Alle Artikel mit dem Schlagwort: Drawn and Quarterly

The Legend of Kamui 1 (US)

Als Sanpei Shiratos Kamui 1995 zum ersten Mal in Deutschland erschien, wurde die Manga-Serie von den damals Verantwortlichen des Carlsen Verlags als „Entwicklungsroman“ bezeichnet. Kamui, so hieß es im Klappentext, sei eines „der bedeutendsten Meisterwerke des japanischen Comics“, ein komplexes, siebzehnbändiges Werk und gut recherchierter Bilderbogen Japans im 16. Jahrhundert. Die Reihe biete „Zeichnungen von atemberaubender Präzision“ und zeige „ein authentisches Bild vom Leben der Bauern, Jäger, Fischer und Unberührbaren während der Edo-Periode“. Aber dann war nach gerade mal zwei Bänden Schluss mit diesem sattsam unterhaltsamen Edelmanga, der zwar reichlich Action und Gewalt auffuhr, aber irgendwie gar nicht so bedeutsam wirkte. Hatte man sich bei der Ansage des Klappentexts etwa doch zu weit aus dem Fenster gelehnt? Natürlich war uns irgendwie auch klar, dass der Carlsen Verlag noch gar nicht anders konnte, als nur einen winzigen Guckkasten über einen gewaltigen Comic zu legen. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Chester Brown: Fegefeuer und Selbstermächtigung

Toronto, 1982: Chester Brown war Mitarbeiter in einem Fotogeschäft, der in seiner Freizeit gerne zeichnete und von einer großen Comic-Karriere träumte. Seine damalige Freundin Kris überzeugte ihn, sein Material in Form von Minicomics im Selbstverlag herauszugeben, ein mutiger Schritt, über dessen Folgen sich beide zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise klar sein konnten. Chester Brown gab seiner Reihe den Titel Yummy Fur, eine Wortkomposition aus zwei nicht zusammenhängenden Begriffen, was dem Titel eine surreale Note verleihen sollte. Kris meinte, der Titel hätte eine starke sexuelle Konnotation, worauf Chester nur meinte: „Umso besser.“ Viele seiner Comics wurden seither nachgedruckt, teilweise mehrfach, aber gerade bei Chester Browns Werk lohnt auch ein Blick auf das Material, das zurückgelassen wurde. Im folgenden Essay soll der Blick sowohl auf die bekannteren als auch auf die vergessenen Comics von Chester Brown gelenkt werden, da zwischen diesen beiden Polen eine interessante Wechselwirkung zu erkennen ist. Es wird uns einen neuen Blick auf den Menschen Chester Brown ermöglichen.