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Punisher: Soviet

Der folgende Text wurde bereits einige Tage vor dem Sturm aufs Kapitol und der jüngsten Diskussion um den Punisher-Skull geschrieben. Lediglich der erste Absatz wurde nachträglich ergänzend eingefügt.

Alle Abbildungen: © Marvel Max

Zwanzig Jahre schon schreibt Garth Ennis den Punisher. Was nach Preacher (Vertigo 1995 bis 2000) zunächst nur ein vorübergehendes Nebenprojekt zu sein schien, ist längst zum zentralen Bestandteil seines Gesamtwerks geworden. Garth Ennis hat sich dabei stets gegen die Vereinnahmung des Punisher-Symbols durch rechts verwahrt. „Die Leute, die das Logo [des Punishers] in diesem Kontext tragen, machen sich etwas vor“, sagte Garth Ennis erst kürzlich dem amerikanischen SYFY Wire-Magazin, dabei Bezug nehmend auf den Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021, bei dem ebenfalls oft der Punisher-Skull zu sehen war. „Die wollen ein möglichst schockierendes Symbol auf einem T-Shirt und damit ein bisschen Eindruck machen, und abends gehen sie wieder nach Hause zu Frau und Kind und gehen wieder zur Tagesordnung über. Die haben nicht länger über das Punisher-Symbol nachgedacht als die Kasper, die [letzten Mittwoch] mit der Stars & Stripes-Flagge herumwedelten, als sie ins Kapitol einbrachen.“ Ennis hält das Symbol des Punishers im Zusammenhang mit den aktuellen Verwerfungen für komplett irrelevant.

Die Rezension zu „Soviet“

„Es macht ihnen Freude, Menschen auf möglichst komplizierte und fantasievolle Weise zu töten“, sagte der russische Offizier zu dem gefangenen japanischen Soldaten. „Es ist, wie soll ich sagen, ihre ganz große Liebhaberei. … Und warum? Weil es für sie eine Form der Belustigung war. Und es macht ihnen noch immer Spaß, solche Dinge zu tun. Ich habe sie einmal in Aktion gesehen. Ich dachte, ich hätte im Laufe meines Lebens schon einige fürchterliche Dinge gesehen, aber an dem Abend hat es mir, wie Sie sich vorstellen können, den Appetit verschlagen. Verstehen Sie, was ich sage? Rede ich Ihnen zu schnell?“

Diese Worte aus Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel bringen recht anschaulich auf den Punkt, worum es in Garth Ennis‘ neuestem Punisher einmal mehr geht. Es geht um all die Grausamkeiten, zu der Menschen fähig sind, wie unterm Mikroskop zusammengefasst. Bei Murakami sind es mongolische Nomadenkrieger, die einem japanischen Spion bei lebendigem Leib die Haut abziehen, während dessen Begleiter hilflos dabei zusehen muss. Murakamis Text bekommt man lange nicht aus dem Kopf. Das ist der Stoff, den Garth Ennis liebt.

Kernstück von Punisher: Soviet ist die Kriegserzählung eines russischen Ex-Soldaten aus dem russischen Afghanistan-Feldzug. Er erzählt Frank Castle von einer einschlägigen Begegnung mit den afghanischen Gotteskriegern, die, von der CIA hochgerüstet, an einer Gruppe russischer Elitesoldaten entsetzliche Rache verüben. Es ist eine gänzlich andere Perspektive, als wir sie aus einst einschlägigen Filmen wie Rambo 3 (1988) oder James Bond – The Living Daylights (1987) her kennen, aber die 1980er Jahre und die amerikanische Propagandaschlacht gegen die Sowjetunion liegen ja auch schon ein paar Jahrzehnte zurück.

Ennis hat sich in seiner Binnenerzählung über Afghanistan für die subjektive Erzählung eines russischen Soldaten entschieden, einmal mehr präsentiert er also eine War Story aus indirekter Sicht. Die Frage, wer hier „Aggressor“ ist und wer das „Opfer“, verbietet sich angesichts der Tragödie, die jedem einzelnen wiederfährt. Es gibt zu viele einander widersprächende Erzählungen, so dass die Frage nach Verantwortung und Schuld bei Ennis nur interessiert, wenn sich daraus Kapital für die Erzählung schlagen lässt. Ansonsten geht es bei Ennis stets um den direkten Blick ins Herz der Finsternis – und das ist für alle gleich dunkel. Einen einzigen Lichtblick gestattet uns die Erzählung des Russen, als dieser Mitgefühl für die afghanische Zivilbevölkerung äußert, die nach dem Abzug der sowjetischen Besatzung den hochgerüsteten Mudschahiddin in die Hände fällt. Auch hier fällt sofort, nachdem die Möglichkeit auf ein besseres Leben kurz aufgerissen wurde, der dunkle Vorhang. Die allumfassende Koruption frisst jede Hoffnung.

Garth Ennis gelingt es in Punisher: Soviet, komplexe Zusammenhänge zu einer glasklaren Actionstory zu verdichten. Dabei ist sein Punisher schon lange eine Figur, die ich nicht mehr sehen mag. Ich hasse dessen Look, den schwarzen Mantel und den Totenschädel, der aus gutem Grund vor allem als Poser-Emblem für gewaltverliebte Trumpisten Verwendung findet. Ich hasse die Waffenverliebtheit und wofür der Punisher steht. Ich schließe dabei ausdrücklich die Version von Garth Ennis mit ein, denn erst Ennis hat diesen Ledermantel-Look vollends etabliert. Obwohl mir die Geschichten immer wieder Bewunderung abringen, ist die Figur schlichtweg völlig drüber, gerade auch in der vorliegenden Story. Dennoch macht auch die letzte, ekelerregende Pointe in Soviet künstlerisch Sinn. Der Blick ins Zentrum der Dunkelheit wird bis zuletzt konsequent zugespitzt und an entscheidender Stelle überhöht. Erzählerisch ist das nur konsequent.

Im Grunde ist jede reaktionäre Projektion in diesen Punisher, wie ihn Garth Ennis erzählt, fehlgeleitet. Von diesem Punisher brauchst du nicht hoffen, dass er dich in ein besseres Leben führt. Wo Ennis‘ Frank Castle auftaucht, ist alles bereits zu spät. Garth Ennis erzählt Horrorgeschichten vom Untergang, wie H.P. Lovecraft Geschichten vom kosmischen Grauen erzählt. Dass der Punisher auch anders erzählt werden kann, hat dagegen Jason Aaron bewiesen. Bei Aaron dienen die ständigen Grenzüberschreitungen Frank Castles in letzter Konsequenz als Handlungsanweisung für Frustrierte, damit die kaputte Gesellschaft repariert werden kann. Garth Ennis ist diesen Erzählschritt nie gegangen. Rechtsextremen Punisher-Fans dürften diese Spitzfindigkeiten, obwohl Ennis sich wiederholt vom rechtsextremen Spektrum distaniziert hat, egal sein. Da wird im Bedarfsfall einfach eine Grenze zwischen Comic und Wirklichkeit gezogen. Aber das Symbol und die Haltung gegenüber der Gesellschaft sind viel zu verführerisch, um nicht vereinnahmt zu werden.

Good clean fun? Unser „favourite mass-murdering vigilante“ (Multiversity Comics ganz ironisch) lässt die beiden erst ihre eigenen Gräber schaufeln, um sie dann mit Genickschuss hinzurichten. Sie kommen vergleichsweise gut davon.

Jacen Burrows‘ Grafik ist ebenso glasklar wie Ennis‘ Skript. In jedem Panel herrscht die gleiche distanzierte Nüchternheit, egal ob gerade jemand zu Tode gefoltert wird oder ob Frank Castle ein Glas Wodka trinkt. Seine Spannung bezieht Punisher: Soviet rein aus der Faszination gegenüber dem Grauen, das die Geschichte entfaltet. Die distanzierte Optik trägt dazu einen erheblichen Teil bei. Jacen Burrows‘ Bilder sind gleichermaßen detailiert und realistisch, aber auch stets etwas entrückt. Wenn man möchte, kann man in der Lakonie, in der das routinierte Töten stattfindet, Humor sehen. Allzu standardisierte Kills und Explosionen werden gar nicht mehr gezeigt, einzig und allein der Exzess ist für Ennis und Burrows noch zeigenswert.

Kein Zweifel: Garth Ennis und Jacen Burrows verstehen es, unter die Haut des Lesers zu gehen. Man sollte besser aufpassen, dass sie sich nicht dauerhaft dort einnisten.

Wenn die schlimmsten Exzesse das Weltbild bestimmen. Am besten Abstand halten.

Punisher: Soviet
Marvel, 2019 (deutsche Ausgabe bei Panini)
Text: Garth Ennis
Zeichnungen: Jacen Burrows
136 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 17,99 US-Dollar
ISBN: 978-1-302-91341-0

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