Auf dem Comic-Salon gab es eine schöne Ausstellung, die dem Jaja-Verlag gewidmet war, darunter eine Nische für Jutta Pilgrams Comicdebut Glaub mir. Dort fanden sich allerhand Dokumentationen über christlichen und muslimischen Fundamentalismus, collagiert mit Panels aus Jutta Pilgrams Comic. Mir war recht schnell klar, diesen Comic möchte ich lesen.

„Mir was mulmig bei dem Gedanken, dass Gott alles von mir wusste.“ Alle Abbildungen © Jaja-Verlag
Das Collagenhafte hat letztlich keinen Einzug in Jutta Pilgrams Buch gefunden, stattdessen dominiert ein naiv-einfacher Strich, der nur manchmal – wenn Nebenerzählungen in den Fokus gerückt werden – invertierten Bildern weicht, die in filigranen weißen Linien auf schwarzem Grund gezogen sind. Diese Stilbrüche peppen die Story auf. Leider gibt es zu wenig davon.
In Glaub mir erzählt Jutta Pilgram von einer Freundschaft zweier Mädchen: der Christin Regina und der Muslimin Malika. Beide sind religiös geprägt, wobei der Fundamentalismus von Reginas Eltern deutlich befremdlicher wirkt als die Religiosität der Muslime, die auf mich irgendwie „normaler“, gewöhnlicher, akzeptierter wirkt.
Für beide Mädchen ist der zunehmende Druck, der auf sie ausgeübt wird, mit Beginn der Pubertät zu viel. Für Malika wird eine arrangierte Ehe angebahnt, Regina wird schlichtweg von ihren weinerlichen Eltern so sehr gegängelt und belehrt, dass sie daran zeitweise fast zerbricht. Die Freundschaft der Mädchen geht in die Brüche, weil sich die Eltern der Kinder trotz aller Differenzen in einer einzigen Sache einig sind: Die Kinder sollen nicht länger miteinander spielen. Irgendwann sehen sie sich als Erwachsene in Luxor wieder, was ihnen Gelegenheit bietet, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Deutsche Tristesse.
Jutta Pilgrams Erzählstil ist geradlinig und funktionell, so dass man sich ohne Hindernisse sehr schnell in ihr Buch hineinliest. Bevor man sich versieht, ist man bereits 50 Seiten weit gekommen und fühlt sich durchaus gut von der Autorin an der Hand genommen. Die erzählerische Reduktion indessen ist sehr auf die Spitze getrieben, die Dialoge sind eher thesenhaft als lebendig und die konstruierte Handlung ist so zwingend, dass für echte Reflexion und Innenleben der Figuren zu wenig Platz ist. Vor allem Reginas Eltern verkörpern einen primitiven Fundamentalismus an der Schwelle zum Aberglauben, so dass die Distanzierung davon nicht schwer fällt. Regina zieht am Ende den Schluss, dass es besser ist, selbst zu denken als sich von religiösen Zwängen dominieren zu lassen; meiner Meinung nach ein etwas einfaches Fazit. Die muslimische Malika dagegen behält ihren Glauben an Allah und kann trotzdem ein kritischer Mensch sein. Die kulturelle Barriere wird also bis zuletzt nicht aufgelöst. Muslime sind bei Pilgram – auch ohne Kopftuch – religiös, die Säkularisierten aus dem Westen, die für sich selbst denken, sind es nicht.
Es gibt Nebenfiguren, die die Erzählung um weitere Perspektiven bereichern, z.B. Reginas Bruder, der abhaut, weil er die Enge zu Hause nicht aushält. Malikas Bruder dagegen gebiert sich besonders muslimisch, ist aber vermutlich queer. Gerade letzterer Konflikt hätte sicher eine intensivere Auseinandersetzung verdient.

„Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort, an dem treffen wir uns.“
Die Reduktion der Zeichnungen ist zweifellos gelungen und erzeugt geschmeidige Lesbarkeit, aber gerade die Außenorte sind oft seelenlos. Regina lebt mit ihren Eltern in einer modernen Flachdachsiedlung, die in dieser Form sicher irgendwo in Deutschland zu finden ist. Bei der gewählten Darstellung sieht man jedoch keinen Anhalt mehr, ob wir uns hier überhaupt in Deutschland oder vielleicht doch in Ägypten befinden. Das gleiche gilt für die stilisierten Bäume. Dass Jutta Pilgram Orte durchaus attraktiv gestalten kann, stellt sie an anderer Stelle durchaus unter Beweis. Wo sie es für geboten hält, reduziert sie aus Gründen der Erzählökonomie oft ein Stück zu viel.
Glaub mir erscheint mir gut geeignet als Schullektüre für Fünft- bis Achtklässler und kann in dieser Altersgruppe sicher gewinnbringend und anregend diskutiert werden, gerne auch fächerübergreifend in Politik und Gesellschaft, Deutsch und Kunsterziehung. Gelungen sind auf jeden Fall die Darstellungen, in denen Regina eine Paranoia vor dem Allwissenden Gott entwickelt, beispielsweise das Bild ihres offenen Kopfes, in dem Gott jederzeit ungefragt herumrühren kann. Von solchen eindringlichen Bildern hätte ich mir mehr gewünscht.
Glaub mir ist ein respektables Debut, das erzählerisch wie darstellerisch etwas an Selbstbeschränkung und Reduktion leidet.
Glaub mirJaja Verlag, 2026
Text und Zeichnungen: Jutta Pilgram
244 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3948904814
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