, um Der große Indienschwindel genießen zu können, aber es steigert den Genuss schon etwas.

Dieser Comic macht einfach Spaß. Er macht Spaß, weil er die Balance zwischen dunkler Komödie und düsterer Gesellschaftskritik meistert, von vorne bis hinten durchgeplant ist und mich mit einer Liebe für das Medium erfüllt, die ich selten verspürt habe. Er motiviert mich dazu, mich endlich wieder an meine eigenen Comicskripts zu setzen, in der Hoffnung, etwas ähnlich Gutes zu erschaffen. Natürlich wird das nie passieren, aber das ist schon in Ordnung. Der Gedanke zählt.

Wenn auf jedes The Devil You Know#15 ein Großer Indienschwindel folgt, gibt es immer etwas worauf man sich freuen kann, selbst wenn alle anderen fiktiven Welten eher düster aussehen. Immerhin lässt sich so die Zeit totschlagen, bis die apokalyptischen Visionen eines Moore oder König wahr werden.

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