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Währenddessen… (KW 37)

Nein: Hansrudi Wäschers Nick-Piccolos sind nicht kindisch. Und die letzten Hefte der Reihe sind fast schon Cosmic Horror. Ach, lasst das „fast“ gerne weg.

Christian: Ich weiß – kürzlich habe ich geschrieben, dass Hansrudi Wäschers Comics aus den 60ern manchmal kindische Tendenzen haben. Es ist ja auch nicht ganz falsch. Wenn sich das Sternenschiff in Nick der Weltraumfahrer mit Schrumpfstrahlen so klein zaubern lässt, dass es in die Jackentasche passt, dann wieder samt Mannschaft in dämonische Übergröße aufgebläht werden kann, dann ist das Wissenschaft, wie ich sie eher in der Fernsehserie Arabella die Märchenbraut erwarte, nicht in harter Science Fiction. Andererseits, andernorts, bei Marvel, gibt es einen sternenfressenden Galactus, nordische Götter und einen Ant Man, und auch das Buffyverse ist ja durchaus mit Verve sehr albern – genau dafür lieben wir es ja auch. Wir sind also in bester Gesellschaft.

Man sollte Wäschers Comics der 50er und 60er, nicht unterschätzen, denn auch in den finalen 39 Heften der wunderbaren Reihe Nick der Weltraumfahrer brennt Wäscher ein Feuerwerk an Ideen ab, die keiner kommen sah und die sich so gar nicht in die bewährte Matrix von Verließen, Burgen und Urwäldern einordnen lassen. Das ist schon sehr ordentliche Science Fiction mit einem Schuss Cosmic Horror.

Visuelle Spielereien

Es beginnt mit einem Planeten, der trotz stattlicher Größe eine relativ geringe Schwerkraft aufweist, aus der Nähe betrachtet ein reiner Felsenplanet, durch einen gigantischen Riss geteilt. Mit einem Begleitschiff fliegt Nick mit einigen Begleitern in das Innere des Risses, hunderte von Kilometer, doch auf einmal endet die Wand, der Planet ist innen hohl, die Anziehungskraft hat sich in Richtung der Innenfläche gedreht. Eine hohle Erde? Grafisch löst Hansrudi Wäscher die Darstellung sehr originell, indem er für einige Seiten die Darstellung auf den Kopf dreht, um den Perspektivwechsel zu illustrieren. Das Geheimnis des Hohlplaneten behält er dagegen noch einige Zeit für sich.

Aus Nick 122: „Der fressende Nebel“. Alle Abbildungen (c) Walter-Lehning-Verlag.

Der Planet ist hohl, die Gravitation steht Kopf. (Wissenschaftlicher Prüfung hält das nicht stand, aber Hohlerde-Geschichten kennen wir auch aus Topolino oder Warlord.)

Vielleicht ein Fall für Randall Munroes „What if?“

Kosmisches Grauen

Wieder zurück im All beobachten die Raumfahrer einen gigantischen Nebel, wie er sich einen Planeten einverleibt und bald lüftet sich das Geheimnis: der kosmische Nebel umklammert Planeten und saugt deren glühenden Kern aus, dass nur noch eine unbewohnbare Hülle übrig bleibt. Was aber, wenn ein solcher Nebel sich auf den Weg zur Erde machen sollte? Zu allem Unglück möchte der Nebel gerne auch das Sternenschiff aussaugen. Zwar gelingt der Sprung in den Hyperraum, aber die Uranreserven sind bereits abgesaugt und es droht die Strandung im unendlichen All.

In Nick 135 ist der Nebel immer noch hungrig. Titel: „Gefährliche Untersuchung“.

Vollautomatisierter Technik-Wahnsinn

Von nun an wird die Geschichte nur noch dichter. Nick und ein weiterer  Wissenschaftler namens Andre steuern mit einem kleinen Schiff für Planetenerkundungen einen Planeten an, auf dem sie sowohl eine Zivilisation als auch Uranvorkommen vermuten, doch begegnen sie nur feindseligen Waffensystemen und Robotern, die sie orten, verfolgen und vernichten wollen. Eine gigantische Katastrophe hat die Bewohner dieser Welt vor langer Zeit ausgerottet, nur die Maschinen erhalten sich selbst und machen – man kennt es aus Ray Bradburys „Sanfte Regen werden kommen“ – immer noch, für was sie einst programmiert worden sind. Das führt zu einigen Verwicklungen, unter anderem wird das Mitfahren ohne Fahrkarte in einer vollautomatisierten Untergrundbahn zum beinahe unlösbaren Problem. Am Ende aber finden die Helden sowohl Uran als auch  einen Raumflughafen mit Transportmöglichkeiten, doch nun stellt sich das Problem ein, dass direkt durch den Landeplatz eine Ameisenstraße von Riesenameisen führt. Wäscher zieht in dieser Geschichte wirklich alle Register und türmt Probleme auf, dass auch ein sehr abgebrühter Leser hier immer noch die Fortsetzung lesen möchte, und noch eine.

Aus Nick 125: „Eine grauenhafte Entseckung“

Ebd.

Fallstricke bei der Kommunikation mit Maschinen. Aus Nick 127: „Flucht ohne Ausweg“.

Und dann noch diese Biester. Nick 130: „Die unheimliche Straße“.

In wochenlanger Arbeit verladen Nick und Andre das Uran und bringen mit technischer Raffinesse den Stoff zum Sternenschiff, dem fast schon die Energie ausgegangen ist. Es ist Rettung in letzter Sekunde. Mit neuer Kraft möchte Nick nun den todbringenden Nebel untersuchen, muss sich, bis es so weit ist, aber erst noch einer Meuterei erwehren, denn einige Crewmitgliedern geht der Arsch angesichts der kosmischen Gefahr auf Grundeis. Aber man findet wieder zusammen und den besten Wissenschaftler ihrer Zeit gelingt es, eine Sonde durch den Nebel zu jagen, so dass sie nun in der Lage sind, dessen chemische Zusammensetzung zu untersuchen. Am Ende finden die Helden ein chemisches Kampfmittel gegen das Grauen.

Keine Mininebel, nur formlose Wesen. Dämonische Bodysnatcher. Aus Nick 136: „Unerwartete Hilfe“.

Bodysnatchers und Aliens

Verantwortungsbewusst steuert man den nächsten belebten Planeten an, um den Bewohnern dort Hilfestellung beim Kampf gegen den Nebel zu geben. Leider wird dieser letzte Teil der Story, anders als die sehr atmosphärischen Hefte davor, zunächst etwas zu schnell abgefrühstückt. Eine Zivilisation aus formlosen, gallertartigen Wesen nimmt die Hilfe gerne an und dank der gewonnenen Erkenntnisse kann der Nebel tatsächlich neutralisiert werden. Aber natürlich gibt es auch unter der neuen Lebensform Schurken – und die gallertartigen Wesen haben die Fähigkeit, die Menschen des Sternenschiffs zu kopieren. Also beginnt nun der letzte Teil der Saga, die Nick-Version von Planet der Vampire sozusagen, mit mehr als nur einem Hauch von Invasion of the Body Snatchers, wobei Wäscher nur die Bodysnatchers (deutscher Titel: Die Dämonischen) gekannt haben konnte, denn Mario Bavas Planet der Vampire kam erst 1965. Mit diesem Horrorszenario, das Wäscher auch stimmig auflöst, beendet Hansrudi Wäscher seinen Nick auf der Höhe seiner Erzählkunst.

Du kannst erst sicher sein, dass du daheim bist, wenn du wieder im eigenen Bett liegst (Alien ist an Bord). Aus Nick 136: „Unerwartete Hilfe“.

Kleiner Spoiler: In Nick Heft 139 lösen sie auch dieses Problem.

Die heimliche Heldin

Neben all dem kosmischen Horror darf ein Aspekt nicht unerwähnt bleiben: Jane Lee, die gleichrangige Heldin auf Augenhöhe. Seit ihrem ersten Auftritt in „Jack der Jäger“ ist die Tierjägerin eine wichtige Akteurin geblieben und gerade in den letzten Zyklen erhält sie noch einige denkwürdige Auftritte, wenn sie eigenmächtig neue Lebensformen auf fremden Planeten sucht, mit Nick über Prioritäten rangelt oder sie beschließt, lieber mit den von ihr gefangenen Tieren unterzugehen als das dem Untergang geweihte Sternenschiff zu verlassen ( – was zu Guterletzt natürlich abgewendet werden kann). Und es ist ihr und nicht Nicks Eingreifen, das in der letzten Geschichte die Meuterei der Besatzung beendet. Hansrudi Wäscher hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er seine Story-Ideen auch mit seiner Frau Helga diskutiert hat und gerade Jane war sicher eine Figur, an der auch Frau Wäscher Freude gehabt haben dürfte.

Resolut. Aus Nick 133: „Flug ins Verderben“.

Ich möchte vermeiden, Hansrudi Wäscher an dieser Stelle zum visionären Genie zu verklären, aber dank all der genannten Gründe ist die Streifenserie Nick der Weltraumfahrer (1958 bis 1960) eine Comic-Perle, um die es ewig schade wäre, wenn sie der Vergessenheit anheim fiele.

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