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Spider-Man – Brand New Day

Pünktlich zum Kinostart des neuen Spider-Man-Films mit Tom Holland bringt Panini jenen Comic heraus, der dem Marvel-Blockbuster seinen Namen leiht: Brand New Day. Außer dem Titel haben die beiden jedoch wenig gemein.

Cover des Sammelbandes, Zeichnungen: Steve McNiven, © Panini

Wer nach Parallelen zwischen Film und Comic sucht, ist bei Brand New Day zwar an der falschen Adresse, dennoch wirft die u.a. von Dan Slott und Marc Guggenheim über mehrere Ausgaben erzählte Geschichte (The Amazing Spider-Man #546-564, erschienen 2008) einen interessanten Blick auf die Comichistorie des Netzschwingers. Sie folgt der berüchtigten Storyline One More Day (2007-2008), durch die Marvel die Hochzeit von Peter Parker und Mary Jane Watson rückgängig gemacht hat. Joe Quesada, damaliger Chefherausgeber bei Marvel, nahm die Demaskierung Spider-Mans im Event Civil War (2006-2007) zum Anlass, um den Reset-Knopf zu drücken: Wollen wir wirklich einen Spider-Man, dessen Identität öffentlich bekannt ist? Und wenn wir schon dabei sind, lasst uns die Hochzeit auch gleich vergessen.

Derartige „Reboots“, bei dem der Status Quo beliebter Superhelden wieder in einen ursprünglichen Zustand versetzt wird, sind in der Comicgeschichte nichts Ungewöhnliches. Die Art und Weise, wie Quesada in den späten 2000ern aber mit Spider-Man umsprang, hat dann doch viel Kritik auf sich gezogen. Die Kritik kam nicht zuletzt von Autor J. Michael Straczynski, der damals die Spider-Man-Reihe schrieb und seinen Unmut über Quesadas Pläne auch öffentlich zum Ausdruck brachte. Stein des Anstoßes war die erwähnte Story One More Day, bei der Straczynski so unzufrieden mit Quesadas Vorgaben war, dass er seinen Namen für die letzten beiden Ausgaben zurückziehen ließ. Der Plot von One More Day könnte auch bescheuerter kaum sein. Peter geht einen Pakt mit dem Teufel ein: Um das Leben seiner Tante May zu retten, stimmt er zu, in einer Welt aufzuwachen, in der er Mary Jane nie geheiratet hat. Schlimm genug, dass sich Marvel nicht damit auseinandersetzen wollte, was es für Peter bedeutet, längerfristig verheiratet zu sein – Quesada und sein Team stellen diese Neuordnung des Universums auch als Konsequenz von Peters eigener Entscheidung dar. (Auch das versuchte Quesada später wieder rückgängig zu machen, über das Resultat One Moment in Time von 2010 breitet man aber besser den Mantel des Schweigens.) One More Day markierte einen deutlichen Rückschritt hinter Straczynskis phänomenalen Spider-Man-Run, der sich wie kaum ein anderer traute, Beziehungsprobleme sowie eine mögliche Scheidung von Peter und Mary Jane offen in den Raum zu stellen. Nein, stattdessen rebooten wir lieber das komplette Universum, damit Peter mit neuen Frauen flirten kann anstatt sich einer erwachsenen Beziehung zu stellen.

Joe Quesadas Sündenfall: In One More Day macht Mephisto die Ehe von Peter und MJ zunichte. Zeichnungen: Quesada, © Marvel Comics

Dies also ist die etwas ungünstige Ausgangslage, bevor die Handlung des vorliegenden Bandes Brand New Day einsetzt. Gedacht als frischer Start, der auch für Neueinsteiger geeignet ist, schleppt er für erfahrene Leserinnen und Leser viel zu viel Ballast mit, um sich wirklich auf die Story einlassen zu können. Angestrebt wird eine Welt, wie sie zuletzt in den 70ern der Spider-Man-Reihe beschrieben wurde. Peter lebt wieder bei Tante May, Harry Osborn ist nicht gestorben und nach wie vor Peters bester Freund. Das alles macht nicht wirklich Sinn und man fragt sich ständig: Welche Ereignisse aus Spider-Mans langer Geschichte sind jetzt wirklich passiert und welche nicht? (Auch eine doppelseitige Exposition kann da nicht wirklich Klarheit schaffen.) Sicher ist, dass Mary Jane und Peter niemals geheiratet haben und derzeit getrennt leben. Brand New Day wird es sich aber zur Aufgabe zu machen, ein bevorstehendes Wiedersehen mit Mary Jane immer wieder anzuteasern. Zu diesem Zweck führen Autor Dan Slott und Zeichner Phil Jimenez in der Eröffnungsausgabe von Brand New Day eine Superheldinnen-Figur namens „Jackpot“ ein, deren langen roten Haare Assoziationen zu Mary Jane wecken sollen. Mit einem Augenzwinkern in Richtung Leserschaft redet sie Spider-Man dann auch mit „Tiger“ an – Mary Janes Kosename für Peter. Wenn Spider-Man-Fans nach One More Day von der Art, wie mit der Peter/MJ-Beziehung umgegangen wurde, nicht ohnehin schon komplett verprellt gewesen wären, hätten sie sich wohl dafür interessieren sollen, wie Mary Jane und Peter wieder zusammenkommen. Wir erfahren gegen Ende des Bandes auch einen Namen, der angeblich hinter der Maske steht – die Option, dass es sich eigentlich um Mary Jane handelt, wird aber offengelassen. So oder so handelt es sich mehr um ein Plot-Werkzeug als um eine authentische Figur.

„Jederzeit, Tiger.“ Handelt es sich bei der neuen Superheldin Jackpot eigentlich um Mary Jane? Zeichnungen: Phil Jimenez, © Panini

Brand New Day hat damit von Anfang an keine guten Karten. Trotzdem merkt man dem Kreativteam den Enthusiasmus an, jetzt für Spider-Man verantwortlich zu sein und ihr Bestes geben zu wollen. Dan Slott hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit seinem Arkham-Asylum-Comic für DC aufhorchen lassen und Marc Guggenheim schrieb schon Wolverine-Comics für Marvel. Beide sind darum bemüht, Spider-Mans klassische Schurkengalerie weitgehend hinter sich zu lassen und sich auf neue Bedrohungen zu fokussieren. Die Wetten, die in einer Bar von alteingesessenen Bösewichten auf den Ausgang des Kampfes zwischen Spider-Man und dem Newcomer „Overdrive“ abgeschlossen werden, wirken wie ein selbstreflexiver Kommentar über das Buhlen neuer Figuren um die Gunst des Publikums. Nachhaltig in Erinnerung bleibt allerdings eher Slotts Erfindung von „Mr. Negative“, einem Gangsterboss, dessen Gestalt wie auf Negativfilm erscheint und der sich dadurch optisch schön vom Rest des Bandes abhebt. Sein Plan, aufgrund eines DNA-spezifischen Kampfstoffes ein komplettes Mafia-Syndikat samt Familie auszulöschen ist arg konstruiert, die Figur schafft es aber immerhin, bedrohlich zu wirken.

Dass der nun unverheiratete Peter Parker zu Beginn von Brand New Day gleich ein wildfremdes Mädel küssen darf, damit war zu rechnen. Schließlich will das Autorenteam die neu gewonnenen Freiheiten sofort ausnutzen. Dennoch lässt es sich Slott nicht nehmen, diese „Freiheit“ ironisch auf die Schippe zu nehmen, indem er gleich die ersten drei Ausgaben von Brand New Day mit dem ganzseitigen Panel einer Kussszene anfängt – Kussszenen, die sukzessive unangenehmer werden. In der zweiten macht er eine Mund-zu-Mund-Beatmung bei seinem verhassten Zeitungschef James Jonah Jameson, in Ausgabe drei liegt er mit seinem Kopf direkt neben der Leiche eines vergifteten Mafiabosses. So ganz scheint Peter sein Single-Dasein noch nicht genießen zu können. Trotzdem wird mit Carlie Cooper gleich ein potenzielles Love-Interest eingeführt: eine bebrillte CSI-Forensikerin, die gerne über Büchern brütet und damit perfekt zu Peter zu passen scheint.

Wachgeküsst: Peter Parker hat sich sein Single-Leben wohl anders vorgestellt. Zeichnungen: Steve McNiven, © Panini

Gleich fünf verschiedene Zeichner sind in den ersten sieben Ausgaben von Brand New Day involviert. Dass die Story etwas uneinheitlich wirkt, mag also auch an den sehr unterschiedlichen visuellen Stilen liegen, die hier zur Anwendung kommen. Die fein strichlierte Tusche von John Dell und Andy Lanning sorgt bei den Zeichnungen von Phil Jimenez in der Eröffnungsausgabe für einen detailgetreuen Look. Dies steht im Kontrast zu Steve McNivens eher flächigem Stil, bei dem nur einzelne, markante Linien hervorgehoben werden. Dass mit McNiven ausgerechnet der Zeichner von Civil War für drei Ausgaben engagiert wurde, ist kein Zufall. Manches aus Spider-Mans Vergangenheit wurde revidiert (u.a. seine Demaskierung), was nicht revidiert wurde, ist, dass sich Peter – so wie in Civil War beschrieben – weigert, sich als Superheld von der Regierung registrieren zu lassen. McNivens Zeichnungen sollen daran erinnern: Die Ereignisse von Civil War sind passiert und Spider-Man gilt offiziell als „Outlaw“. Wirklich zu sich findet das Artwork aber erst im letzten Drittel des Bandes. Der Spanier Salvador Larroca präsentiert sich dabei auf der Höhe seiner Kunst. Seine klaren und immer übersichtlich bleibenden Zeichnungen stehen seinem – u.a. mit einem Eisner ausgezeichneten – Artwork für Invincible Iron Man zwei Jahre später um nichts nach.

Die Zeichnungen des Spaniers Salvador Larroca sind eine Klasse für sich. © Panini

Bei allen Vorbehalten, die man Brand New Day gegenüber haben kann, die Edition von Panini ist wieder einmal vorbildlich. Sie versammelt neben der Eröffnungsausgabe (ein Gratisheft zum „Free Comic Book Day 2007“) noch die Ausgaben von The Amazing Spider-Man #546-551. Dies deckt nicht die gesamte Story von Brand New Day ab, ermöglicht aber – nicht zuletzt dank der exzellenten, knappen Einführung von Christian Endres – einen guten Einstieg. Richtige Freude kommt aber wahrscheinlich nur bei Spider-Man Komplettisten auf.

Ein umstrittenes Kapitel in Spideys Geschichte

4von10Spider-Man – Brand New Day
Panini, 2026
Text: Marc Guggenheim, Dan Slott u.a., Zeichnungen: Phil Jimenez, Salvador Larroca, Steve McNiven u.a.
Übersetzung: Michael Strittmatter
176 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-7416-4927-1
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