„Die Pflicht des Revolutionärs ist es, Revolution zu machen.“ – Che Guevara.
Ein bisschen kriminelle Energie schadet für die Revolution aber auch nicht. Die Baader-Meinhofs beispielsweise haben Banken ausgeraubt – das Geld gehört eh dem Volk – und Charly P., der Held aus Lisa Neuns neuer Graphic Novel, ist ähnlich gestrickt, er dealt. Aber dann wird Charly von der Polizei mit 5 Kilo Hasch aus Italien erwischt, und der Verfassungsschutz setzt ihn auch noch unter Druck. Die wollen Namen und Insiderwissen und lassen Charly P. gerade deswegen erst mal weiterdealen. Es würde ja auffallen, wenn es bei ihm auf einmal keine Drogen mehr gäbe.

Charly P. dealt nicht nur, er macht auch richtig gute Deals mit dem Verfassungsschutz. Alle Abbildungen (c) Avant und Lisa Neun.
Mit Charly P. hat Lisa Neun einen der interessantesten Antihelden der letzten Jahre kreiert, nach eigener Aussage eine Art „Destillat aus allen Arschlöchern“, die sie je erleben musste. Ein charismatischer 68er-Revoluzzer, der junge Frauen so lange vollquatschen kann, bis sie mit ihm in die Kiste steigen. Treue ist eher nicht so seins und Kindererziehung Frauensache. Aufräumen auch, aber dafür ist Charly P. ja auch der Mann im Haus, der was arbeitet, selbst wenn die „Arbeit“ in diesem Fall Dealen bedeutet und Tagträume von der Propaganda der Tat. Ein Macho-Arsch, der dank seiner Verfassungsschutzconnection einen Freifahrschein hat, sich selbst für einen smarten Doppelagenten hält, der alle hinters Licht führt, aber so wenig Integrität besitzt, dass er lieber Mitstreiter ans Messer liefert als dass er selbst Verantwortung übernimmt. Kollateralschäden sind im Krieg nun mal nicht zu vermeiden und die Sache ist es wert. Was war die Sache gleich noch mal? Die Verbesserung der Situation der Frau ist es sicher nicht.
Lisa Neun gelingt es auf über 200 Seiten, ein stimmiges Panorama der Welt des Charly P. aufzureißen, das den traumwandelnden Charly P. von seinen coolen Jahren als Kneipenrevoluzzer in den 80ern in Erlangen bis in die 2010er Jahre begleitet, in denen er als ewig gestriger Dinosaurier die jungen Aktivist*innen nicht mehr versteht, sich über Gendern furchtbar aufregt und die neue Diversität noch weniger versteht als die Emanzen aus seiner Zeit. Überraschenderweise ist es Lisa Neuns Zeichenstil, der die Figuren besonders lebensnah wirken lässt. Die zeichnerische Reduktion an ihren Figuren ist extrem, aber gerade deshalb gewinnt eine kleine Linie in einem Mundwinkel, die Positionierung der Pupillen oder auch nur der minimale Neigungswinkel eines Kopfes so viel Gewicht.

Charly und sein Kumpel Dieter diskutieren die neue Erklärung der Kampfgenossen.
Das Wichtigste aber: Sämtliche Figuren aus Lisa Neuns Mikrokosmos rund um Charly P. sind so plausibel, dass man sie zu kennen meint. Man erinnert sich an die Typen früher im JUZ, aus der Arbeit, aus der Berufsschule, von Partys, aus der entfernten Verwandtschaft und vom Hörensagen. Dasselbe gilt für die Orte, den Schauplätzen rund um Erlangen und Nürnberg, denen man anmerkt, dass Lisa Neun viel Zeit investiert hat, um Authentizität herzustellen.
Trotz der Tragik der Ereignisse, von denen Lisa Neun uns erzählt, komme ich beim Lesen auch aus dem Schmunzeln nie ganz raus, denn das innere Chaos der Figuren hat immer auch seine witzigen Seiten, was Lisa Neuns witzige Figuren völlig angemessen transportieren. Es ist halt wie im richtigen Leben. Hätte der ganze Mist, mit dem man sich tagtäglich herumschlägt, nicht auch immer etwas Komisch-Absurdes, man würde es ja gar nicht aushalten.
Lisa Neun beherrscht die Form. Gerade dank ihres reduzierten Stils erhält ihre Story eine persönliche Handschrift, wie sie ein Film nie erreichen könnte.
Der Traum ist aus, Charlie P.Avant-Verlag, 2026
Text und Zeichnungen: Lisa Neun
216 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 25 Euro
ISBN: 978-3964451620
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