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Währenddessen… (KW 25)

Das Buch zum Film ist häufig besser als sein Ruf. Eine Ehrenrettung.

Christian: „Das Buch zum Film.“ – Allein der Aufkleber auf dem Cover eines Romans reichte schon, dass man die Nase rümpfte. Und wehe dem, es war die Romanvorlage eines Films, die das Label erhielt. Da witterte man gleich doppelt Unrecht, denn wie konnte man es nur wagen, die oft hoch geschätzte Buchvorlage in den Sumpf kommerzieller Filmbücher zu ziehen, die als Movie-Tie-In einzig dazu da waren, einen Film nachzuerzählen.

Was mochte sich Autor David Morrell dabei gedacht haben, als er für die Romanfassung des Films Rambo 2 – Der Auftrag die Integrität seines ersten Buchs übern Haufen warf und seine Figur Rambo einfach wieder leben ließ, als hätte die Filmversion seines Romans First Blood das letzte Wort gesprochen und das Originalende – Rambos Tod – einfach einkassiert. Darf man so ein Buch ernst nehmen? Sterben ist Kopfsache, mag sich Morrell gedacht haben und entschied sich dafür, der Rambo-Filmfigur des zweiten Teils etwas von der Tiefe seiner Romanfigur zurück zu geben. Man merkt es der Romanversion an, dass hier ein Könner am Werk war.

Morrells Rambo ist weniger einsilbig als Stallones Figur. Sobald er aus dem Gefängnis heraus für seinen Spezialauftrag rekrutiert ist, erweist er sich als geradezu geschwätzig, was den großen Schweiger der Filmdarstellung schnell vergessen lässt; man hat eine neue Figur vor Augen, was eine große Leistung ist. Auf einmal beginnt man sich wieder für die Figur zu interessieren, von der man dachte, man hätte schon alles gesehen. Rambo unterhält sich über Taktik, über Waffen bekommt Innenleben und einen Hauch von Vergangenheit angedichtet. Seine Zen-Philosophie, die ihn befähigt, Isolation und Folter zu widerstehen, wird mit Leben gefüllt. In der Mitte des Buchs schweift Morrell sogar ab in einen mehrseitigen Exkurs über das Bogenschießen und die verschiedenen Ausführungen von Bogen, fast wie Hermann Melville es in Moby Dick mit seinen Abschweifungen über Wale tat. Es fügt sich nahtlos in die Story.

Morrell strukturiert den Roman in sieben etwa gleich große Teile. Sie haben die Titel „Der Steinbruch“, „Der Wolfsbau“, „Der Wat“ (ein buddhistischer Tempel, vgl. Angkor Wat), „Das Lager“, „Die Schleimgrube“, „Das Grab“ und „Die Blutzone“. So setzt er Akzente, wo es im Film zielstrebig und geradlinig zur Sache geht. Die Schleimgrube ist dabei selbstredend die widerwärtige Brühe aus Tierkadavern und Abfällen, in die Rambo auch im Film hineingehängt wird. Morrell gelingt es, den Horror dieser Erfahrung deutlich stärker herauszuarbeiten. Es eine existenzielle Erfahrung zu nennen, kling wohlfeil, aber David Morrell nutzt es, um Rambos drohende Selbstauflösung unter Folter zu beschreiben. Rambo beginnt zu glauben, dieses Gefangenlager, das er bereits aus dem Krieg kennt, nie verlassen zu haben, nie in Amerika gewesen zu sein, nie Sheriff Teasle begegnet zu sein, nie eine ganze Kleinstadt ausgelöscht zu haben.

Wie man vom Film her weiß, wird Rambo von seinen Auftraggebern in Stich gelassen, weil er den Befehl, nur zu beobachten und Fotos zu machen missachtet hat. Das ist im Roman wie im Film das dramatische Herz der Geschichte. Aber bei David Morrell erfahren wir im Nachgang auch Befehlshaber Murdochs Sicht der Dinge. Natürlich ist Murdoch ein Zyniker, der Rambo nur als Mittel zum Zweck nutzt, um seine Auftraggeber im Kongress ruhigzustellen. Seine größte Hoffnung war, dass sich die Mission als Flop erweisen würde, und wenn sich durch  die Beobachtermission doch herausgestellt hätte, dass es in manchen Lagern noch Kriegsgefangene gebe, dann hätte man die Beweise vernichtet und Rambo als wahnsinnigen Lügner hingestellt, denn wer würde diesem Psychopathen schon Glauben schenken. Morrell schenkt uns aber noch eine weitere Argumentation. Ohnehin wolle keiner diese Kriegsgefangenen nach Hause holen, ergänzt bei ihm die Figur des Murdoch; man könne sie nicht mehr resozialisieren und integrieren, ebenso wie Rambo in Teil 1 wären sie tickende Zeitbomben. (Ähnliches erzählt man heute über russische Kriegsheimkehrer.) Das ist selbstredend, unchristlich, menschenverachtend und noch eine Schippe Zynismus oben drauf, aber die Logik dahinter verleiht der Erzählung ein hohes Maß an Ambivalenz.

Rambo 2 – Der Auftrag war schon als Film viel besser als sein Ruf. David Morrells Romanfassung mag vordergründig ein reines Kommerzprodukt sein, um noch mehr Einnahmen zu generieren. Trotzdem ist das Buch alles andere als expendable. Eher verdammt lesenswert, egal ob man den Film kennt oder nicht.

Fünf Jahre nach Rambo 2 trugen die Hefte der Marvel-Reihe „The ‚Nam“ eine Zeit lang die POW-MIA-Vignette auf dem Cover. Offensichtlich blieb das Thema des Rambo-Films noch sehr lange in den Köpfen.

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