Das abgeschiedene Bergdörfchen mit dem sprechenden Namen „Ruhe“ ist nur über eine Seilbahn erreichbar. Einmal die Woche kommt eine fleißige Postbotin von außerhalb mit der Seilbahn, wechselt in Ruhe aufs Lastenrad und bringt den Bewohnern die Post. Seit Jahr und Tag pflegt man diese Routine, das Dörfchen hat nicht umsonst seinen Namen. Die Menschen von Ruhe sind eigenwillig, aber immer liebenswert. Die perfekte Ausgangsbasis für eine Versuchsanordnung: Was macht es mit einem solchen Dorf, wenn plötzlich ein klaffendes Loch in der Ortsmitte entsteht?

Alle Abbildungen © Sarah Hübner, Jaja Verlag
Zunächst einmal versucht jeder der Dörfler auf seine Weise, mit der veränderten Umgebung umzugehen, aber bald macht schlechte Stimmung die Runde: War es vielleicht der Bau der Seilbahn, mit dem das Ende der Ruhe seinen Anfang nahm? Vermutlich hat die Seilbahn auch ihren Anteil an der Erosion? Die eigens angereiste Wissenschaftlerin versichert zwar, dass das Loch in Ruhe stabil bleiben und nicht weiter erodieren wird, aber kann man den Städtern mit ihrer „Wissenschaft“ wirklich trauen? Nicht wenige sind sich einig, dass Ruhe erst wieder zur Ruhe findet, wenn alles Fremde draußen bleibt, Wissenschaft, Post und Seilbahn.
Sarah Hübner verhandelt die Phänomene „Wutbürger“ und „Verschwörungstheorien“ in ihrem Comicdebüt, und man könnte ihr zum Vorwurf machen, dass die Erzählung ein klein wenig konstruiert wirkt – wenn sie nur nicht so unwiderstehlich einnehmend in ihrer Erzählweise wäre. Sarah Hübner bringt dem Jaja- erlag etwas zurück, was man in dieser perfekten Form schon lange nicht mehr gesehen hat: den schraddeligen Stil, stets etwas dreckig, skizzenhaft, unmittelbar, schnell hingeworfen. Ihre Figuren sind mit wenigen Linien hingeworfen und dennoch unterscheidbare Individuen, ihre Naturdarstellungen, Häuser und Bauwerke wunderbar pittoresk und atmosphärisch. Sarah Hübner würde auch im Urban Sketching eine gute Figur machen. Ihre Orte sind voller Leben.
Die Erzählung besticht durch eine smarte Erzählweise in acht Kapiteln. Die Autorin versteht es, mit sprechenden Namen einen sympathischen Humor in die Story zu bringen, ihr gelingen aber auch sehr auf den Punkt gebrachte Charakterisierungen: Beispielsweise die freundliche Bastlerin, die das entstandene Loch als Katalysator nutzt, allerhand Sachen zu basteln, die den Menschen das Leben in der neuen Situation erleichtern sollen. Oder den verschrobenen Nerd, der sich gerne komplizierte Puzzles schicken lässt, sich jetzt aber seinem größten Rätsel stellt: Woher nur kommt das Loch?

In Sarah Hübners Unruhe positionieren sich scheinbare Logik gegen gelassene Vernunft, Offenheit gegen Abschottung, Vertrauen gegen Misstrauen und einige Gegensätze mehr. Dabei fällt mir einmal mehr auf, wie gut man sich diese Art von Comic als Schullektüre vorstellen könnte: Gesellschaftliche Relevanz, Allgemeingültigkeit und eine Menge Potenzial, die verhandelten Themen gedanklich weiterzuspinnen. Alles das bietet Unruhe und steht damit in einer ähnlichen erzählerischen Tradition wie Janne Tellers Schockroman Nichts, das ähnlich plakativ und trotzdem präzise an zahlreichen Problemen unserer Zeit andockt (Unruhe ist nicht halb so schockierend wie Nichts und bietet trotzdem eine Menge Nahrung für den Kopf).
Der flotte, skizzenhafte Stil macht die Lektüre zum gut durchkomponierten Pageturner. Unruhe hätte meiner Meinung nach gut und gerne den Max-und-Moritz-Preis erhalten dürfen, in diesem Buch stimmt eigentlich alles. Schraddeliger deutscher Comic hat selten so gut ausgesehen.
Sarah Hübner ist mit Unruhe eine perfekte kleine Parabel gelungen.
UnruheJaja Verlag, 2025
Text und Zeichnungen: Sarah Hübner
304 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3948904692
Leseprobe



