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Alack Sinner

Kenosha, BLM, I can’t breathe. Lange bevor diese Chiffren für Polizeigewalt die Nachrichten beherrschten, haben Carlos Sampayo und José Munoz in Alack Sinner die brutale Hilflosigkeit der Polizei in düstere Bilder gebannt. In den 1970ern. Erschreckend aktuell.

Alle Abbildungen © Avant Verlag

In Alack Sinner begleiten wir den titelgebenden Helden zunächst als Straßenpolizisten und beobachten mit ihm, wie die New Yorker Polizei der frühen 1970er Jahre die Grenzen des Anstands zu wahren versucht, indem sie die Grenzen des Zumutbaren überschreitet – Dirty Harry (1971) ist ein Zeitgenosse, die aktuellen Berichte aus den USA über Polizeibrutalität sind dunkle Nachfahren. Alack kann dies nicht mehr ertragen, kündigt und gründet eine mittelmäßig lukrative Privatdetektei. Willkommen im Hard-Boiled-Setting, in dem Sampayo und Munoz ihren grimmigen Titelhelden nun weitere 680 Seiten lang agieren lassen.

Menschen werden bedroht, Menschen sterben, Menschen verschwinden. Mit größtmöglicher Kälte ermittelt Alack Sinner (der ‚Sünder‘) und konkurriert zugleich mit der mal korrupten, mal inkompetenten Polizei. Schuld ist überall zu finden, machmal aber an ungewöhnlichen Orten.

Während er Verbrechen um Verbrechen aufklärt, wird rasch deutlich, dass die eigentlichen Verbrechen selten in den zu ermittelnden Taten bestehen, sondern die allgemeine Verderbtheit ein kriminelles Grundrauschen erzeugt, das den gesellschaftlichen Untergrund gleichermaßen erfüllt wie die Polizei. Die pessimistische Weltsicht wird in den brillanten Texten Sampayos ganz lakonisch eingeführt: „Knochenharte und fast anständige Bullen. Relikte aus einer anderen Zeit.“ Mehr hat diese düstere Gegenwart nicht zu bieten. Alack Sinner aber schon.

In dem Kapitel „Erinnerungen“, 1978 erstveröffentlicht in der spanischen Zeitschrift Charlie Mensuel #111, erhält Alack in einer Rückblende etwas biografische Tiefe und wandelt sich vom hartgesottenen Privatdetektiv plötzlich zum hartgesottenen Taxifahrer. Das Spielerische aber ist der Serie schon früh zu eigen.

Die Episode, „Das Leben ist kein Comic, Baby“, sticht als besonders selbstreferentiell heraus, weil Sampayo und Munoz selbst darin auftreten: „Wir sind Argentinier, wir arbeiten an einer Geschichte um einen New Yorker Privatdetektiv […] wir haben im Telefonbuch nachgeschaut und entdeckt, dass sie denselben Namen tragen wie unser Held. Merkwürdig, nicht?“ Die beiden erweisen sich als hochfunktionelle Nervensägen mit allen Charakterschwächen, die Alack Sinner das Leben schwer machen können. Den Leser*innen, so kann man vermuten, zur Freude.

Autor und Zeichner sind mit ihrer Story älter geworden und haben ihren Stil geändert, so wie auch der Protagonist Alack Sinner sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wandelt: Er hängt die Detektei an den Nagel, wird Vater, beginnt sich für Politik zu interessieren und recherchiert in Bibliotheken. Besonders einschneidend ist die Zäsur zwischen den Kapiteln „Erinnerungen“ und „Begegnungen“: Munoz‘ Fratzen, von Anfang an sind die Menschen durch die Wirklichkeit entstellt, entgleiten immer mehr ins Fantastische, und ebenso driftet die Handlung manchmal ins Groteske ab.

In „Wegen ein paar Zeichnungen …“ geht es um einen Comic-Zeichner, der während einer Busfahrt Alack Sinner seine Geschichte erzählt: Ein anderer Zeichner, K.K. Kitten, habe mit Plagiaten seiner Comics viel Geld verdient, und er wolle ihn nun zur Rede stellen. Die Geschichte hat einen biografischen Hintergrund, der seinerzeit etwa von Mark Burbey in The Comics Journal #105 (1986) aufgedeckt wurde. Munoz‘ Zeichnungen wurden von dem US-amerikanischen Zeichner Keith Giffen (Ambush Bug) kopiert.

Immer wieder hält das Tagesgeschehen Einzug in das Leben des Ex-Privatdetektivs: John Lennons Ermordung, die Präsidentschaft Ronald Reagans, der Konflikt zwischen den USA und Nicaragua in den 1980ern (Contra-Krieg), Nine-Eleven. Mit vielen manchmal nur en passant eingeworfenen Sprengseln der Zeitgeschichte bleibt die Story für die Leser*innen dieser Zeit aktuell. Dass sie mit ihren Schilderungen von Polizeigewalt und Rassismus auch nach so langer Zeit noch aktuell bleiben, hätten Munoz und Sampayo sicher nicht gewollt. Die letzte Episode, „Der Fall USA“ ist ein Abschluss, nicht unbedingt ein Höhepunkt. Die etwas wirre Story um die Mafia, Geheimdienste, arabische Attentäter und Nine-Eleven ist sehr handlungsorientiert, lässt aber die nachdenklichen Texte vermissen, die Sampayo sonst ausgezeichnet haben.

Zwischen 1975 und 2006 veröffentlichten Sampayo und Munoz, die ihrer argentinischen Heimat aus politischen Gründen den Rücken gekehrt hatten, insgesamt 18 Kapitel unterschiedlichen Umfangs (20-80 Seiten) mit ihrem Hard-boiled-Titelhelden Alack Sinner. Die erste Episode, „Il caso Webster“ (dt. „Der Fall Webster“) erschien im Januar 1975 in der italienischen Zeitschrift alterlinus, fortan publizierten Sampayo und Munoz in Charlie Mensuel (1975-79), dann in (a suivre) (1982-2000), und die letzte, sehr umfangreiche Episode erschien dann als eigenes Album bei Casterman. Keine ganz unkomlizierte Publikationshistorie, wie man sieht.

Bislang waren nur einige Kapitel der Serie, „Viet Blues“, „Begegnungen“ und eine Auswahl unter dem Titel Privatdetektiv Alack Sinner als Alben bei Edition Moderne (1989, 1995 und 2001) erschienen. 2007 und 2008 veröffentlichte Casterman eine französische zweibändige Gesamtausgabe der argentinischen Noir-Crime-Serie, die 2017 in einem Band erneut erschien. Dies ist die Grundlage der deutschen Avant-Ausgabe.

Avant hat 2019 mit der Gesamtausgabe von Alack Sinner zur Verziegelung der Comics beigetragen: Wie auch bei Die Bombe (Carlsen, 2020, 1.682 Gramm) weiß man kaum, ob man den Umfang in Seiten oder Kilogramm messen soll. Wie auch immer: Alack Sinner von Carlos Sampayo und José Munoz (2.250 Gramm) sollte im Schrank einen Platz neben Berlin von Jason Lutes (Carlsen, 2019, 2.220 Gramm) und Habibi von Craig Thompson finden.

Dass diese Gesamtausgabe auf den Bestenlisten des Jahres 2019 kaum vertreten war, ist ein großes Missverständnis: Die bislang nur in Teilen verfügbare Serie ist nur als Ganzes wirklich zu genießen. Nicht deshalb, weil die über 40 Jahre hinweg entstandenen Comics eine erzählerische Einheit ergeben, sondern gerade deshalb, weil sie dies verweigern. Munoz und Sampayo ist eine sperrige Erzählung gelungen, die als hardboiled Noir-Krimi beginnt, sich dann zur Roadnovel wandelt und am Ende in keine Schublade mehr passt. Diesen Wandel mitzuerleben, ist eine Freude, die Leser*innen der drei Alben vorenthalten bleibt.

Ungewollt aktuell

9von10Alack Sinner
Avant, 2019
Text: Carlos Sampayo
Zeichnungen: José Munoz
Übersetzung: André Höchemer
704 Seiten, schwarzweiß, Hardcover
Preis: 49 Euro
ISBN: 978-3-96445-019-7
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1 Kommentare

  1. Peter Wand sagt:

    Charlie Mensuel #111: Ich kenne keine gleichnamige spanische, nur die französische Zeitschrift.

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