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Kent State – Four Dead in Ohio

Am Freitag, dem 1. Mai 1970 begannen an der Kent State University, Ohio, folgenschwere Unruhen, die vier Tage später mit Schüssen der Nationalgarde in die Menschenmenge endeten. Derf Backderf zeichnet in seiner Graphic Novel präzise nach, wie die Situation derart eskalieren konnte.

„These SDS cats are kind of a caricature … but they ain’t wrong.“ Alle Bilder © Derf Backderf, Abrams Comicarts.

Die Nerven lagen blank. Präsident Nixon war gerade dabei, den Vietnamkrieg nach Kamboscha auszuweiten und schon lange mussten Jugendliche fürchten, in die Armee eingezogen zu werden. Die Protestbewegung SDS (Students for a Democratic Society) hatte sich eben selbst zerlegt, da sie unfähig war, sich zwischen einer radikalen oder einer moderaten Haltung zu entscheiden, zudem wurde die Bewegung an Universitätscampus wie Kent State verboten und ihre Mitglieder geächtet. Die Weathermen, der militante Flügel des SDS, ging in den Untergrund und mutierte zur Terrororganisation. Welchen Einfluss Agents Provocateurs in der Zersetzung und Radikalisierung gespielt haben, kann nur gemutmaßt werden.

Derf Backderf verdeutlicht in Kent State, dass es am Campus der Kent State reichlich zu Infiltrierung und Unterwanderung von staatlicher Seite kam, man weiß von zahlreichen polizeilichen, bundesbehördlichen und geheimdienstlichen Maßnahmen auf der Suche nach Kommunisten. Gleichzeitig gab es an der Kent State University, wie überhaupt an amerikanischen Universitäten, die Möglichkeit für Studenten, sich der ROTC anzuschließen, dem Reserve Officers Training Corps. ROTC-Rekruten mussten sich keine Gedanken über Studiengebühren machen, mussten aber an militärischen Übungen teilnehmen, und lernten so praktische Dinge wie das Töten mit Hilfe einer Schnur und zwei Stöcken.

Aufgrund zunehmender Aggressionen und Protesten waren die Studierenden der Kent State vielen Anwohnern ein Dorn im Auge. Die Stimmung war bereits vor den Ausschreitungen explosiv und die Paranoia blühte: Als am zweiten Tag der Ausschreitungen der Polizeichef dem Bürgermeister zahlreiche Fehlinformationen steckt – unter anderem behauptet er, militante Weathermen würden in Bussen anreisen und Studenten bewaffnen – beschließt der Bürgermeister, die Nationalgarde einzuberufen. Ganz unbegründet war dessen Angst nicht, nur maßlos übertrieben: Den auf dem Campus verbliebenen SDSlern gelang mit einem gelungenen Brandanschlag aufs ROTC-Gebäude ein zweifelhafter Coup, der eine Steilvorlage für staatliche Repressionen jeglicher Art bot. Als die Garde eintrifft, steht das Munitionslager bereits in Flammen. Die Gardisten, spöttisch Weekend-Warriors bezeichnet, sind ängstlich und unausgeschlafen und vermuten hinter jedem Studenten den Viet Cong, die Aggression kocht gewaltig hoch. Von nun an bestimmen Jagdszenen, Hubschrauber, Tränengas und Ausgangssperren die Situation. Der Campus wird spätestens ab dem zweiten Abend zur Kriegszone.

Derf Backderf ist ein amerikanischer Künstler, der hierzulande viel zu unbekannt ist. Ähnlich wie Joe Sacco oder Howard Cruse bedient er sich eines am Underground angelehnten Stils, um reportageähnliche Geschichten zu erzählen. Sein bekanntes Werk My Friend Dahmer ist bereits verfilmt worden, blieb hierzulande aber trotz einer deutschen Ausgabe eher unbemerkt (in der amerikanischen Ausgabe prangt immerhin eine Empfehlung von James Ellroy auf dem Cover, von so prominenter Rückendeckung kann man lange träumen).

Mit Kent State greift Backderf erneut ein niederschmetterndes Ereignis der jüngeren amerikanischen Geschichte auf. In Erinnerung geblieben ist diese Tragödie vor allem durch das von Neil Young als spontane Reaktion komponierte Stück „Ohio“ mit der Schlagzeile „Four Dead in Ohio“ im Refrain. Jetzt gibt Derf Backderf den „four dead in Ohio“ Identität und Gesicht zurück: Es sind die aktivistischen Studenten Allison Krause und Jeff Miller sowie die politisch unauffällige Sandy Scheuer, die zwar Nixons Politik furchbar findet, aber auch der Meinung ist, dass Krawalle nicht zielführend sind. Nummer Vier ist der ROTC-Kadett Bill Schroeder. Alle Vier wurden mit Kriegswaffen erschossen, die auf viele 100 Meter hinaus präzise sind. Es wurden noch viel mehr Studierende angeschossen und teils schwerst verletzt, Neil Youngs pointiertes „four dead in Ohio“ macht nicht annähernd die Dimension der Tragödie erfahrbar (es war aber seinerzeit auch an den ohnehin informierten Zeitgenossen gerichtet).

Wie es zu dieser Entladung kommen konnte, dazu gibt uns Backderf mehrere schlüssige Mutmaßungen an die Hand. Die Angst der Soldaten vor den Studenten, ihre Anonymität (sie hatten ihre Namensschilder überklebt), die ihnen entgegenschlagende Aggression, der Rückhalt durch das konservative Amerika, der Frust, der Korpsgeist, die eingeschränkte Sicht durch Gasmasken, die Übermüdung, die Ausbildung zum Töten und vor allem die Tatsache, dass befohlen war, die Waffen scharf zu laden, liefern mehr als genug Erklärung. Schießen schafft in Sekundenschnelle Entlastung vom aufgestauten Druck. Der Preis dafür ist astronomisch.

Derf Backderf gelingt mit Kent State, woran viele Graphic Novels sich verheben. Selbst in wichtigen und berührenden Erzählungen wie George Takeis They called us enemy ist es eher die Dringlichkeit der Geschichte, welche die Wahl der Mittel, häufig ein biederer Zeichenstil ohne Ecken und Kanten, rechtfertigt. Derf Backderfs Zeichungen dagegen sind gar nicht bieder, sondern sprühen vor Lebendigkeit und Dynamik. Die Gesichter stets ausdrucksstark, die technischen Darstellungen und die Szenerie detailversessen und die Actionszenen so mitreißend wie furchteinflößend.

Mehr noch als das Massaker rühren einen die kleinen Alltagsszenen, die so viel wichtiger sein sollten als der Wahnsinn, von dem Backderf leider auch erzählen muss. Dass Backderf beide Erzählfäden, das Private und das Zeithistorische so perfekt parallelführt, zeigt nicht nur, dass er ein akribischer Erzähler ist, sondern beweist sein Gespür für die wichtigen Dinge im Leben. Er kontrastiert das, wie es sein sollte, mit dem, was ist.

Beeindruckend in Akribie und emotionaler Intensität

Kent State – Four Dead in Ohio10von10
Abrams Comicarts, 2020
Text und Zeichnungen: Derf Backderf
280 Seiten, sw, Hardcover, englisch
Preis: 24,99 USD
ISBN: 978-1-4197-3484-7
Leseprobe

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