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Save it for Later

Nate Powell kämpft gegen das Böse, aber hat er eine Chance? Hat er die richtigen Waffen gewählt? Save it for later heißt das Schwert, das Powell gegen Trump & Co. mit sich führt.

Alle Abbildungen © Carlsen Verlag

Von Nate Powell darf man schon einiges erwarten. Insbesondere für Swallow me Whole (2008) und seine March-Trilogie (2013–16) über das Leben des amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten John Lewis hat Powell einiges internationales Lob erfahren, für Ersteres u.a. einen Eisner Award, für Letzteres u.a. den National Book Award erhalten. Man darf also durchaus mit hohen Erwartungen an Save it for Later herantreten, und ich darf vorwegnehmen: Man wird enttäuscht werden.

Save it for later besteht aus sieben Kapiteln, sie zwischen 2017 und 2020 entstanden sind. Es handelt sich um sowohl autobiographische Episoden, die Nate Powell mit seiner Frau und ihren beiden Kindern zeigen, als auch um Comic-Essays. Sämtliche Kapitel setzen sich mit Powells Beobachtungen rassistischer, nationalistischer und militaristischer Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft auseinander.

Das fünfte Kapitel sticht in besonderer Weise heraus, wie schon Sven Jachmann auf Comic.de sehr treffend festgestellt hat. Es handelt sich bei dem Kapitel übrigens um einen Essay, der erstmals 2019 online open access publiziert wurde. In About Face (dt. Über Gesichter) setzt Powell sich detailliert mit einer dezidiert militaristisch-nationalistischen Symbolik auseinander, die hierzulande sicher nicht vollumfänglich bekannt sein dürfte. Er erklärt die Verwendung des Punisher-Totenkopfs in verschiedenen Kontexten (vgl. hierzu auch den Artikel von Christian Muschweck), die Boogaloo-Bewegung (Hawaihemd + Maschinengewehr) bis hin zur Entwicklung des Männlichkeitssysmbols überhaupt: des Vollbarts. Dieser gehöre zum symbolischen Arsenal amerikanischer Söldnereinheiten und werde zunehmend, wie manches andere Militärinsignum, in den zivilen Kontext überführt. Powell sieht darin die Inszenierung eines mythischen Dauerkriegs. Die Thesen, die Powell hier in Wort und Bild formuliert, sind interessant, diskutabel, wenn gleich sehr assoziativ. Manche (zentralen) Details sind auch nicht unwidersprochen geblieben.

Von diesen argumentierenden Passagen sind die autobiographischen Episoden zu unterscheiden, denn Powell hat sich für eine hybride Form entschieden: Save it for Later ist zum einen eine autobiografische Erzählung darüber, wie er und seine Familie die politischen Ereignisse der letzten Jahre erlebt haben: Trumps Wahlerfolg, Black Lives Matter, die Ereignisse von Charlotteville, die Reaktionen auf die Coronapandemie etc. Zum anderen aber ist es als Essay konzipiert, der Oberflächenphänomene eines zutage tretenden Nationalismus, Militarismus und Populismus zu analysieren versucht. Sein Scheitern ist dreifach: Sowohl die Kombination beider Genres ist unglücklich, als auch ist jede Form für sich nicht gelungen.

Die biografischen Passagen, in denen Powell von seinen eigenen Zukunftsängsten und der Politisierung seiner Töchter erzählt, sind von viel gutem Willen geprägt, kommen aber kaum über den Appell „Geht auf die Straße und protestetiert“ hinaus. Indem die Kinder als Einhörner dargestellt werden, stigmatisiert Powell sie als aus dem erwachsenen Wertekosmos Ausgegrenzte, was allerdings schnell an erzählerische Grenzen stößt, zum einen, weil die Kinder nicht sehr kindlich handeln, zum anderen, weil die gesellschaftlichen Probleme sie allesamt in hohem Maße betreffen.

Argumentativ hat Powell, wie oben beschrieben, sehr starke Passagen, aber insgesamt erschreckt doch die Naivität der Erklärungsmodelle. Wenn er seiner Tochter von dem unerwarteten Wahlsieg Donald Trumps 2016 erzählt, fasst er zusammen: „Der Böse hat gewonnen.“ Unabhängig davon, ob man sich als Trumpist oder progressiven Demokraten versteht, sollte man eine politische oder gesellschaftliche Analyse nicht in ein Fazit münden lassen, das in den Kategorien „gut – böse“ oder „normal – wahnsinnig“ formuliert. Wer so argumentiert, nimmt sich selbst die Möglichkeit einer echten Analyse. Wer etwas „böse“ oder „irre“ findet, sucht nicht nach Erklärungen, Zusammenhängen, Ursachen oder Wirkungen und wird entsprechend auch nichts finden.

Leider geht Powell damit auch Steve Bannon, dem einstigen Berater Donald Trump, auf den Leim, wenn er diesen zitiert: „Dick Cheney, Darth Vader, Satan. That’s power. It only helps us when they get it wrong. When they’re blind to who we are and what we’re doing.“ Wer Steve Bannon und Darth Vader nicht auseinanderhalten kann und Trump für das personifizierte Böse hält, wird in seiner Blindheit nicht sehen, was wirklich geschieht. Diese Blindheit muss Powell sich vorwerfen lassen.

Insgesamt enttäuscht dieser Band, weil sein hoher Anspruch, Beobachtungen über von Trump über Black Lives Matter bis hin zu Corona und Bartmoden zusammenzubringen, fast zwangsläufig an der semi-autobiografischen Form scheitert, denn Betroffenheit, Bestürzung und Besorgtheit sind nicht nur schlechte Argumente, sie stören auch die stärkeren Passagen der Argumentation. Wer Powells Zeichnungen schätzt, ist mit Come Again (2018) besser beraten, und wer Powells stärkste Argumente lesen möchte, ist mit About Face besser bedient.

Kann man sich auch sparen

4von10Save it for Later – Über Verantwortung für unsere Zukunft und die Dringlichkeit von Protest
Carlsen Verlag, 2021
Text und Zeichnungen: Nate Powell
Übersetzung: Christian Langhagen
160 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-551-76188-0
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