Vom deutschen Stummfilm, insbesondere vom expressionistischen Stummfilm der Weimarer Zeit, geht eine Faszination aus, die auch nach über 100 Jahren ungebrochen ist. Der Gedanke, dass direkt nach dem schrecklichen Weltkrieg eine derartige Kreativexplosion möglich war, das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Und welcher Art diese Träume dann noch waren: F.W. Murnaus Faust und Nosferatu, Robert Wienes Dr. Caligari, Fritz Langs Dr. Mabuse und Metropolis – Filme, die heute als Seismographen ihrer Zeit gelten, die vielleicht die Schatten der Nazizeit bereits antizipiert haben.
Darüber hinaus war die Kunstform jung und wild und weitgehend frei von nennenswerten Auflagen, was die Akteure erstaunlich modern und divers wirken lässt. Und es war die Geburtsstunde des modernen Horrorfilms. Das lag auch in der Natur der Sache: Die neue Technik, bewegte Bilder zu generieren, verführte zu einer unheimlichen und geisterhaften Bildsprache.

Hoch die Abwärtsspirale.
Der Comicautor und Regisseur Christian Fernández Larrere kam erst 2012 von Chile nach Deutschland, Bewunderer des expressionistischen Films war er davor schon. Gemeinsam mit dem chilenischen Künstler Juan Vásquez Pastene legt er mit dem Comic Während der Nacht eine opulente Liebeserklärung an den deutschen Stummfilm vor, und auch dem Zeichner merkt man auf jeder Seite an, dass er die Filmära nicht nur liebt, sondern regelrecht durchdrungen hat.
Sein Stil ist kantig wie Kevin O’Neills League of Extraordinary Gentlemen, in Teilen erinnert seine Linienführung auch an den Dänen Teddy Kristiansen, der vielen von der expressiven Vertigo-Serie House of Secrets vertraut sein dürfte. Aber gerade in Farbgestaltung und Motivwahl erkennt man auch, dass Juan Vásquez Pastene eine persönliche Vision umsetzt. Zahlreiche ganzseitige Städtepanoramen, vorzugsweise in schwarzblauen Nächten in milchig weißem Straßenlicht schaffen eine beeindruckende Atmosphäre, ebenso die Massenszenen, die Gebäude, die Kopfsteinpflaster, die Fahrzeuge, die als Rückblenden inszenierten Kriegsszenen, die Interieurs. Hier, wie im Stummfilm, regieren die Bilder.

Nach dem Krieg…
Die erste Dämonenbeschwörung ist als Schauspiel mit Rauch und Spiegeln auf einer Theaterbühne in Szene gesetzt. Zunächst wirkt die Wirklichkeit wie in einen Schwebezustand versetzt, die Realität brüchig, aber noch stabil. Später sehen wir, sie wird durchlässig für Monster: Nosferatu und der Golem betreten die Szene und rücken die Welt des kriegsversehrten Helden Karl Krieger an den Rand des Wahnsinns. Beeindruckend sind die Bilder, wenn Karl Krieger, von Opiaten benebelt, seine Umgebung wahrnimmt, als wäre sie direkt dem Kabinett des Dr. Caligari entsprungen, später entführt uns eine Jagd über die Dächer in expressionistisch-unmögliche Außenansichten. Erstaunlich viele Bilder sind großflächig, selten von Textblöcken verstellt, immer eine Augenweide, die man auch an die Wand hängen könnte.
Die urbane Welt in Während der Nacht wirkt so, als hätte der Große Krieg einen Albtraum entfesselt, der nicht mehr enden will. Eine Sekte will mithilfe von satanischen Ritualen und Mordanschlägen die Herrschaft an sich reißen, andere Parteien wollen dies verhindern. Trotzdem gibt sich der Comic nie altklug, gibt nicht vor zu wissen, was wir heute wissen, sondern bleibt trotz Darstellungen von Straßenschlachten und brennenden Zeppelinen ganz dem Horrorsujet verpflichtet. In der letzten Szene flüchtet Karl Krieger mit seiner Freundin Hand in Hand durch ein flammendes Inferno in eine ungewisse Zukunft.
Juan Vásques Pastenes letztes Bild ist der letzten Einstellung von Lucio Fulcis Geisterstadt der Zombies (L’Aldilà) nicht unähnlich – ebenfalls ein Film, der seinen erzählerischen Reiz völlig dem Zusammenspiel der Bilder und der Musik überließ. Egal in welche Richtung das Paar zu rennen scheint, überall tut sich die Hölle auf. Die schiefen Hochhausschluchten in Flammen bieten eine beeindruckende letzte Bildeinstellung.

…kommen die Monster. Alle Bilder © Christian Fernández Larrere
Während der Nacht ist eine visuell beeindruckende Liebeserklärung ans expressionistische Kino
Während der NachtThe Next Art, 2025
Text: Christian Fernández Larrere
Zeichnungen: Juan Vasquéz Pastene
148 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 30 Euro
ISBN: 978-3911272032
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