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Morning of the Magician – Die Rückkehr von Rick Veitchs Swamp Thing

Es ist ein fast schon betont friedfertiges Cover, mit dem das Swamp Thing-Heft 88 dieser Tage den Sammlermarkt erreicht: Ein in sich ruhendes Ding aus den Sümpfen trägt ein Lamm, im malerischen Hintergrund sehen wir eine Steinmauer und Olivenbäume. Nach 37 Jahren Wartezeit ist es also nun soweit: Wir erhalten den Abschluss von Rick Veitchs Swamp Thing-Run, wie er ursprünglich gedacht war. Swamp Thing verschlägt es auf seiner Reise durch die Zeit zu den letzten Tagen Jesu, Stunden vor dessen Verhaftung und Kreuzigung. Damals ’89 machte der DC-Verlag einen Rückzieher vor dieser Geschichte, um religiöse Gemüter nicht zu verletzen. Jetzt, wo wir das Heft endlich selbst in Augenschein nehmen können, stellt sich die Frage: Warum eigentlich?

Alle Abbildungen © DC-Comics

Der Inhalt des Heftes liest sich dabei fast wie ein Meta-Kommentar zur Veröffentlichungsgeschichte. Swamp Thing schwebt durch einen körperlosen Zwischenraum, einem Multiversum der potenziellen Möglichkeiten – ein Spiegelbild fast zu unserer Welt, denn potenziell möglich wäre es gewesen, Swamp Thing 88 in der vorliegenden Form zu veröffentlichen. Die Welt hätte eine andere, wenn auch unwesentlich andere, Richtung eingeschlagen: Statt Doug Wheeler hätte Rick Veitch noch vier weitere Swamp Thing-Hefte gestaltet, Verlag und Autor hätten sich nicht in Frust und Ärger getrennt, Neil Gaiman und Jamie Delano hätten die Autorenschaft nach Rick Veitch übernommen. Vermutlich hätte dann aber auch Nancy A. Collins nie Swamp Thing geschrieben und vielleicht wären uns sogar Mark Millar und Grant Morrison als Swamp Thing-Autoren erspart geblieben. Aber so ist das immer: Wenn etwas stirbt, und sei es nur der ursprünglich vorgesehene weitere Verlauf einer geliebten Serie, entsteht eine Leerstelle wie eine offene Wunde. Aber nach und nach lagert sich die Umgebung um und schließt die Lücken. Alles geht, in leichter Verschiebung, dann wieder seinen zwar veränderten, dennoch gewohnten weiteren Gang.

Mit dem nun vorliegenden Swamp Thing 88 reist also nicht nur das Swamp Thing in die Vergangenheit, auch wir Leser gehen in der Zeit zurück und docken exakt dort an, wo wir 1989 schon hätten sein können. Aber damals hatte man eben ein ungutes Gefühl dabei, Jesus und die Kreuzigung zu thematisieren. Eben erst war Martin Scorsese sein Film Die letzte Versuchung Christi um die Ohren geflogen. Kinos brannten. Fast zeitgleich lernte Salman Rushdie die hässliche Fratze religiösen Fanatismus‘ kennen. In diesem Klima wollte man bei DC das Thema Religion vermeiden, auch wenn es die Integrität von Rick Veitchs sorgfältig geplanter Erzählung beschädigte.

Dabei führte dessen komplette Erzählung auf diesen einen Punkt hin – nur um ihn dann nicht zeigen zu dürfen. Zuletzt kam noch in Swamp Thing 87 in einer Geschichte um König Artus und den Sturz von Camelot der Heilige Gral ins Spiel, also der Kelch, in dem das Blut Christi aufgefangen wurde. Und dann fiel alles in dieses schwarze Loch – eine Geschichte, die nicht erscheinen durfte.

Maria Magdalena und der Goldene Gladiator. Zeichnungen von Michael Zulli.

Nun aber sehen wir: Nichts an Rick Veitchs Geschichte „Morning of the Magician“ war blasphemisch. Die Geschichte der letzten Stunden Jesu wurde nicht verändert, nicht verfremdet, bildete lediglich den erzählerischen Rahmen und wurde lediglich etwas angereichert, beispielsweise durch den Dämon Etrigan, der ebenfalls zu diesen Stunden in Jerusalem war, oder den Legionär Marcus, den man auch den „Golden Gladiator“ nennt, eine dieser zahlreichen vergessenen historischen Figuren des DC-Verlags vergangener Tage, wie sie gerade Rick Veitch in dieser Storyline so gerne verwendet hatte. Rick Veitch hatte ein wunderbares Händchen für diese Figuren und konnte sie so reizvoll erzählen, dass man gleich losgehen wollte und all die alten Comics kaufen, die es noch so mit ihnen gab: Figuren wie Enemy Ace, Sergeant Rock, The Demon, Jonah Hex, El Diablo, Tomahawk, Shining Knight und eben jetzt dem Golden Gladiator.

Der Goldene Gladiator tritt in der Geschichte als rechtschaffener Römer und Bewunderer Jesu in Erscheinung, der der Prostituierten Maria Magdalena von seinem Plan erzählt, Jesus vor dem Tod am Kreuz zu bewahren. Auf der anderen Seite gibt es Dämonen, die Jesus hassen und die deswegen den Gladiator eben genau daran hindern wollen. Wenn man so will, lesen wir hier eine Verdopplung der Judas-Geschichte: Dass diejenigen, die das Gute verhindern wollen, unwissentlich das notwendige Opfer erst herbeiführen, das der Kreuzestod schlussendlich darstellt. Der Künstler Michael Zulli findet für diese Geschichte angemessene und würdevolle Bilder, die niemanden vor den Kopf stoßen sollten.

Das Ende der Geschichte – und ein Anfang.

Der Swamp Thing-Künstler Stephen Bissette, der das Nachwort zum vorliegenden Heft schreiben durfte, äußert noch einen anderen Grund, weshalb das Heft damals, 1989, unter Umständen zurückgezogen wurde. Das ursprünglich geplante Cover ist eine von Gustav Doré inspirierte Darstellung des Schädelbergs mit einem sehr dominanten Kreuz im Vordergrund, das die Züge des Swamp Things trägt; im Hintergrund sind zudem die drei Kreuze der Passionsgeschichte zu sehen. Vielleicht hätte es gereicht, ein dezenteres Cover zu wählen und die religiösen Symbole nicht so propagandistisch in den Vordergrund zu rücken. Das jetzt von Veitch gestaltete neue Cover ist deutlich warmherziger und friedfertiger. Auch Rick Veitch hat mit dieser Veröffentlichung nun seinen Frieden geschlossen.

An der Herausgabe dieses wunderbaren Hefts ist Karen Berger beteiligt. Da die ehemalige Koloristin Tatjana Wood inzwischen leider nicht mehr lebt, wurde sie durch Trish Mulvihill ersetzt, die hier eine passable Leistung ganz im Geiste der alten Hefte abliefert. Auch der Künstler Michael Zulli ist inzwischen nicht mehr am Leben, aber seine Zeichnungen liegen ohnehin schon seit 1989 vor. Sie wurden nun von Vince Locke, er ist der berüchtigte Cover Artist der Band Cannibal Corpse, fertig getuscht.

Wie es 1989 endete – und wie es 2026 beginnt.

To be continued …

Swamp Thing 88
DC Comics, 2026
Text: Rich Veitch
Zeichnungen: Michael Zulli
Inks: Vince Locke
Heft mit 24 Seiten + Werbung und redaktionellen Teil, Farbe

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