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Topcomics 2016 – Unsere Favoriten des letzten Jahres

Wenn das alte Jahr vorbei ist, schauen wir traditionell zurück auf die besten Comics, die wir im vergangenen Jahr gelesen haben. Ein Teil der Comicgate-Autoren hat wieder ganz persönliche Listen mit Lieblingscomics des letzten Jahres zusammengestellt. Hier sind unsere Topcomics 2015 – mal mit, mal ohne Ranking.

Unsere Topcomics der Vorjahre: 200920102011, 201220132014 und 2015.

DIE TOP 5 VON DANIEL WÜLLNER

The Vision Vol.1: Little worse than a Man (US)
von Tom King und Gabriel Hernandez Walta
Marvel Comics (deutsch bei Panini)

Ich weiß noch ganz genau, warum ich als Jugendlicher angefangen habe, Superhelden-Comics zu lesen. Die Geschichten haben mich einfach fasziniert: Menschen mit unglaublichen Kräften retten die Welt – in jedem Heft aufs Neue. Leider sind die meisten Geschichten über X- und andere Supermänner schlecht gealtert. Heute ist es mir egal, ob Galactus die Erde frisst. Nur auf Kurzgeschichten und Neustarts lasse ich mich manchmal noch ein. In The Vision fordern mich Autor King und Zeichner Walta heraus: Versetze dich in seine Lage. In die des Avengers-Androiden The Vision. Neben dem ganzen Superheldenkram möchte er seine eigene Familie, sein ganz normales Leben. Ein nur allzu menschlicher Wunsch. Um ihn sich zu erfüllen, hat er eine Frau- und zwei Kinder-Roboter auf Vorstadt programmiert. Leider kommt die Vorstadt nicht so recht klar mit der kühl berechnenden Analytik der Roboterhirne. Während The Vision zur Superheldenarbeit geht, wehren sich seine Kinder in der Schule mithilfe ihrer übermenschlichen Kräfte gegen Hänseleien und bringen ihre Mitschüler beinah um. Auch die Androidenhausfrau hat es nicht leicht, wenn der Erzfeind des Mannes plötzlich an der Haustür klingelt. King und Walta haben eine Geschichte im Stil der Marvel-What-if-Geschichten verfasst. Die Frage lautet: Was würdest du tun, um deine Familie zu beschützen? Natürlich alles, was in meiner Macht steht. Warum sollte ein Android dann weniger unternehmen? Bereits im November 2015 startete die neue Reihe, aber da das Tradepaperback erst 2016 erschienen ist, geht diese Nominierung wohl in Ordnung. Ich werde auch den zweiten, abschließenden Sammelband lesen. Nicht weil ich wieder Superhelden mag, sondern weil mich diese Geschichte als Leser zum Nachdenken bringt.

 

Saga Vol. 6 (US)
von Brian K. Vaughan und Fiona Staples
Image Comics, deutsch bei Cross Cult

Ein bisschen Space Opera, ein bisschen LSD-Trip und ganz viel Romeo und Julia. All das ist Saga. Aber nichts davon interessiert mich besonders. Es sind allein Hazels Rückblicke, die mich bewegen. Die mich bewegen, Saga zu lesen. Im sechsten Band ist die Tochter von Alana und Marko eben erst eine Grundschülerin. Doch die Kommentare ihres älteren Ichs werden dem Leser bildlich dargeboten: indem sie einfach dreist über das Bild gekritzelt wurden. Diese persönlichen Erinnerungen erzeugen eine Spannung. Sie kommentieren, ziehen das Gezeigte ins Lächerliche oder verleihen dem Bild eine zusätzliche emotionale Ebene: Hazel kommentiert das Wiedersehen mit ihrem Vater mit einer von seiner Geschichten: Als er das erste Mal in einen Schulbus steigt, dachte er, dass er seine Eltern nie wiedersehen würden. Doch er war gerne Schüler, denn die Schule hatte ihm beigebracht, wie sehr er sein Zuhause liebte. Diese Zeilen laufen parallel zu ihrem Treffen, nachdem Hazel ihren Vater fünf Jahre lang nicht gesehen hatte. Bei solchen Szenen rollen mir fast Tränen über die Wangen. Saga ist und bleibt der beste SciFi-Comic – auch noch nach vierzig Ausgaben.

 

Mooncop (US)
von Tom Gauld
Drawn & Quarterly

Jedes Jahr, in dem ein neuer Comic von Tom Gauld erscheint, ist ein gutes Jahr. Musste ich mich früher mit Minicomics in kleinen Briefumschlägen begnügen, haben Comickritiker und -verlage den Schotten mittlerweile entdeckt. Nach Goliath und You Are All Just Jealous Of My Jetpack erscheint mit Mooncop seine neueste Erzählung. Wie der Titel verrät, handelt die Geschichte von einem Mondpolizisten, einem Polizisten auf dem Mond. Dem einzigen Polizisten auf dem Mond. Er fährt mit seinem Streifenwagen über die karge Landschaft, isst Donuts und fängt streunende Hunde ein. Gaulds Comic ist ein neorealistisches Meisterwerk. Die Oberfläche, wie die des Mondes, ist einfach strukturiert: hier mal ein Haus, da mal ein Krater. Alles recht überschaubar, für einen Cop auf dem Mond. Unter der Oberfläche jedoch brodeln die Emotionen: Einsamkeit, Sehnsucht, Sinnsuche. Doch Gaulds Figuren sind keine extrovertierten Selbstdarsteller. Sie brechen nicht aus, sondern lernen mit ihren Gefühlen umzugehen und mit ihrer Trauer zu leben. Und dafür werden sie am Ende belohnt – ebenso wie der Leser.

 

I am a Hero
von Kengo Hanazawa
Carlsen Manga, bisher 17 Bände

Im Duden findet sich unter dem Begriff „Held“ folgende Beschreibung: eine Person, die kühne Taten vollbringt und die für ihre Unerschrockenheit und Tapferkeit von Anderen bewundert wird. Hiro mag zwar so ähnlich wie das englische Wort hero klingen, doch der Protagonist in Kengo Hanazawas Manga I am a Hero benimmt sich nicht heldenhaft. Niemand blickt zu ihm auf. Denn wenn er sich selbst als Held bezeichnet, kauert er dabei auf dem Boden. Man muss hinunter schauen, um ihn zu sehen. Wenn Hiro nicht auf dem Boden kauert, flüchtet er vor der drohenden Zombie-Apokalypse. Ein Biss reicht aus und Hiro wird selbst zum Zombie. Also läuft Hiro davon, er rettet seine eigene Haut und sein Gewehr. Warum ist I am a Hero ein großartiger Comic? Weil Hanazawas naiver Antiheld einer von uns ist, ein Mensch. Bestes Beispiel für diese Behauptung ist das Verhältnis zwischen Hiro und seiner Freundin Tekko. Es ist kompliziert in ihrer Beziehung: Entschuldigungen bleiben unausgesprochen, Liebesbekundungen werden verweigert. Als Hiro endlich all seinen Mut zusammennimmt, um ihr seine Liebe zu gestehen, ist sie bereits ein Zombie. Das perfide an I am a Hero: Die Beziehung dauert trotzdem an. Mehrere Kapitel sind Hiro und Tekko in einem perversen Liebeskampf verschränkt – zwischen ihnen nur die Wohnungstür. Während er versucht, mit ihr zu reden, versucht sie, sein Hirn zu fressen. Es ist nicht nur ein Kampf zwischen den beiden, Tekko kämpft auch um ihren letzten Rest Menschlichkeit. Bevor sie ihre Zähne in Hiros Arm versenken kann und ihn zum Zombie macht, beißt sie sich lieber selbst all ihre Zähne an der eigenen Wohnungstür aus. So viel Liebe hat 2016 kein anderer Comic bewiesen.

 

Dead Dead Demon’s Dededede Destruction
von Inio Asano
Tokyopop, bisher 3 Bände

Vom besten Comic 2016 erwarte ich mir, dass er mich unterhält, dass er gut gezeichnet ist, und dass er am besten noch aktuelle Themen aufgreift. All das gelingt Inio Asano mit seiner neuen Manga-Serie, und mit Dead Dead Demon’s Dededede Destruction sichert er sich auch gleich noch den besten Titel im Jahr 2016. Während er mit Gute Nacht, Punpun die Reise ins Innere, in die normalperverse Psyche eines Jugendlichen, erfolgreich abgeschlossen hat, stellt er hier die ganz großen Fragen. Aber fangen wir klein an: Kadode und On-Tan sind beste Freundinnen, sie tragen die Uniformen ihrer Highschool und zocken den ganzen Abend Videospiele. Ihr Tokyo ist unser Tokyo. Würde da nicht seit zwei Jahren ein riesengroßes Raumschiff in feinster Independence Day-Manier über der Stadt hängen. Dies ist kein richtiger Science-Fiction-Comic. Der Kampf gegen die Aliens ist zwar Thema, dominiert aber nicht die Story. Im Mittelpunkt stehen Kadode, ihre Freundinnen und deren Wünsche und Hoffnungen. Dräu! Dieses Soundword wird zum Subtext für jedes einzelne Panel. Egal ob es um den Abschluss der Highschool oder den Traumberuf geht. Über jeder Unterhaltung schwebt das Damokles-Schwert – in Form des Ufos. Dabei tut die überdimensionale fliegende Untertasse nichts anderes, als sich langsam von einem Stadtteil zum nächsten zu schieben. Doch ihr Schatten ist überall zu spüren. Und plötzlich könnte Dead Dead Demon’s Dededede Destruction aktueller nicht sein: Das damokles’sche Ufo steht stellvertretend für die drohende Terrorgefahr durch den IS, für die Flüchtlingskrise und für den Klimawandel. Es steht für die Angst vor einer unsicheren Zukunft.
Ganz beiläufig lässt Asano die Krisen im Comic auch auf den Social-Media-Kanälen diskutieren. Hier streiten „schleimige Oktopode“ gegen „hässliche Tintenfische“. Beide Seiten sind sich einig, dass die andere Unrecht hat und gemeinsam verurteilen sie lautstark die passive Einstellung der schweigenden Mehrheit. Der Pseudo-Meinungsaustausch in den gesellschaftlichen Netzwerken ist nur eine Randnotiz, trifft aber voll den Punkt. Fixpunkte in der Geschichte sind aber nicht die da draußen im Internet, sondern die beiden Freundinnen, die mutig wie zwei Löwinnen gegen die Hoffnungslosigkeit ankämpfen. Das passiert sowohl mit breitem Grinsen als auch unterschwellig, mit kleinen Gesten. Die Figuren in Asanos Manga sind Menschen, die, jeder auf seine Weise, auf Schicksalsschläge – wie den Tod einer Schulfreundin – und auf die bedrückende Grundstimmung reagieren. Lange ist es her, dass ein Comiczeichner seine Ode auf die Menschlichkeit so perfekt in Popkultur verpackt hat wie Inio Asano in Dead Dead Demon’s Dededede Destruction.

DIE TOP 5 VON ALEXANDER LACHWITZ

Vorweg muss ich sagen, dass es mir sehr schwer fällt, die Comics in eine Reihenfolge zu bringen. Jeder hat mich auf seine ganz eigene Art begeistert. Aber das Motto ist nun mal „Top 5 – 2016“. Also legen wir los!

Platz 1: Bärenkönig
von Mobidic
Tokyopop

Gute Märchengeschichten sind selten. Bärenkönig ist so eine, auch wenn sie nicht gerade blutleer daherkommt. In ihrer erzählerischen Konsequenz schafft sie es, dem Leser eine packende aber eben nicht romantisierte Lehre über die Beziehung von Mensch und Natur beizubringen und steht damit in Tradition reiferer Erzählungen wie Prinzessin Mononoke oder Courtney Crumrin. Mobidic beweist aber auch graphisches Talent. Die Nuancierung der schattigen Naturlandschaften sowohl in den Tages- wie auch den Nachtszenen ist nahezu einmalig. Dieser Band gehört zu den wenigen Werken, die man sowohl wegen ihres erzählerischen aber auch visuellen Inhalts immer wieder gerne in die Hand nimmt.

 

Platz 2: München 1945
von Sabrina Schmatz
Schwarzer Turm, bisher 2 Bände

Sabrina Schmatz beweist Mut; platziert sie ihre Geschichte um eine sich entwickelnde Liebe zwischen einer Krankenschwester und einem Armeesoldaten doch im vom Krieg zerstörten München. Was Grundstoff für unendlich viele kitschige Heimatfilme und Groschenromanzen ist, nutzt die Münchnerin, um ein zwar immer wieder kurzweiliges, aber sichtbar differenziertes Bild der Geschichte und ihrer Folgen für die Menschen zu zeichnen. Denn so sehr man gerade als Deutscher das Setting schon kennt, die Frage nach dem Umgang mit Verantwortung, Reue und Hoffnung hat nichts von ihrer Relevanz verloren.
Schmatz‘ skizzenhafter Strich schafft es sowohl die tragischen als auch hoffnungsvollen Bilder harmonisch zu verbinden. Zwar sind viele Zutaten altbekannt und auch die Charakterisierung ist alles andere als neu, doch das Zusammenspiel funktioniert. Damit gehört Sabrina Schmatz zu den wenigen Personen, die sowohl das zeichnerische wie auch das erzählerische Handwerk vorbildlich beherrschen. Die zwei bisherigen Bände belohnen jeden, der vor etwas Gefühl nicht zurückschreckt.

 

Platz 3: No Borders
von TeMeL & Michael Barck
Epsilon

Hat man sowas schon gesehen? Dass TeMeL zu den visuell bemerkenswertesten Talenten gehört, belegt ihr zweiter Comicband eindrucksvoll. Hier wird mit Farbkonventionen gebrochen und ein Regenbogenfest abgerissen, dass man eigentlich Einhörner kotzen müsste. Stattdessen ist man schlicht gepackt, von einer gestalterischen Wucht, die den Vergleich mit dem Klassiker Blade Runner nicht scheuen muss, dabei aber eine unübersehbare eigene Handschrift trägt. Hut ab!
No Borders kommt zwar nicht mit der Wut und Vehemenz daher wie TeMeLs Erstling Wohlstand, stellt aber viele wichtige Fragen zum aktuellen Thema Überwachung, Datenschutz und Eigenverantwortung. Das alles verpackt in eine Cyberpunk-Zeitreise-Geschichte, die sich bewusst nicht immer ganz ernst nimmt und mit ihren diversen Seitenhieben keinen Hehl um die Liebe der Autoren zum Geektum macht. Abzüge gibt es leider bei der Konsistenz und inhaltlichen Details. Immer wieder spürt man, wie komplex das Thema ist und würde gerne ein paar mehr Informationen, einen noch etwas breiteren Diskurs oder wenigstens ein paar mehr Ansätze für Antworten haben. Doch trotz dieser Mängel ist No Borders für mich eine der interessantesten Neuerscheinungen 2016. [CG-Interview]

 

Platz 4: VERnarrt 4
von MissBelfry, Babbelfish, Sushi, Yuzumi & Jonathan Williams, fuwishi, Sia, Janosch L. Resch
Eigenverlag

Gleich sieben Geschichten versammelt die neueste Ausgabe der Anthologie. Dem Team gelingt der schmale Grat, sehr viel Varianz bei einer insgesamt sehr hohen zeichnerischen wie erzählerischen Qualität zu präsentieren. Zwar legt die Eröffnungsgeschichte „VERmisst“ die Messlatte für die anderen Beiträge fast schon unverschämt hoch, doch verstecken müssen sich die anderen Beiträge nicht. Fast jeder Geschmack wird hier bedient und die Präsentation ist für eine Eigenverlagsproduktion vorbildlich. Wer sehen will, in welche Richtungen sich Künstler aus der Manga-inspirierten Ecke entwickeln können, sollte sich ein VERnarrt schnappen!

 

Platz 5: Die Ballade der Unendlichkeit
von Genji Otori
Eigenverlag

Zwar ist dieser Comic schon etwas älter, in der aktuellen Heftfassung allerdings erst 2016 auf den Markt gekommen. Diese kleine Neon-Cyberpunk-Story ist so frisch, packend und gleichzeitig locker… wer sagt da noch, die deutsche Comicszene sei spießig?
Die Story fängt rasant und kernig an, ehe sie sich etwas zurücknimmt und etwas schafft, an dem viele Sci-Fi- und erst recht Cyberpunk-Settings scheitern: Die Welt atmet!. Kleine Details in den Texten und den Panels lassen die ozongeschwängerte Luft aus Genji Otoris Szenario regelrecht aus den Seiten herauswabern. Erzählerisch und visuell merkt man hier und da noch ein paar Schwächen an, aber das macht die Zeichnerin an genug anderen Stellen wett. Und bei den extravaganten Choreographien ihrer Actionszenen mag man die eine oder andere Schwäche in der dynamischen Darstellung verzeihen, vor allem, da es meist nur wenige Panels dauert, bis sie sich wieder von ihrer ganz starken Seite zeigt.

DIE TOP 5 SUPERHELDENCOMICS VON STEFAN SVIK

2016 habe ich Massen von Comics gelesen und blieb trotz des Vorsatzes, mehr Independent zu entdecken und die preisgekrönten Insidertipps zu finden, bevor es die Spitzenverteter der Kritikerkaste tun, doch erneut meist beim Mainstream hängen und fühlte mich damit auch nicht unwohl. Hier meine liebsten fünf Superheldencomics aus 2016:

Platz 1: Ms. Marvel
von G. Willow Wilson, Adrian Alphona u.a.
Panini Comics, bisher 4 Bände

Ein junges Mädchen mit Hirn, Humor und einem turbulenten Privatleben ist eifrig bemüht, sein Leben als Unterstufenschülerin und Superheldin zu stemmen. Dass sie Teil der islamischen Gemeinde in New Jersey ist, wird wunderbar nebensächlich behandelt und somit wirkt dieser neue Marvel-Titel rundum gelungen und nicht so anbiedernd und verkrampft wie der neue weibliche Thor. Für mich der bessere Peter Parker des Jahres 2016. Nuff said! [CG-Rezension von Band 1 (2015)]

 

Platz 2: Batman: Dark Knight III 
von Frank Miller, Brian Azzarello, Andy Kubert u.a.
Panini Comics, bisher 5 Hefte

Frank Miller hat gar nicht mehr so viel mit dieser achtteiligen Serie zu tun gehabt und natürlich tragen hier Nostalgie plus der schöne Gimmickeffekt zur Begeisterung bei: Im Comicheft ist ein weiteres Minicomic eingeheftet, das parallel zur Hauptgeschichte um kryptonische Eroberer weitere Kurzgeschichten erzählt. Vorbildliche Papierqualität, wunderbares haptisches Erlebnis und eine spannende, wenn auch wahrlich nicht innovative Geschichte im Stil der ersten beiden Teile von The Dark Knight Returns.

 

Platz 3: Dark Night – Eine wahre Batman-Geschichte
von Paul Dini und Eduardo Risso
Panini Comics

Was nützt es, all diese Heldengeschichten gelesen zu haben, wenn man dann im echten Leben auf zwei üble Verbrecher trifft und doch nur hilfloses Opfer bleibt? Paul Dini verarbeitet ein wahres Erlebnis, das ihm vor über zwei Dekaden passiert ist. Für Comicfans ist dabei besonders spannend, den Auftritten von Harley Quinns realem Vorbild beizuwohnen. Die „echte“ Harley plus Batman, Joker und viele mehr aus dem DC-Universum kommen ebenfalls in dieser Story vor, die beweist, dass eine Graphic Novel nicht dröge und übertrieben nach Kunsthochschule aussehen muss, sondern gekonnt zeigt, wie ernste und humorvolle Szenen eine homogene, spannende Geschichte ergeben. Leider erfüllen Bats und Joker oft nur die Funktion von Engelchen und Teufelchen – es bleibt etwas hinter den Möglichkeiten bzw. Erwartungen zurück.

 

Platz 4: ASH – Austrian Superheroes
von Harald Havas u.a.
Sammelband bei Cross Cult

Einfach Superman landestypisch umdekorieren, mit überzogenem Witz ausstatten und von Top-Zeichnern gekonnt in Szene setzen lassen … fertig ist der schwache Comic Superdupont aus Frankreich. Anders ist es in der wahren Heimat der Croissants und der Kaffeehauskultur: in Österreich. Dort scharte Autor Harald Havas ein Team talentierter heimischer Künstler um sich und zog die Sache mit den Helden von Nebenan konsequent durch: mit richtigen Comicheften, zu denen es sogar Variantcover gab (etwa von Mahler oder Sarah Burrini). Der Ton ist gekonnt austariert zwischen ernsteren und lustigen Momenten. Glaubwürdige, interessante Figuren, wenn auch mit teils bekloppten Namen (Donauweibchen!) mit erkennbarer Leidenschaft von Kennern hergestellt, die noch dazu die Mittel der Neuzeit nutzen (Crowdfunding, Product Placement im Comic, Twitter-Account). Ein wunderbarer Comic, ach was, ein Supercomic!

 

Platz 5: Captain Berlin
von Jörg Buttgereit, Rainer F. Engel u.a.
Weissblech Comics, bisher 6 Hefte

Jörg Buttgereit wollte der DVD seines Films Captain Berlin als Bonus einen Comic beilegen. Der wurde von Weissblech Comics geschaffen und aus dieser Idee entstand eine laufende Serie, in der die Hauptfigur, ähnlich wie Captain America, im Zweiten Weltkrieg geschaffen wird, aber auch bis in die heutige Zeit für das Gute kämpft. Beim deutschen Superman (der wie ein Mix aus Spidey und Clark Kent wirkt) geht es gegen Gegner wie Kim Kong aus Nordkorea oder wie im neuesten Heft gegen den Helden des Proletariats aus der DDR. Amüsant, zeichnerisch über dem Niveau des durchschnittlichen Weissblech-Horrorschocker und unterhaltsam genug, um Levin Kurios Verlag ganz neue Leser zuzuführen.

DIE TOP 5 VON CHRISTIAN MUSCHWECK

Platz 5: Große Freiheit 1 und 2
von Fabian Stoltz, Anja Kasten und Michael Schmid
Selbstverlag

„Manchmal verfluche ich es, realistisch zu zeichnen“, sagte Fabian Stoltz in einem Beitrag für Zeit Online, denn Knubbelnasen gingen leichter zu zeichnen und würden sich auch besser verkaufen. Aber es ist eben auch schön zu sehen, wie Fabian Stoltz trotzig die Fahne hoch hält und macht, was ihm am besten gefällt. Und große Bildkompositionen sind im realistischen Zeichenstil eben nochmal einen Ticken anders als im Knubbelnasen-Stil, der in Deutschland eindeutig dominiert. Mag man sich etwa Scorseses Raging Bull als Comic-Adaption mit Knubbelnasen vorstellen? Oder Dominik Grafs Milieustudien, beispielsweise seinen großartigen Fernsehkrimi Das unsichtbare Mädchen? Und genauso, wie sich Ralf Königs Knubbelnasen nur bedingt in einen Spielfilm übertragen lassen, gehen halt die härteren, realistischen Stoffe nur sehr eingeschränkt im stilisierten, comichaften Stil. Aber die Welt braucht harte, realistische Stoffe – auch im Comic. Und neue Independentcomics brauchen auch Vertriebsformen außerhalb vom WWW. Die ersten zwei Teile des Kiez-Comics Große Freiheit sind jedenfalls gerade durch ihre großformatige Veröffentlichung auf steifem Papier von einer optischen wie haptischen Schönheit, die selten geworden ist. Große Freiheit ist ein Comic, der sich lebendig und authentisch anfühlt.

 

Platz 4: Eternauta
von Hector German Oesterheld und Francisco Solano Lopez
Avant-Verlag

Natürlich geht es darum, zeitgemäße Entwicklungen zu begleiten, trotzdem ist es auch wichtig, die Comic-Archive zu pflegen und Vergangenes wiederzuentdecken. Der Avant-Verlag hat mit Eternauta die Ausgrabung des Jahres gemacht. Eternauta überzeugt erzählerisch unter anderem deswegen, weil Hector Oesterheld einen erzählerischen Minimalismus betreibt, der so überhaupt nicht zeitgemäß ist. Es gibt keine Sub- und Nebenplots, die Story ist immer geradlinig: Was du siehst, ist alles, was du wissen musst. Eternauta ist klar, eindeutig und leicht zu lesen, in der Darstellung aber dennoch detailversessen und präzise – und das nicht nur im technischen Detail sondern auch was menschliche Abgründe angeht. Der Comic ist eine Mischung aus Horror-, SF- und Kriegscomic, die zwar durchaus Retro-Charme besitzt und den Charakter eines Zeitdokuments hat, gleichzeitig aber – auch da es sich nie eindeutig in ein Genre einordnen lässt – erstaunlich frisch wirkt. (Eine ausführlichere Rezension folgt bald.)

 

Platz 3: Der große Schwindel
von Carlos Trillo und Domingo R. Mandrafina
Erko Verlag

„Noir“ ist ein Genre-Begriff, der inflationär verwendet wird und häufig nur den Look eines Comics beschreibt. Handelt es sich um ein Setting wie in Der Malteser Falke, ist es „noir“. Ist es ein Großstadt-Krimi in den 30er Jahren, oder sieht es aus wie Frank Millers Sin City, dann ist es „noir“. Aber mehr als für Gangstermotive und einen bestimmten Stil steht „noir“ für eine bestimmte Atmosphäre und Haltung. Carlos Trillo und Domingo R. Mandrafina ist mit der Erzählung Der große Schwindel, die ebenfalls irgendwann in den 30er oder 40er Jahren angesiedelt ist, die perfekte Noir-Erzählung gelungen. Wie Mickey Rourke damals in Angel Heart wird der Detektiv hier zum Spielball einer Intrige, die ihm bereits von Anfang an entgleitet, obgleich er lange das Gefühl hat, Herr der Lage zu sein. Anders als bei Angel Heart gibt es hier aber keinen Teufel, der die Fäden zieht. Ein übernatürliches Element ist dennoch angedeutet, so dass an der Vergeblichkeit menschlichen Handelns kein Zweifel bleibt. Trotzdem ist das Lesen keine Zumutung. Man gönnt dem Helden auch seine kleinen Siege, und sei es nur eine Nacht mit einer tollen Frau. Der große Schwindel ist eine betörend gezeichnete und sehr stimmungsvoll kolorierte Erzählung.

 

Platz 2: Junker
von Simon Spruyt
Carlsen Verlag

Junker ist eine „State of the Art“-Graphic Novel, die zeigt, wozu die Gattung Comicroman fähig ist, wenn ein Künstler wirklich die erzählerischen und darstellerischen Mittel beherrscht. Eine derart dichte Story mit so wenig Worten bei gleichzeitig reduziertem Strich zu weben, zeugt in der Tat von hoher Kunstfertigkeit. Was nicht bedeutet, dass in Junker nicht viel passiert. Junker zeigt, wie der technische Fortschritt und die gesellschaftliche Entwicklung des 19. Jahrhunderts sich einerseits zwar sehr schön modern anfühlen mögen, aber auch in der Lage sind, eine ganze Generation von jungen Menschen sowie die bestehende Ordnung an sich aufzufressen. Und Simon Spruyt hat das ästhetisch überaus ansprechend gemacht, an den richtigen Stellen reduziert und die Erzählung kunstvoll und wirkungsvoll mit Verfremdungen und Traumsequenzen angereichert. Und wie Anja Friedl-Muschweck in ihrer kurzen Besprechung im Tagesspiegel treffend erwähnt, ist auch die Zauberberg-Atmosphäre betörend. Man muss aber natürlich kein Thomas-Mann-Fan sein und diesen auch nicht kennen, um Junker gut finden zu können.

 

Platz 1: Die Verwerfung
Lukas Kummer
Zwerchfell Verlag

Und noch ein abgeschlossener Comicroman zu einem historischen Thema. In Die Verwerfung ist nichts doppelbödig und es findet sich darin auch keine künstlerische Verfremdung. Aber vielleicht ist das verfremdende Element ja, dass uns Lukas Kummer mit seiner Abbildung des Schreckens des Dreißigjährigen Kriegs vor Augen führt, was heute noch tagtäglich passiert. Einfach, um den Glauben an eine oft kolportierte zielgerichtete Weiterentwicklung der Menschheit mal so richtig schön zu konterkarieren. Das ist wie einst Brechts episches Theater: Dessen Mutter Courage hatte ja ebenfalls den Dreißigjährigen Krieg als Hintergrund. Und auch Kummers Figuren sprechen ja schöne Theaterdialoge – und am Ende werden gezielt die Mechanismen offengelegt, die ein Überleben im Angesicht des Untergangs überhaupt erst ermöglichen. Ein schauriger Comic, aber das Gezeigte fühlt sich unangenehm authentisch an. Damit ist Kummers Comic bereits der zweite bemerkenswerte deutsche Comic ohne Knubbelnasen im vergangenen Jahr*. Vielleicht ist es um den realistischen deutschen Comic ja doch nicht so schlecht bestellt. [CG-Rezension]

*Anm. d. Red.: Dieser Comic erschien bereits 2015, allerdings sehr kurz vor Jahresende.

DIE TOP 5 VON THOMAS KÖGEL

Ancestor (US)
von Malachi Ward und Matt Sheean
Image Comics

Zuerst als Fortsetzungsgeschichte in der höchst empfehlenswerten Anthologie Island erschienen, inzwischen auch als Sammelband erhältlich: Eine verstörend-faszinierende Science-Fiction-Story, in der sich Internet und Social Media zu einem System namens „The Service“ weiterentwickelt haben, das immer um uns herum ist, ohne dass wir dafür Computer oder Smartphones brauchen. Ward und Sheean spinnen aktuelle technische und gesellschaftliche Entwicklungen zu einer interessanten Zukunftsvision weiter. Das allein wäre schon spannend genug, doch der Comic führt uns zum genialen und größenwahnsinnigen Erfinder des Service, der mit der Menschheit noch viel Größeres vorhat. Und im letzten Drittel dreht die Geschichte dann von einem gar nicht so unrealistischen Near-Future-Szenario in surreale Gefilde ab, die an Vorbilder wie Moebius erinnern. In der Kategorie „mindblowing“ definitiv mein Comic des Jahres.

 

Totem
von Nicolas Wouters und Mikael Ross
Avant-Verlag

Das Erwachsenwerden, auf Hochdeutsch „coming of age“ genannt, gehört zu den klassischen Themen des Comics. Gerade in den letzten zehn Jahren, mit dem Wachsen des „Graphic Novel“-Segments, sind viele, vielleicht schon zu viele Geschichten erschienen, die von Jungen und Mädchen erzählen, die der Kindheit entwachsen. Dass dieses Genre aber noch lange nicht tot ist, beweisen Autor Nicolas Wouters und Zeichner Mikael Ross mit einem wuchtigen Comic im LP-Format. Darin begleiten wir den jungen Louis in ein Pfadfinderlager, an dem er nie teilnehmen wollte und das dann auch genauso schrecklich ist, wie er befürchtet hat. Wie Louis zwischen Mobbing, Jungsabenteuer und ersten Pubertätsregungen dann doch einen Weg in Richtung Selbstsicherheit findet, zeigen Ross und Wouters, indem sie sich sehr schön im Grenzbereich zwischen Realität und Phantasie bewegen. Stark gezeichnet und sehr atmosphärisch koloriert (mit Anklängen an Vorbilder wie Larcenet oder Blain), vor allem aber höchst souverän in Sachen Storytelling: Hier wird nie zu viel oder zu wenig erklärt, das Tempo wird stets im richtigen Moment angezogen oder verlangsamt. Der Leser folgt mühelos der Entwicklung von Louis, fühlt und leidet mit ihm. Klingt banal, ist aber eine hohe Kunst, die nicht vielen Comics gelingt.

 

78 Tage auf der Straße des Hasses
von David Füleki
Tokyopop

Es hat ein Weilchen gedauert, bis Anfang 2016 endlich der Abschlussband zu dieser epischen Trilogie erschien. Und wenn man dann alle drei Taschenbücher am Stück liest, muss man zugeben, dass die Story, die sich im Grunde von einem Kampf zum nächsten hangelt, in kleineren Häppchen eigentlich besser funktioniert (ursprünglich erschien sie in 18 einzelnen Heften beim Kleinverlag Delfinium Prints). Trotzdem macht es einen Heidenspaß, die Hauptfiguren Def und Roy zu begleiten, wenn sie sich beim „Lausbuben Battle Royale“ gegen mächtigste Gegner durchsetzen, eine gewaltige Blutspur hinterlassen und dabei den Shonen-Manga und seine Klischees gleichzeitig sowohl feiern als auch dekonstruieren. Mit kleinen, zwischen die Kapitel gestreuten Minicomics liefert Füleki gleich noch einen kleinen Metakommentar zu seinem Werk dazu. Schön, dass es das nun kompakt in einer abgeschlossenen Ausgabe gibt. Wobei, abgeschlossen? Auf der letzten Seite steht dann doch „to be continued …?!!“

 

Röhner
von Max Baitinger
Rotopolpress

Der Protagonist dieses Comics führt ein sehr aufgeräumtes Leben in einer sehr aufgeräumten Wohnung, mit klaren Regeln und Abläufen. Als eines Tages ein ungebetener Gast hereinschneit und sich häuslich einrichtet, muss das zwangsläufig zu Problemen führen. Die kleine Alltagsgeschichte, die Max Baitinger hier erzählt, ist zwar nett, aber eigentlich eher unspektakulär. Großartig ist dafür die Stilistik: extrem reduzierte, minimalistische Bilder, glasklare Formen, eine Art „Ligne claire meets Bauhaus“. Das Sensationelle ist, dass Röhner trotz dieses eher avantgardistischen Ansatzes keineswegs verkopft wirkt, sondern immer sehr zugänglich bleibt. Die Zeichnungen stehen im Dienst der Geschichte und des Erzählens, und Baitinger findet höchst originelle Bilder und Sequenzen dafür. Es macht großen Spaß, sich von diesen visuellen Einfällen überraschen zu lassen. Auch, weil eine gute Portion Humor in Röhner steckt, was man ja auch nicht von allen Comics aus dem Umfeld der Kunsthochschulen sagen kann.

 

Eindringlinge
von Adrian Tomine
Reprodukt

Sechs Kurzgeschichten sammelt dieser Band: melancholische bis tragikomische Kleindramen aus der Gegenwart, deren Figuren ziemlich normale Allerweltspersonen sind. Etwa ein Gärtner, der vollkommen erfolglose Pflanzenskulpturen anbietet, eine Familie, deren stotternde Tochter sich als Stand-Up-Komödiantin versuchen will, oder ein Pärchen, das sich bei den Anonymen Alkoholikern kennenlernt und eine Menge seelische Altlasten mit sich herumschleppt. Tomines Kunst ist das Unspektakuläre: Zwar enthält fast jede seiner Stories einen entscheidenden Einschnitt in das Leben der Protagonisten, doch diese geschehen eher beiläufig. So wie es im echten Leben ja auch kein Scheinwerferlicht und Hans-Zimmer-Musik gibt, wenn was Besonderes passiert. Gerade, weil Gefühle hier nicht überhöht und dramatisiert werden, wirken sie so echt und authentisch. Stilistisch hat Tomine seine eigene, unverkennbare Handschrift vervollkommnet und versteht sie für jede Episode in der passenden Weise zu variieren. So bekommt jede Geschichte ihr ganz eigenes „Look and Feel“, was den Band auch optisch zu einer sehr abwechslungsreichen Lektüre macht.