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Altamont (US)

Das Musikfestival am Altamont Speedway war einer der vielen Sargnägel der Hippie-Bewegung. Da ist es nur angemessen, dass Charlie Adlard, nach 200 Heften Walking Dead Spezialist für Endzeit-Stories, im Comic zum Festival den Zeichenstift führt. Der Franzose Herik Hanna ist sein kongenialer Autor.

Die erste Hälfte des Buchs ist fast ein Kammerspiel im Omnibus; fünf Kids, die im Omnibus nach Altamont fahren, darunter Matt, ein introvertierter Vietnamveteran, sein unberechenbarer Kumpel Schizo, sowie der Afroamerikaner Leo, ein draft dodger, der seine Einberufungspapiere wegwarf und zu den Hippies ging. Biografien, die wir nicht on the nose serviert bekommen, sondern die sich ganz allmählich sehr plastisch ergeben. Während der langen Fahrt wird zunächst nur über Musik abgenerdet, dabei die ein oder andere Drogengeschichte erzählt, zwischendurch widmet man Leos Familie einen Kurzbesuch, pausiert an einer Tankstelle und wird von der Polizei angehalten. Charlie Adlard und Herik Hanna gelingt auf diese Weise show, don’t tell in selten gesehener Vollendung: Charakterisierung aus der Handlung heraus ohne erklärende Texte.

Es gefällt nicht jedem, dass Jenny die Armee-Jacke ihres Freunds trägt. Alle Abbildungen © Image Comics

Und so vergeht die erste Hälfte des Buchs, in der wenig Spektakuläres passiert, wir aber einen intensiven Blick in die Gefühlswelt der Figuren bekommen. Das gelingt so gut, dass wir entlang des Wegs alles vergessen, was wir bisher meinten, über das Altamont-Festival gewusst zu haben. Wenn Matt, Leo, Schizo, Samantha und Jenny nach ihrer Ankunft auf dem Hügel stehen und über das Festivalgelände blicken (ein wunderbares Splash Panel als Centerfold, ziemlich genau in der Mitte des Buchs), dann möchte man ihnen nichts anderes wünschen als ein wunderbares Festival. Eine bekannte Geschichte so zu erzählen, dass man sie noch mal neu erlebt, ist nicht einfach. Hanna und Adlard gelingt genau dieses Kunststück.

Nach diesem gelungenen Build-Up entwickelt sich die zweite Hälfte der Story zum Thriller. Matt und seine Kumpels sind mittendrin in allen Katastrophen, die dem Festival so nachgesagt werden: Durchgeknallte Fans, die auf Gerüste klettern und sich und andere gefährden, eine entfesselte Drogenkultur, die den Usern schon lange entglitten ist, die Hell’s Angels als Security, deren Gage lediglich aus Freibier besteht und deren Engagement sich als monströse Fehleinschätzung erweist. Aber es ist kein bloßes Nacherzählen der Festivalchronik, wie wir sie vor allem aus der Musik-Doku „Gimme Shelter“ kennen, und es geht auch nicht um den Tod von Meredith Hunter vor der Bühne der Stones, während diese ihr „Sympathy for the Devil“ spielten.

„If we gave LSD to all the statesmen and politicians in the world, we might have a chance at stopping war.“

Altamont, der Comic, erzählt ausschließlich von fiktiven Personen vor historischem Hintergrund. Das facettenreiche persönliche Drama der vorliegenden Konstellation ist hervorragend durchkomponiert, und es endet noch nicht einmal mit dem Ende des Festivals, sondern findet in einem letzten, in den 1980er-Jahren spielenden Kapitel noch ein unerwartetes Nachspiel.

Erst kürzlich hatte ich eine Diskussion mit einer Historikerin, die meinte, seit sie sich mit historischen Akten beschäftige, mache ihr fiktionalisierte Geschichte schlichtweg keinen besonderen Spaß mehr, weil die Fantasie eines Autors nie die Intensität vermitteln könne, wie es die unmittelbare Konfrontation mit der Vergangenheit vermag. Aber genau eine Form der Fiktionalisierung, wie sie Adlard und Hanna gelingt, macht erfahrbar, wie es dem arglosen Festivalbesucher während des Festivals ergangen sein mag: ohne Schwarzweißmalerei, simple Schuldzuweisungen und ohne das Wissen, wohin das Ganze am Ende führt.

Dem Künstler Charlie Adlard gelingt dies durchgängig virtuos. Er kann selbst lange Gesprächssequenzen im Omnibus über viele Seiten strecken, ohne dass sich die Bilder je wiederholen oder langweilig werden. Visueller Höhepunkt aber dürfte eine nahezu ohne Text dargestellte Keilerei im zweiten Teil des Buchs sein, die sich über acht Seiten erstreckt. Das ist nicht wenig bei einem Umfang von knapp 130 Seiten, zumal die erste Hälfte zu einem Großteil aus Gesprächen und Alltagsbeobachtungen besteht. Aber Adlard und Hanna verstehen es, Akzente zu setzen. Die Erzählung mal zu verdichten, dann wieder den Erzählraum zu weiten, wenn es darum geht, ganz genau hinzusehen. Herik Hanna ist dabei als Autor sowohl eine Überraschung als auch eine Entdeckung: ein europäischer Autor, der bisher vor allem mit europäischen Albumproduktionen wie Sieben Detektive in Erscheinung getreten ist – Alben, wie man sie in Deutschland vor allem vom Splitter-Verlag her gewohnt ist. Mit Altamont beweist Hanna eindrücklich seine Vielseitigkeit.

Ein Hexenkessel aus Drogen, Bier, Gewalt.

Von Charlie Adlard weiß man nach nahezu 200 Heften The Walking Dead, dass er brillant darin ist, menschliche Interaktion in allen Varianten vom Alltag bis hin zu eskalierender Gewalt darzustellen. In Altamont gelingt ihm das auf verdichtete Weise, und diesmal brilliert er zusätzlich noch mit einer einerseits gedämpften, dennoch abwechslungsreichen und bunten Farbgebung, ein Farbspektrum, von dem sich mancher Kolorist gerne etwas abschauen darf (ich denke dabei vor allem an so manche Neukolorierung von Comic-Klassikern). Adlard gelingt es, die gelungene Erzählvorlage so mit seinem charakteristischen Stil zu verwandeln, dass der Autor dahinter fast verschwindet. Herik Hanna hat dem Künstler eine erstklassige Bühne bereitet.

Altamont ist erzählerisch wie grafisch die neue Messlatte für das schwierige Genre  Musikcomic.  

10von10Altamont (US)
Verlag, Erscheinungsjahr: Image 2026
Text und Zeichnungen: Herik Hanna/Charlie Adlard
136 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 24,99 US-Dollar
ISBN: 978-1534331723
Leseprobe

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