Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

Das Gutachten

Der Mief der biederen Bundesrepublik weht durch die Seiten von Jennifer Daniels Das Gutachten. Aber wer sich darauf einlässt, den ersten Anschein zu hinterfragen, wird eine Episode aus dem Jahr 1977 abseits von historischen Klischees erleben.

Alle Abbildungen © Carlsen Verlag

Karl Martins unaufgeregtes Leben ist so einfach strukturiert wie die kleinkarierten Kacheln seines westdeutschen Badezimmers. Seine demonstrative Herrschaftsattitüde, am Familienfrühstückstisch die Zeitung zu lesen, wirkt heute sehr aus der Zeit gefallen, ist aber höchst realistisches Zeitkolorit. Karl begegnen wir weder als Held noch als überhaupt sympathische Figur. Seine Frau Margot pflegt ein distanziert-desinteressiertes Verhältnis zu dem Mittfünfziger an ihrer Seite. Und mit seinem Sohn, der in Betracht zieht, den Wehrdienst zu verweigern, kommt er auch nicht allzu gut zurecht. Dabei spielt es eine große Rolle, dass Karl Martin im Zweiten Weltkrieg selbst an der Front gekämpft hat.

Um das Gesamtbild des westdeutschen Nachkriegsvaters zu vervollständigen (Zeitungspatriarch und dezent militant), trägt er eine Taschenflasche bei sich, einen ‚Flachmann‘, denn Zigaretten und Alkohol gehören natürlich zu seinem Alltag bereits in den Morgenstunden. Eine Kneipe ist folgerichtig auch der Ort, an dem das Unglück seinen Lauf nimmt: Nach einer feuchtfröhlichen Doppelkopfpartie verabschieden sich Karl und sein Arbeitskollege Diddi aus der Bonner Rechtsmedizin.

Die Trunkenbolde steigen ins Auto, der Zündschlüssel dreht sich, die Straße windet sich vor ihren schläfrigen Augen, und dann wird es dunkel. Als der nächste Tag anbricht, tragen sie Schuld mit sich, aber keine Scham. Auf der Landstraße, die auf dem Reiseweg ihrer sorglosen Promillefahrt liegt, hat sich ein Unfall ereignet. Die Leiche der jungen Mutter Miriam Becker liegt auf dem Tisch der Bonner Rechtsmedizin, und als Karl Martin ihr Gesicht erblickt, fährt erst der Schreck in ihn und dann die Erinnerung.

Miriam Beckers Biografie ist nur auf den ersten Blick ein platter Gegenentwurf zu dem Leben des Assistenten in der Rechtsmedizin. Die alleinerziehende Mutter sympathisiert mit der Roten Armee Fraktion und versucht, ihren politischen Aktivismus mit den Verpflichtungen einer Mutter zu verbinden. Verzweifelt sucht sie einen Babysitter, um das Fluchtauto bei einer politischen Protestaktion im Bonner Theater fahren zu können. Nachdem ihre politischen Weggefährten aber überrascht und verhaftet worden sind, fährt sie, zusammen mit ihrem Sohn Marek auf der Rückbank, unverrichteter Dinge nach Hause. Und in den Tod.

Geschickt spielt Jennifer Daniel mit den Erwartungen der Leser*innen, aber weder führt der anfänglich angedeutete Vater-Sohn-Konflikt zu einer Eskalation, noch erweist sich das Bild, das wir von Karl Martin gewinnen, als zutreffend. Seinen Alkoholismus verstehen wir nach den Rückblenden immer besser, denn diese führen uns in seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zurück. Traumatisiert von den Ereignissen liebt er den Alkohol mehr als sich selbst.

Aus dem Krieg hat Karl Martin einen ganz Sack voller Schuld mitgebracht, gut verschnürt mit dem Wissen, dass er für sein Handeln im Krieg nicht geradestehen musste. Als er nun im Laufe des Unfalls eine zweite Schuld eine auf sich lädt, wird es ihm zu viel. Worin diese Schuld aber genau besteht, ist einer der erzählerischen Kunstgriffe von Jennifer Daniel. Nichts ist, wie es scheint. Nun wird aus dem privaten Biedermanndrama, in dem es keine Superschurken gibt, sondern das Übel aus dem Grau-Beige der bürokratischen Elite erwächst, ein spannender Politthriller und eine tragische Nachkriegsepisode.

Karl Martin bemüht sich nun um die Aufarbeitung des Unfalls, sichert Beweise und recherchiert mögliche Beteiligte. Sein Kollege hingegen lässt Beweise verschwinden, um Karl zu entlasten, aber mit Schuld ist das nun mal so eine Sache. „Am Ende müssen wir uns auch für die Entscheidungen verantworten, die andere für uns getroffen haben.“ Diese Erkenntnis schlägt ein.

Die Zeichnungen der Düsseldorfer Illustratorin lassen die 1970er wieder auferstehen, mal in Form von Wimmelbildern, mal in der ungelenken Klobigkeit an Hans-Georg Lenzens Onkel-Tobi-Kinderbücher erinnernd. Die Männer, birnenförmig, übergewichtig, fleischig-rot vom Alkohol gezeichnet, sind die verbrauchten Soldatenjünglinge, als die sie einmal verheizt wurden. Auf dem Cover bringt Daniel bereits alles zusammen: Der gealterte Biedermann steht im Zentrum einer zersplitterten Scheibe, links von ihm der Wehrmachtssoldat mit Stahlhelm und rechts Glas. Was es damit auf sich hat, erfahren die Leser*innen aber erst am Ende.

Vom Stahlhelm zum Biedermannhut

9von10Das Gutachten
Carlsen Verlag, 2022
Text und Zeichnungen: Jennifer Daniel
208 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-551-78170-3
Leseprobe

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken dieses Formulars erklärst du dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.