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The Legend of Kamui 1 (US)

Als Sanpei Shiratos Kamui 1995 zum ersten Mal in Deutschland erschien, wurde die Manga-Serie von den damals Verantwortlichen des Carlsen Verlags als „Entwicklungsroman“ bezeichnet. Kamui, so hieß es im Klappentext, sei eines „der bedeutendsten Meisterwerke des japanischen Comics“, ein komplexes, siebzehnbändiges Werk und gut recherchierter Bilderbogen Japans im 16. Jahrhundert. Die Reihe biete „Zeichnungen von atemberaubender Präzision“ und zeige „ein authentisches Bild vom Leben der Bauern, Jäger, Fischer und Unberührbaren während der Edo-Periode“. Aber dann war nach gerade mal zwei Bänden Schluss mit diesem sattsam unterhaltsamen Edelmanga, der zwar reichlich Action und Gewalt auffuhr, aber irgendwie gar nicht so bedeutsam wirkte. Hatte man sich bei der Ansage des Klappentexts etwa doch zu weit aus dem Fenster gelehnt? Natürlich war uns irgendwie auch klar, dass der Carlsen Verlag noch gar nicht anders konnte, als nur einen winzigen Guckkasten über einen gewaltigen Comic zu legen. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Denn selbst in den USA gibt es erst seit 2025 überhaupt eine erste Veröffentlichung der eigentlichen „Legende von Kamui“. Was wir bisher gesehen hatten, war lediglich die Zweitserie Kamui, von der ich vermute, dass sie Sanpei Shirato auch deswegen gestaltete, um den alten Titel für eine neue Zielgruppe am Leben zu erhalten. Anders als die ursprüngliche Legend of Kamui (ab 1963), die in einem an Osamu Tezuka erinnernden Stil gestaltet war, strebt die Zweitserie einen größeren Realismus in der zeichnerischen Darstellung an, sodass sie Kazuo Koikes Arbeit in Lone Wolf and Cub nicht unähnlich sieht. Was erzählerischen Realismus und Seriosität indessen angeht, schlägt die nun endlich vorliegende Legend of Kamui die spätere Variante um Längen. Der deutlich höhere Abstraktionsgrad der alten Serie mag – ähnlich wie es damals auch Osamu Tezuka praktizierte – am Vorbild Walt Disney orientiert sein, niedlich oder kindgerecht ist die Arbeit deswegen nicht. Selbst dann nicht, wenn Sampei Shirato über die Erlebnisse eines weißen Wolfs in der Tierwelt erzählt, ein allegorisch wirkender Parallelstrang zur eigentlichen Kamui-Erzählung.

Das Titelbild des zweiten Bands der neuen Reihe „The Legend of Kamui“, wie sie seit 2025 bei Drawn and Quarterly erscheint – hier ohne Titelbanner. Rechts daneben ein Titelbild der 80er-Jahre Spin-Off-Serie, die in Teilen auch bei Carlsen erschien. Natürlich wurden die Bilder damals noch gespiegelt, aber das hatte man von der Vorlage des amerikanischen Verlags Eclipse so übernommen.

The Legend of Kamui löst das Versprechen ein, das vor 30 Jahren auf dem deutschen Klappentext stand. Diesmal erhalten wir das große Erzählpanorama vom Kastensystem der frühen Edo-Zeit. Eine Gesellschaft, festgezurrt in ein hierarchisches System, in dem die feudale Herrscherkaste mit strenger Hand die Bauern zur Arbeit anhält und Privilegien genießt, von denen die Bauern nicht zu träumen wagen. Aber auch die Bauern haben ihren Stolz und verteidigen ihrerseits ihren Status vor den Unberührbaren, denen es nur gestattet ist, niederste Arbeiten auszuüben, wie das Entsorgen von Toten, das Schinden von Tieren, Sklavenarbeiten aller Art. Als ein Bauernaufstand niedergeschlagen wird, sind es die Unberührbaren, die der Regierung helfen, den flüchtigen Anführer zu fangen, denn die Bauern selbst würden ihresgleichen nicht so leicht verraten. So werden auch die Armen gegen die Ärmsten ausgespielt, während sich die Wohlhabenden bereichern. Teile und Herrsche, heißt die Philosophie, sie wird im Comic auch als solche genannt.

Kamui gibt niemals auf. Alle Abbildungen © Drawn and Quarterly

In diese harte Lebensrealität wird Kamui hineingeboren, ein Kind von ungeklärter Herkunft und ein Unberührbarer. Parallel zu dieser Geschichte erzählt Sanpei die Geschichte eines Wolfswelpen mit weißem Fell, der von seinen Wolfsgeschwistern verbissen wird, immer als letzter nur die Nahrungsreste bekommt und so von klein auf mit den Härten eines ungeliebten Daseins konfrontiert wird. Bestätigt hier Sanpei Shirato, dass die grausame Kultur der Menschen nur die Tierwelt spiegelt – so gesehen gottgegeben ist? Der Autor selbst setzt dieser Annahme in einem seiner zahlreichen Zwischentexte folgende Worte entgegen:

„Man kann die Diskriminierung, die der weiße Wolf durch sein Rudel erlitten hat, nicht einfach mit Diskriminierung in der Menschenwelt vergleichen. […] Der Wolf suchte seine Freiheit und lehnte Kompromisse stolz ab.“

Im Verlauf der Geschichte lernen wir das System in seiner ganzen Grausamkeit kennen, sehen grausame Körperstrafen, die gar nicht so sehr dazu dienen, den Delinquenten zu bestrafen als vielmehr, ein Exempel für alle Anderen zu statuieren. Wenn ein Aufrührer gekreuzigt wird, geht dessen Familie mit – das ist der Preis einer Ordnung, die schon längst selbst korrupt geworden ist, keine Orientierung mehr bietet und keine Werte mehr vertritt. Oder, in Sampei Shiratos Worten:

„Im stehenden Wasser eines Teichs entstehen Schmutz und Fäulnis. Ein Bach dagegen ist schnell, kraftvoll und rein.“

Anders gesagt: Wenn die feudale Herrschaft stagniert, stirbt jede Vitalität.

Die Mangaserie Kamui genoss während der Zeit der Studentenproteste in den 1960ern und 1970ern Kultstatus. Angesichts der fest eingeschrieben Kritik am Kastensystem, die Sanpei Shirato zum eigentlichen Hauptthema der Reihe macht, ist das nur folgerichtig.

Die Herrschaft des Rechts ist Sache der Samurai. Auch das Kind (nicht im Bild) hängt am Kreuz.

The Legend of Kamui erzählt von Anfang an in parallelgeführten Erzählsträngen von Figuren unterschiedlicher Hierarchiestufen, die eint, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen. Sanpei Shiratos Legend of Kamui ist literarisch im besten Sinne und der Autor agiert durchaus schriftstellerisch dreist, als er mitten im Verlauf der Story eine tragende Figur in einer eiseskalten Hinrichtungsszene sterben lässt und damit auch uns Leser jeder Perspektive und Hoffnung auf ein gutes Ende beraubt. Die eigentliche Dreistigkeit aber ist, dass Shirato nur wenige Kapitel später eine Doppelgängerfigur auftreten lässt, von der er im Erklärtext behauptet, sie wäre der „Bruder“ des Hingerichteten. Diese kleine erzählerische Frechheit funktioniert viel besser, wenn man sie magisch liest: Die realistische Geschichte, in der das Abweichen vom vorgesehenen Pfad unweigerlich mit dem Tod enden muss, haben wir gedanklich durchgespielt – sehen wir jetzt, was passiert, wenn das Unmögliche passiert und echter Wandel plötzlich zur Option wird. Ich habe keinen Zweifel, dass Shirato die magische Lesart wenigstens mitgedacht hat, schließlich beschreitet Kamui von nun an folgerichtig den Pfad des Ninja. Dem haftet ebenfalls stets das Geisterhaft-Geheimnisvolle an.

Auch in der modernisierten Reihe wird gekreuzigt. Aber Sanpei Shirato erzählte in den 1980ern nicht mehr mit der gleichen Konsequenz. Der Delinquent wird gerettet werden. © Carlsen Verlag 1995.

Zwei Dinge jedenfalls stehen fest: die Reise von Kamui steht auch nach zwei dicken Bänden noch am Anfang. Und Drawn & Quarterly stellen mit dieser Veröffentlichung einmal mehr unter Beweis, dass sie als Independent-Verlag eine unverzichtbare Institution sind.

Als in Deutschland noch Sigurd das Maß der Dinge war und Amerika durchs finstere Tal der Comic Code Authority wandelte, da erschien in Japan bereits Kamui. Man kann nur Staunen.

10von10The Legend of Kamui 1 (US)
Drawn and Quarterly, 2025
Text und Zeichnungen: Sanpei Shirato
Übersetzung ins Englische: Richard & Noriko Rubinger
604 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 39,95 $
ISBN: 978-1770467293
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