Nach dem „feucht-fröhlichen“ letzten Comic-Salon im Jahr 2024 konnten sich Comicbegeisterte dieses Mal bei festivalfreundlicherem Wetter (mit nur kleinen Starkwind-Kapriolen und kurzen Regenschauern) im fränkischen Erlangen tummeln und auch die Außenbereiche, allem voran den Schlossgarten, ausgiebig nutzen und genießen.
Comicszene und Salon präsentierten sich trotz allen wirtschaftlichen und politischen Unbills so vielfältig und kreativ, dass die großen Einsparungen aufgrund der Finanzkrise der Stadt überhaupt nicht groß auffielen. Im Gegenteil erschien das Programm der größten Comicmesse Deutschlands (dieses Jahr Rekord mit über 35.000 Besucher:innen) gefühlt mindestens so umfangreich wie sonst, wenn nicht gar noch umfangreicher. Chapeau, Kulturamt Erlangen!
Die Comicgate-Crew war natürlich auch wieder vor Ort, um die vielen, vielen Ausstellungen, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Künstler*innengespräche, Kindercomic-Rallyes und natürlich die Comicmesse zu besuchen und dabei ganz persönliche Eindrücke zu sammeln. Diese präsentieren wir euch in Form unseres bewährten Messe-ABCs, mit dem ihr hoffentlich soviel Spaß habt, wie wir auf dem Salon!

Foto: Thomas Kögel
A
Affen, kochende
Die kochenden Affen? Was sich dahinter verbirgt, verriet eine schön aufgemachte Ausstellung in einem Ladenlokal südlich des Schlossgartens: Nichts weniger als die Kulturgeschichte des Kochens und dessen Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit ist das Thema des so betitelten Sachcomics von Tine Steen, erschienen im Avant-Verlag. Auf fast 300 Seiten werden eine Menge wissenschaftlicher Erkenntnisse witzig-anschaulich in verschiedene Comicszenarien eingebettet.
Angesichts der gekonnten Umsetzung war ich erstaunt, nie zuvor einen Comic von Tine Steen gelesen zu haben. Da sie persönlich in der Ausstellung zugegen war, konnte ich gleich nachfragen, was sie denn zuvor gezeichnet hätte. Die verblüffende Antwort: „Das ist mein Erstlingswerk.“ Wie sich herausstellte, hat Tine Steen lange Jahre als bildende Künstlerin Gemälde, Skulpturen und Installationen geschaffen. Erst, als sie diese Kunstformen als unpassend für das epische Koch-Thema empfand und ihr ein Dokumentarfilm dazu zu teuer und aufwändig erschien, entdeckte sie den Comic als das passende Medium. Dass ihr Erstlingswerk dann ein so kompetenter und witziger Sachcomic mit derartigem Umfang geworden ist, ist schwer beeindruckend. Offenbar auch für die Jury des diesjährigen → GINCO Awards, die Die Kochenden Affen als besten Sachcomic ausgezeichnet hat. (AV)
Alina Fox
Seit Jahren schon folge ich dem Podcast Bahnhofskino mit Patrick Lohmeier und Daniel Gramsch, weswegen es mir ein Anliegen war, endlich mal Daniel Gramschs Comicserie Alina Fox kennenzulernen, in der die Abenteuer einer Meisterdiebin erzählt werden. (Man sollte sie auf keinen Fall mit Lara Croft verwechseln). In Halle A teilte sich Daniel gemeinsam mit seinem Buddy aus Gespenstergeschichten-Zeiten, Winfried Volkmann, den kleinstmöglichen Stand und skizzierte eigentlich pausenlos vor sich hin. Es war mir ein Freude, mit den beiden über die Nacht der reitenden Leichen zu reden – keine Ahnung wie wir auf dieses Thema gekommen sind – und dann hat mir Daniel noch einen untoten Tempelritter gezeichnet und Winfried ein astreines Stück Monstergallerie. Natürlich hat es der erste Alina Fox-TPB nun auch in meine Sammlung geschafft, ein kompetenter kleiner Abenteuercomic, der konsequent etwas sehr unterm Radar segelt, aber immerhin im Podcast regelmäßig mit großer Leidenschaft beworben wird. Da sieht man mal wieder: Werbung hilft. (CM)
B
Bertail, Dominique
Wie ein Zeitzeugenbericht fühlte sich das Künstlergespräch mit Dominique Bertail an, auch wenn es nur ein Zeitzeugenbericht aus zweiter Hand war. Dominique Bertail ist Zeichner der Reihe Madelaine, die Widerständige, die dieser in Zusammenarbeit mit dem Szenaristen Morvan und der Zeitzeugin Madeleine Riffaud gestaltete. In zahlreichen Sitzungen interviewten Morvan und Bertailt die weit über 90-jährige Madeleine Riffaud, eine ehemalige Resistance-Kämpferin im besetzten Frankreich, die Ungeheuerliches erlebte und überlebte. Herausgekommen ist dabei kein zurückhaltendes, feinfühliges Tasten, wie wir es beispielsweise von Barbara Yelin kennen, die ebenfalls immer wieder mit Zeitzeug*innen arbeitet, sondern eine geradlinige Erzählung, von der Bertail selbst meinte, er habe etwas im Erzählstil der Tintin-Comics im Sinn gehabt. Eine sehr realistische, sehr grausame Variante von Tintin allerdings. Bertail hat die Geschichte komplett in Blau-Weiß-Kontraste getaucht, einerseits, weil er sonst zu viel Rot für die zahlreichen blutigen Szenen benötigt hätte, andererseits, weil Blau gepaart mit Weiß das Weiße stärker zum Leuchten bringt als jede andere Farbe. (Man kennt den Effekt auch von UV-Aufhellern, die Waschmitteln für weiße Wäsche beigefügt werden.) (CM)
C
Comic-Enten mit Raketen (aber ohne Merch)
Florian Satzinger – der Name sagte mir gar nichts. Aber als ich das Teaserbild für die Ausstellung zu seiner Arbeit im Schauraum des (noch immer in der Planung befindlichen) Comicmuseums Erlangen sah, wusste ich sofort, dass ich dorthin muss. Und nicht umsonst: Was der gefragte österreichische Character Designer, der u.a. für Warner Bros. und Disney gearbeitet hat, hier zur Schau stellte, hat mich auf jeden Fall stark begeistert. Seine Artworks, die irgendwo zwischen klassischen Disney-Comics, Looney Tunes und frankobelgischem Comic angesiedelt sind (Satzinger gibt Carl Barks, Bruno Bozzetto, André Franquin und Chuck Jones als seine größten Einflüsse an), bersten geradezu vor Kreativität und Humor. In jeder detailverliebten Zeichnung scheinen Dutzende Geschichten zu stecken.
Derart angetan wollte ich irgendetwas aus dieser Ausstellung mitnehmen: ein Artbook, einen Comic, ein Poster… irgendwas. Aber wie mir mitgeteilt wurde, gab es nichts dergleichen. Nicht mal das in einer Vitrine ausgestellte Interview-Buch gab es zu kaufen. Irgendwie sympathisch dieser völlig nicht-kommerzielle Auftritt, aber auch ein klein bisschen enttäuschend. Unglaublich übrigens, dass Florian Satzinger zwar als erster nicht-italienischer Zeichner eine Titelillustration fürs Disney-Magazin Topolino geschaffen, aber bisher noch keinen kompletten Disney-Comic gezeichnet hat. Gebt dem Mann mit dem Faible für skurrile Enten einen dicken Disney-Hommage-Band, in dem er sich an Donald Duck austoben kann! (AV)
Comic Film Fest
siehe → Without a Cape
D
Derouet, Paul
siehe → Vierzig Jahre Comic-Seminar
Die drei ???
Christopher „Piwi“ Tauber war bei den Drei ???-Comics zuerst Zeichner und ist seit 2019 auch der Co-Autor dieser Reihe. Am Donnerstagabend las er gemeinsam mit Matthias Wieland aus dem Band Phantom Highway, der letztes Jahr erschien und den er zusammen mit Calle Claus erschaffen hat.
Musik spielte bei der Lesung eine große Rolle. Ein bisschen verfluche ich Matthias Wieland, der den Auftakt mit seinem selbst komponierten und von Calle Claus getexteten Song „Honeymoon on the Moon“ machte (und zufälligerweise mich erwischte zum Mitschunkeln à la 80er-Jahre-Hitparade) und dabei der gesamten Familie einen Ohrwurm spendierte, der uns bis heute verfolgt (zu hören hier auf Piwis YouTube-Kanal). Argh!
Die Lesung litt ein wenig unter einer etwas zu laut eingestellten Soundanlage, aber der Abend mit seinen gut gelaunten Gastgebern, der Auswahl der Soundkulisse, die eine tolle Symbiose mit den Bildern und Worten einging, sowie der Einblendung von Laser-Musikvideos, allesamt von Matthias Wieland zur Erweiterung des Comics komponiert, hat im proppenvollen Stufensaal des → kubics viel Spaß gemacht. (FP)
E
Elefant im Raum
Das Thema, um das momentan fast niemand herumkommt, egal in welchem Kontext, ist die Künstliche Intelligenz. Ein maximal schwammiger Oberbegriff, dem oft mehr Präzision gut tun würde: Reden wir über Sprachmodelle (LLMs), über Bildgeneratoren, über Machine Learning, über populäre Chat-Dienste? Aber gut, das alles lässt sich schwer voneinander abgrenzen und vermischt sich im Alltag tatsächlich.
Die „KI“ und deren schwer absehbare Folgen waren jedenfalls auch beim Comic-Salon präsent. In vielen Gesprächen und Anekdoten war zu hören, dass sich die Möglichkeiten der generativen KI, verbunden mit Sparzwängen bei Verlagen und Firmen, deutlich auf die Auftragslage von Illustrator*innen auswirken. Für viele Comicschaffende sind Illustrationsaufträge ein wichtiges wirtschaftliches Standbein – und das gerät gerade zunehmend ins Wackeln. Besonders ungerecht dabei ist, dass die „KI“ die schönen bunten Bilder nur wie gewünscht erzeugen kann, weil sie vorher mit den Schöpfungen der Künstler*innen gefüttert wurde, die jetzt angeblich nicht mehr gebraucht werden – ungefragt und ohne Kompensation.
Dass also Zeichnerinnen und Zeichner dieser Technologie mindestens mit großem Unbehagen begegnen, ist nachvollziehbar. Ganz so schwarz-weiß wie im Titel der Podiumsdiskussion „KI – Freund oder Feind?“ lässt sich das Thema aber auch nicht beleuchten. Mit Steff Murschetz saß hier einer der wenigen Kreativen auf der Bühne, die KI-Werkzeuge offensiv umarmen und damit neue Werke schaffen. Die Technik ermögliche ihm Dinge, die er vorher allein nicht (mehr) schaffte, zum Beispiel das Erstellen von Trickfilmsequenzen oder ein zitterfreies Tuschen. Er begreift „KI“ also als für ihn nützliches Werkzeug, und laut seiner Aussage erfährt er dafür in der Szene viel Ablehnung und Ausgrenzung.
Ingo Römling, der nach eigener Aussage inzwischen vom Comiczeichnen leben kann, beantwortet die Frage „Freund oder Feind?“ dagegen (etwas zögernd) mit „eher Feind“. Zum einen sei es frustrierend zuzusehen, wie KI-Einsatz dafür sorgt, dass bei seinen Kolleg*innen Jobs wegbrechen, zum anderen sehe er für seine eigene kreative Arbeit keinen persönlichen Nutzen durch KI-Werkzeuge. Etwas anders sehe es bei unkreativen Tätigkeiten wie Buchhaltung oder dem Freistellen von Fotos aus. Ähnlich argumentierte auch Verlegerin Martina Streble vom Kindercomicverlag Edition Helden. Ihre Kundschaft suche persönlichen, künstlerischen Ausdruck statt künstlich generierter Inhalte. Würde sich jemand mit „AI art“ bei ihr bewerben, würde sie ablehnen. Während das Pro und Contra in der Diskussion also relativ klar war, blieb jedoch offen, wie wir als Branche, als Szene oder als Gesellschaft denn künftig mit der Technologie, die ja nicht einfach verschwinden wird, umgehen sollen. Forderungen etwa nach gesetzlicher Regulierung oder einer Kennzeichnungspflicht wurden kurz angerissen, für eine Vertiefung blieb hier aber leider keine Zeit.
Etwas mehr Tiefgang bot wahrscheinlich der Vortrag von Lukas R. A. Wilde im Rahmen des Comic-Solidarity-Programms, den ich aber leider verpasst habe. Wilde erforscht als Uni-Professor in Trondheim unter anderem KI-generierte Bilder und deren Ästhetik. In seinem Vortrag ging es u.a. um „gefühlte Kreativität“. Kollegin Lara Keilbart fand auf Bluesky lobende Worte. (TK)
Der Vortrag „Generative KI, Comics, Medienästhetik: Ein kritischer Forschungsüberblick“ von Lukas R.A. Wilde war wirklich gut. Wahrscheinlich der einzig relevante zu dem Thema auf dem Festival. #KI #CSE26 #Comic
F
Feral
Düster, dunkel und schwarz war der Messestand von chapter-x im obersten Stockwerk des Kulturzentrums → kubic, wo sonst eher bunte Regenbogenfarben dominierten. Chapter-X ist der Kleinverlag, der uns seit einigen Jahren die Feral-Magazine in den Bahnhofsbuchhandel bringt, großformatige Hefte, die entfernt nach Warren-Magazinen wie Vampirella oder Eerie aussehen, tatsächlich aber selbstgemachte Horrorstories und Gastbeiträge aus dem internationalen Indie-Sektor liefern, oft eine Mischung aus Vampyros Lesbos und Vampirella. Feral-Herausgeber Ömer Yalinkicz, Chemie-Laborant mit einem Faible für antike Filmrollen, ist ein gut vernetzter Quereinsteiger, außerdem schon zeit seines Lebens leidenschaftlicher Rock’n’Roll-Fan, der auch Schallplattencovers für Surf-Bands wie die Messer Chups erstellt, denen er in seinen Heften auch gerne eine Plattform bietet. In Heft 5 befindet sich ein Interview mit der italienischen Comiczeichnerin Ester Cardella, von der auch die gelungenste Story des Hefts abgedruckt ist: „Bloodlust“, eine erotische Initiation ins Vampirdasein mit viel Sex. Außerdem befindet sich darin ein Nachruf auf das kanadische Model Amanda Feral Nielsen, die Frau, die Ömer überhaupt zu einem Magazin dieser Art inspiriert hat. Feral ist aber kein morbides Projekt, sondern setzt in erster Linie auf Ästhetik. Dazu passt, dass Ömer Yalinkiczs Illustrationen mit jedem Heft besser werden. Da macht jemand sein Ding und teilt den Spaß mit uns! (CM)
G
Ghostbusters
Am späten Donnerstagnachmittag zogen dunklere Regenwolken über Erlangen auf und brachten Regen und Wind mit sich. Auf der Hauptstraße vor dem Kunstpalais traf ich auf zwei (Cosplay-) Ghostbusters, die mich wild gestikulierend vor einer drohenden Gefahr warnten. Und tatsächlich, das Vordach eines Imbisswagens bewegte sich heftig hoch und runter. Während ich zur Seite ging und noch überlegte, welcher Geist wohl dahinterstecken könnte, fiel in Zeitlupentempo ein vom Wind umgelegter Fahnenmast mit der Beflaggung des Salons an die Stelle, wo ich ohne das Eingreifen der Geisterjäger gestanden hätte. Ein herzliches Dankeschön an die Ghostbusters und ihre Rettung vor einem größeren Unglück!
Ansonsten meinte es das Wetter überwiegend gut mit dem diesjährigen Comic-Salon. Schausteller würden von einem Leichte-Jäckchen-Wetter sprechen: nicht zu warm, nicht zu kalt und vor allem nicht zu viel Regen. (AC)
GINCO Award
Bester Kindercomic: Der Zahn von Ayşe Klinge
Beste Graphic Novel: Leib von Lias Sinram
Manga-Spotlight: Rabenfluch 3: Zauber und Schatten von LIAN
Sachcomic: Die kochenden Affen von Tine Steen
Comic-Experiment: Remix: Lost Places von Julia Kleinbeck
Herzenscomics:
Wenn der Regen aufhört von Jiaqi Hou
Toxic von Amelia Fiske & Jonas Fischer
Die Laudationes können hier nachgelesen werden.
Grauer Hund
Katharina Kuhlenkampff gestaltete für ihr Comicdebut Wie ich ein grauer Hund wurde nicht nur eine Ausstellung, ihre Figuren schafften es sogar auf die Fahnen des Comicsalons. Minimalismus macht einfach gutes Design. Außerdem hat sie nach der Vorlage ihrer minimalistischen Tierfiguren Dutzende von Tonfiguren hergestellt und damit passende Stimmungsbilder zum Thema ihres Buchs gebastelt, beispielsweise das Gefühl, dass alle eine Erwartungshaltung an dich haben, du aber keiner einzigen gerecht wirst. Der graue Hund ist eigentlich ein neugieriges, aufgewecktes Kind, das ursprünglich mal Dinosaurier mochte und sehr lieb war, bis sich die anderen Kinder irgendwann einig waren, dass es ein super Opfer für perfides Mobbing sein könnte. Dazu kommt, dass der graue Hund einen ständigen Begleiter hat, eine Art Über-Ich, das ihn klein hält und stumm macht. Keine leichte Kost, perfekt auf den Punkt gebracht. Katharina Kuhlenkampff arbeitet mit nur wenig Linien. Jede sitzt perfekt. (CM)
H
Hauptsponsor
Der Hauptsponsor des Salons war wieder die DATEV eG, die nicht geizte mit schönen und durchaus praktischen Merchandise-Produkten und diese auch aktiv in der Stadt verteilte. Worüber ich mich wirklich gefreut habe, war die Ausgabe von besonderen Upcycling-Beuteln, die man bei den Comic-Quizzen auf der Datev-Bühne gewinnen konnte: Diese wurden aus den Fahnen des letzten Comic-Salons genäht. (FP)
I
ICE Out Comics
Ich hatte natürlich eine Ahnung, was mich in dieser Ausstellung erwartet, denn ich hatte im Januar 2026 mitbekommen, dass unter dem Hashtag #iceoutcomics dazu aufgerufen wurde, sich mit der inhumanen Einwanderungspolitik der Trump-Regierung und der freidrehenden US-Einwanderungsbehörde I.C.E. auseinanderzusetzen, die mit ihren martialisch auftretenden und schwer bewaffneten „Agents“ vor allem Städte in demokratisch regierten Bundesstaaten heimsucht.
In der Annahme, ich sei angesichts meines Vorwissens über die brutalen „ICE-Raids“ und ihre Auswirkungen auf die Stadtgemeinschaften schon etwas abgebrüht, war ich überrascht, wie sehr mich die kurzen, von der Machart her ganz unterschiedlichen Comics in ihren Bann zogen und berührten. Dazu beigetragen hat bestimmt die gut kuratierte Auswahl, die weniger auf eine Masse von Exponaten setzte, als auf eine überschaubare Anzahl von Comics, bei denen manche Künstler*innen mit mehreren Werken vertreten waren, was dabei half, eine stärkere Verbindung und Nähe zu ihnen aufzubauen.
Eine auf ihre schnörkellose Art gelungene Comic-Ausstellung zum Zeitgeschehen, die mir mal wieder eindrucksvoll die Stärke des Mediums in Bezug auf anschauliche Vermittlung von Erfahrungen, Lebenswelten und Emotionen ins Gedächtnis gerufen hat. (AV)
ICOM Independent Comic Preis
Bester Independent Comic (Selbstveröffentlichung): Herrmann von Ray Henderson
Bester Independent Comic (Verlagsveröffentlichung): Der Zahn von Ayşe Klinge
Bester Independent Comic (Sonderpreis): Titus Ackermann
XPPen-Preis für herausragende digitale Comics:
Tinkerville Blues von Michael Mikolajczak und Andreas Möller
Onaya: Rise of a Druidess von Luphialia und Mario Affenzeller
Die Laudationes gibt es hier.
J
Jaja Verlag
siehe → Unruhige Zeiten
K
Keine Comics
Es gibt mittlerweile viele, sehr viele Stände auf der Salon-Messe, an denen kein einziger Comic (oder comicbezogenes Zine/Magazin) verkauft wird. Stattdessen: Prints, Holzpins, Buttons, Sticker, Tassen, Kartenspiele und Postkarten oder auch Schaumstoff-Waffen. Das alles hat natürlich auch seine Fans und ist schon seit einer ganzen Weile Teil des Salons. Aber fühlt es sich nur so an, oder scheinen es immer mehr Stände dieser Art zu werden?
Wenn dies in der gut besuchten Messehalle C (Redoutensaal) auf geschätzt jeden zweiten bis dritten Stand zutrifft, während manche Comiczeichner*innen mit Comics im Gepäck im (vergleichsweise) nicht so gut besuchten Labyrinth des → kubic versteckt/platziert werden, stellt sich schon die ketzerische Frage an die Salon-Orga, ob nicht Aussteller*innen, die wirklich Comics präsentieren und verkaufen anstatt Merch mit Illustrationen, bei der Standvergabe bzw. -lage bevorzugt werden sollten. Aber damit mache ich wahrscheinlich ein Fass voller Zankapfel-Wein auf, das besser verschlossen bleiben sollte … Also vergessen wir das lieber gleich wieder. (AV)
KI
siehe → Elefant im Raum
Kinder lieben Comics
Seit ich ein Kind habe, hat sich für mich der Besuch des Comic-Salons grundlegend gewandelt. Der Schwerpunkt ist mittlerweile automatisch der Kindercomics-Teil geworden, der auf dem Salon zudem dankenswerterweise immer weiter ausgebaut wird. Es ist für mich total spannend, wie mein Sohn mit drei Jahren, mit fünf und jetzt mit sieben Jahren auf das Angebot reagiert und was wir für uns finden.

Wegweiser am kubic für „Kinder lieben Comics“, illustriert von Thomas Wellmann. Foto: Alexander Christian
Der Programmteil „Kinder lieben Comics“, der vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, war in einem neuen Salon-Standort, dem → kubic, untergebracht, was sich für uns als genial herausgestellt hat: tolle Säle für Lesungen und Vorträge, Mitmachprogramme wie Workshops (für die man sich deutlich vorher anmelden musste, da sie schon länger ausgebucht waren), Comics selber stempeln und die Rallye → Panik im Labor! als unser Highlight, ein Lesebereich, um in Ruhe zu schmökern und als Kern die (Kindercomic-)Verlage mit ihren Programmen und Signierstunden. Zudem ein sehr gutes Essensangebot.
Die Lesungen, die wir besucht haben, waren allesamt voll belegt. Dabei gab es mal mehr, mal weniger mitreißende Vorträge, was aber dem Andrang auf der jeweils im Anschluss stattfindenden Signierstunde keinen Abbruch tat. Moderiert wurden sie von Matthias Wieland, Urgestein von „Kinder lieben Comics“, der gewohnt gerne mal etwas wortreicher durchs Programm führte.
Mein Sohn fand die Lesung von Thomas Wellmann (der auch das Design des diesjährigen „Kinder-lieben-Comics“-Programms sowie der Rallye zu verantworten hat), die direkt zum Start des Salons am Donnerstag um 12 Uhr stattfand, besonders lustig, weswegen wir Kunden seiner aktuell vierbändigen Comicreihe Nika, Lotte, Mangold wurden – signiert mit Zeichnung, natürlich. Dass es sich hierbei um ein Mädchentrio handelt und mein Sohn den Comicband mit einer Geschichte aus der Lesung („Verstecken, erschrecken!“) ohne mit der Wimper zu zucken gerne haben wollte, spricht für Wellmanns Erzähltalent (alles mit Mädchen läuft bei meinem Kind sonst unter dem Radar).
Weiteres Highlight für den Nachwuchs: Den nigelnagelneuen sechsten Band von Kiste, Kiste und der Liebeszauber, eigentlich für den Herbst 2026 angekündigt, gab es bereits ab Freitagmittag auf dem Büchertisch und konnte so direkt noch von uns erworben werden. Die neue Zeichnerin Michèle Fischels macht ihre Sache prima und bietet eine gute Mischung zwischen Wiedererkennungswert und eigenem Stil.
Wir hätten vermutlich alle vier Tage des Comic-Salons nur in diesem Bereich verbringen können, so gut war das Programm gefüllt. Zudem war der Eintritt zu allen Veranstaltungen wie auch in den Vorjahren kostenlos. Damit dies weiterhin möglich ist, bat man um Spenden.
„Kinder lieben Comics“ ist ein ganz toller Programmteil des Salons für alle Kinder und Eltern, für den man den Hauptorganisatoren, Comicfachmann Michael Groenewald und Katja Rausch vom Kulturamt Erlangen, sowie den vielen weiteren Mitwirkenden Lob und Dank aussprechen muss. (FP)
kubic (alias Messehalle D)
Nachdem die Verlags- und Künstler*innen-Messe des Comic-Salons nach Aufgabe des langjährigen Standorts Heinrich-Lades-Halle zuerst in drei Zelthallen (2018, 2022), dann in zwei Zelten plus Redoutensaal (2024) untergebracht war, war angesichts einer offenbar immer noch wachsenden Zahl an Aussteller*innen und Veranstaltungen sowie unberechenbaren Wetters, mehr Indoor-Fläche nötig. Die fand das Salon-Team des Erlanger Kulturamts im stadteigenen und gerade erst eröffneten Kultur- und Bildungscampus kubic, der nun als Messehalle D Kleinaussteller*innen und die Comic Solidarity beherbergte und außerdem viel Raum für das komplette → Kinder lieben Comics-Programm sowie zahlreiche Lesungen und Workshops bot.
Der frisch sanierte Gebäudekomplex mit drei unterschiedlich großen Sälen, vielen Seminarräumen, einem großen Foyer samt Bistro und einem schönen Lichthof bot mit Sicherheit eine tolle Ergänzung zu den bisherigen Salon-Orten. Die Lesungen waren teils gerammelt voll, die Workshops gut besucht bis ausgebucht und die vielen Angebote im Rahmen von „Kinder lieben Comics“ wurden allem Anschein nach sehr gut angenommen. Im Messe-Teil des kubic blieb der Andrang jedoch – abgesehen vom einladend gelegenen Bereich mit Kindercomics im Foyer – meist recht überschaubar. Oft befanden sich mehr Menschen hinter den Ständen als davor. Das hatte vermutlich mehrere Gründe…
- Grund A: Der kubic liegt ein Stück abseits der anderen Messehallen. Wer nicht gezielt dorthin will, stolpert eher nicht aus Zufall hinein. (Ironischerweise hatten sich 2024 noch viele Aussteller*innen im Redoutensaal darüber beschwert, dass sie dort zu versteckt untergebracht seien und viele Leute den Weg herüber von den Messe-Zelten zu ihnen nicht fänden. Das scheint sich erledigt zu haben, denn im ebenfalls mit Kleinaussteller*innen besetzten Redoutensaal herrschte in diesem Jahr wirklich sehr ansehnlicher Besucher*innenandrang.)
- Grund B: Die Aussteller*innen auf viele kleinere Räume aufzuteilen, die sich zudem noch auf verschiedenen Etagen und teils irgendwo auf oder am Ende von langen Gängen befinden, hatte den Effekt, dass viele Menschen den Weg gar nicht zu allen Künstler*innen fanden, oder dass ihnen der Aufwand zu groß war, alles abzuklappern, um „nur mal zu gucken“. Oder sie waren beim Blick in einen der kleineren Räume unangenehm berührt, dass es sich durch die spärliche Besucher*innenzahl und die Lage der Tische in den Räumlichkeiten manchmal anfühlte wie ein stilles Schaulaufen vor den teils enttäuscht dreinblickenden Aussteller*innen
- Grund C: Für manche Salon-Besucher*innen wurde der kubic schnell zum Ort „mit den Kinder-Comics“ (so gehört) und rutschte dadurch für sie mangels Interesse und Kindern weit nach unten auf der Besuchsliste. Gepaart mit der leicht abseitigen Lage führte das dazu, dass sich viele Leute den kubic angesichts begrenzter Zeit komplett sparten.
Vielleicht wäre eine zukünftige (Teil-)Lösung dieser Probleme, den Innenhof des kubic mit Pavillons auszustatten und die Kleinaussteller*innen allesamt dorthin zu verfrachten? Das würde die Sicht- und Erreichbarkeit schonmal ein ganzes Stück verbessern, könnte aber bei einem Dauerregen-Salon wie 2024 etwas herausfordernd werden. Außerdem könnte vielleicht das eine oder andere publikumsziehende Künstler*innengespräch von der schlecht klimatisierten Orangerie im Schlossgarten in einen der schicken kubic-Säle umziehen. (AV)
Ich hatte eine Verabredung mit einem Kleinaussteller, den ich auch nach längerer Suche nicht fand. Dummerweise waren die Kleinaussteller nicht nur in den oberen Geschossen untergebracht, die allesamt den Charakter von Seminarräumen hatten, sondern auch wieder abseits davon um die Ecke im Erdgeschoss, neben der Kantine. Der kubic ist ein toller Ort und die vielen Räume bieten Potenzial. Auch die Anwesenheit einer guten Kantine gefällt mir. Dennoch war das Angebot in der vorliegenden Form noch gewöhnungsbedürftig und etwas zerfasert. (CM)
siehe auch → Wegweiser
L
Leerstand
Wie in nahezu allen deutschen Städten schwächelt der stationäre Einzelhandel. Die Folge: Leerstand. Für Veranstalter ist dies eine Chance, temporäre Satelliten-Ausstellungen an ungewöhnliche Orte im Stadtzentrum zu bringen. Im Idealfall ergeben sich daraus ungewöhnliche Beziehungen zum Umfeld. Ziemlich genial ist dies in der von Carlsen präsentierten Ausstellung „Roya Soraya – Wind in meinem Kopftuch“ in der Ladengalerie Altstadtmarkt gelungen.
Tagebuchaufzeichnungen, Skizzen und Fotos verdeutlichen die Entstehung der autobiografischen Erzählung. Die queere Comiczeichnerin Soraya ist in einer iranisch-deutschen Familie in Deutschland aufgewachsen. Sehnsucht und der Wunsch nach Selbstfindung zieht sie zusammen mit ihrem Vater auf eine Reise durch den Iran, um die Wurzeln eines Teils ihrer Kultur nachzuvollziehen. Diese Sehnsucht drückt sich in einem Aufsteller aus, der Soraya zeigt, wie sie ihren Kopf auf die Schulter ihres Vaters lehnt und in die Ferne blickt. Die Schaufensterscheibe des Geschäfts gegenüber zeigt einen Mann auf einem fliegenden Teppich, der für Orient-Teppiche wirbt.
In der Lese-Ecke der Ausstellung wiederum lädt ein Teppich mit Kissen zur Lektüre des Comics ein. Doch die gemütliche Atmosphäre der Ausstellung täuscht. Aus Angst, dass schriftliche Tagebuchnotizen in einem möglichen Verhör gegen sie verwendet werden könnten, habe sie die Erlebnisse ihrer Reise skizziert, in der Hoffnung, dass Bilder unverfänglicher seien. (AC)
Lokal-Matador*innen
Vorbei scheinen die Salon-Zeiten, in denen inländische Zeichner*innen oft zugunsten internationaler Stars, die von weither eingeflogen wurden, am Katzentisch (oder in den zeitlichen Randbereichen) signieren mussten. Der Trend mag schon etwas länger bestehen, aber dieses Jahr fiel es mir ganz besonders auf, vor allem bei Carlsen Comics: 18 Künstler*innen signierten am Stand und abgesehen vom Niederländer Peter van Dongen stammen sie alle aus Deutschland – und das wurde auch selbstbewusst im Salon-Programm beworben. Anderswo wurde ebenfalls stark auf deutsche/in Deutschland lebende Gäste sowie solche aus dem nahen europäischen Ausland gesetzt. (Selbst der gebürtige Argentinier und Salon-Ehrengast José Muñoz lebt in Italien.)
Das mag vielleicht auch ein klein wenig den allseits klammen Kassen geschuldet sein, aber ist doch vor allem ein Zeichen dafür, dass deutsche Comickünstler*innen mittlerweile auch sehr gut ohne große internationale Unterstützung eine derartige Veranstaltung mit Fans füllen können. (AV)

Steffen Gumpert signiert bei Carlsen, links dahinter Tobi Dahmen und Moritz Stetter. Foto: Andreas Völlinger
Lust, Ulli
Bei Ulli Lusts Künstlergespräch und Lesung im → kubic konnte man aus erster Hand erfahren, dass sie nicht nur preisverdächtig schreibt, sondern dass sie auch sehr gut im Setzen von gelungenen Spitzen und Pointen ist. Man muss dazu wissen, dass gerade die Kunst der Eiszeit, also der Ära, von der Die Frau als Mensch handelt, sehr feminin geprägt ist, was traditionsbewusste Forscher nicht davon abhält, darin einen Beweis für die Überlegenheit des Mannes zu erkennen. Oder, allgemeiner ausgedrückt: auch im Elfenbeinturm zehren die Wissenschaftler stets von dem, was sie schon immer wussten (– sowas ähnliches stand mal auf einem meiner Schulzeugnisse.) Ulli Lust seziert solche Anmaßungen mit viel Verve. (CM)
siehe auch → Sachcomics
M
Manga
Manga standen beim Comic-Salon nie besonders im Mittelpunkt, aber haben in Laufe der Zeit immerhin eine feste Nische gefunden. Nachdem es vor zwei Jahren sogar einen kleinen Manga-Schwerpunkt mit der Ausstellung „Deutsche Manga“ gab, fanden der japanisch geprägte Comic und seine Fans in diesem Jahr eine Heimat im günstig gelegenen Erlanger ZAM (Zentrum für Austausch und Machen), das sie sich aber mit der Ausstellung „Quantastische Comics“ teilen mussten. Hauptsächlich dort (aber auch an anderen Salon-Orten) gab es Zeichenkurse mit Christina Plaka, Inga Steinmetz, David Füleki, Hugi und pushcart, Vorträge und Podiumtalks zu Girls Love & Boys Love, Japan und japanischer Kultur (u.a. mit Hirofumi Yamada, Autor des von David Füleki illustrierten Sachbuchs Einfach Japanisch, erschienen bei Altraverse) und Manga-Übersetzungs-Workshops (sowie zahlreiche Cosplay-Werkstätten). Das wirkte vom Anteil am Gesamtprogramm des Salons her fast ein bisschen mager und pflichtschuldig. Vielleicht ist es aber auch einfach in Ordnung, dass der Manga, für den es in Deutschland zahlreiche eigene Conventions gibt, in Erlangen diese relativ kleine, aber fein gemachte und mittlerweile stetige Ecke besetzt. (AV)
Ein einziger Manga war zum Max-und-Moritz-Preis nominiert: The Strange House, erschienen bei Panini Comics. Einerseits ist es ehrenwert, dass ein Manga Beachtung findet, andererseits wirkt es dann doch wieder beliebig. Es ist ein typischer Fall von „Damned if you do, damned if you don’t“. Ignoriert man Manga, ist man ignorant, integriert man Manga, ist es nur ein Feigenblatt. Außer natürlich, man zählt Der verkehrte Himmel von Mikael Ross auch zu den Manga. Ross hat sich für diesen Titel einen Manga-Stil angeeignet und somit ein gelungenes Crossover zwischen Manga und Graphic Novel gestaltet, ein bisschen wie das auch Baru vor vielen Jahren schon mal mit dem famosen Autoroute de Soleil gemacht hat. Das Serielle, Unabgeschlossene der meisten „richtigen“ Manga schreckt halt schon sehr ab – da könnte man ja gleich geklammerte Heftchen nominieren. Trotzdem: Auch für die Nominierung von The Strange House bin ich dankbar: Das sieht ja wirklich sehr interessant aus. (CM)
Max-und-Moritz-Preis
Das ist nun schon die zweite Max-und-Moritz-Gala ohne Hella von Sinnen. Haben wir sie vermisst? Mit einem Wort: ja! Ganz ehrlich, die Skandale von früher waren doch stets nur Skandälchen und wenn sie mal wieder was Despektierliches über Manga sagte, dann brauchte man das nicht mal ernst nehmen, denn wir kannten ja unsere Hella. Das soll nicht heißen, dass Christian Gasser nicht eine absolut souveräne Performance liefert, aber es fehlten gerade diesmal ein paar echte Akzente. Auch das Begleitprogramm, das über die Standard-Musikbegleitung hinausgeht, war eher schmal. Es wurden ein paar kurze, pointierte Gespräche geführt, von denen vor allem das Interview mit dem zeichnenden Metzger Martin Oesch Eindruck machte, trotzdem war alles sehr straff.
Das war bei der letzten Preisverleihung doch deutlich besser: Die Gespräche mit Joann Sfar und Barbara Yelin 2024 hatten Tiefgang und berührten emotional, dazu gab es eine Dia-Show mit eigens komponierter Musik. Nichts Vergleichbares dieses Jahr: Höhepunkt war diesmal eher die Frage, wo sich denn die letzte Preisträgerin, Posy Simmonds, hinsetzen würde, nachdem die Preisträgersofas alle schon besetzt waren. Das regelten dann die Preisträger hemdsärmelig unter sich, indem einer der Herren kurzerhand aufstand, um Ms. Simmonds nicht blöd dastehen zu lassen. Und wir fragten uns, ob Andreas C. Knigge das von Isabel Kreitz eigens für ihn entworfene T-Shirt vor unser aller Augen anziehen würde. Früher gab’s mehr zu staunen. (CM)
Bester deutschsprachiger Comic-Künstler: Franz Suess
Bester deutschsprachiger Comic: Der verkehrte Himmel von Mikael Ross
Bester internationaler Comic: In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı
Bester Sachcomic: Die Frau als Mensch von Ulli Lust
Bester Comic für Kinder: Der Zahn von Ayşe Klinge
Bestes deutschsprachiges Comic-Debüt: Fleischeslust von Martin Oesch
Spezialpreis der Jury: Andreas C. Knigge für lebenslanges Engagement für Comics
Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk: Posy Simmonds
Hier gibt es mehr zu den Preisträger*innen.
Ich will nicht nörgeln, aber der Max-und-Moritz-Preis kommt mir immer ein bisschen willkürlich vor und folgt seit Jahren ähnlichen Tendenzen. Das gilt vermutlich für alle Preisvergaben in allen Sparten und ist nicht zu ändern, trotzdem macht mich die Liste der Preisträger manchmal ratlos, denn man verpasst durchaus das Interessanteste, das Wichtigste und das Beste, wenn man seine Einkäufe nur an der List der Preisträger orientieren sollte. Anders ist es, wenn man die übrigen Nominierungen mit in Betracht zieht. Auch dann folgt die Liste der Spielart von grafischer Literatur, die nun mal als besonders Max-und-Moritz-preiswürdig gilt, aber dann erhält man wirklich einen repräsentablen Überblick an hochwertigen Comics. Nach jeder Preisverleihung wächst meine Wunschliste an Comics, die mich interessieren – das ist gut. Die Preisträger sind dabei aber eher selten herausragender als die anderen Nominierungen. Moderator Christian Gasser hat bei der Preisverleihung die Frage gestellt, warum sämtliche nominierten Titel inhaltlich vorgestellt werden und nicht nur die Preisträger. Die Preisverleihung wäre sehr viel ärmer, wenn man von dieser Praxis abrücken würde. (CM)
(Die Max-und-Moritz-Gala kann man sich auch in voller Länge hier bei Youtube anschauen.)
Muñoz, José
Der 1942 in Buenos Aires geborene argentinische Comic-Zeichner ist so etwas wie eine lebende Legende. Studiert hat er an der Escuela Panamericana de Arte u. a. bei Hugo Pratt und Alberto Breccia. In Erlangen wurde er bereits im Jahr 2002 mit dem Max-und-Moritz-Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk ausgezeichnet, 2007 folgte dann der Grand Prix in Angoulême. In der Orangerie im Schlossgarten führte Christian Gasser auf dem diesjährigen Salon mit Muñoz ein Gespräch über dessen bewegtes Leben und Werk. In dem expressionistischen Schwarz-Weiß-Stil ohne Grautöne, der ihm eigen ist, widmet er sich häufig alltäglichen Geschichten vom Rande der Gesellschaft und dem Schicksal von Außenseitern – kompromisslos, politisch und gesellschaftskritisch. Am Stand des Avant-Verlags signierte Muñoz die dort erschienenen Gesamtausgaben von Alack Sinner und Joe’s Bar, ließ sich beim Zeichnen beobachten und beantwortete bereitwillig Fragen. Noch bis zum 21. Juni 2026 zeigt das Cartoonmuseum Basel eine umfassende Retrospektive: „José Muñoz – Broken Voices“. Folgt in Erlangen 2028 eine Fortsetzung? (AC)
N
Niemann, Christoph
Das Kunstpalais widmete in diesem Jahr Christoph Niemann eine große Einzelausstellung: „Auf den Punkt“ (14.3. bis 7.6.). Niemanns charakteristischer Humor trat schon auf dem Ausstellungsleporello offen zu Tage; ein Bild aus den fortlaufenden „Sunday Sketches“, in denen Niemann Beobachtungen, Fundstücke und Alltagsgegenstände mit wenigen gezielt gesetzten Strichen in einen neuen Bedeutungszusammenhang überführt und dabei verblüffend neue Perspektiven eröffnet. Das Beispiel zeigte eine Figur, die mit der Hand ihr Gesicht verdeckt (Facepalm), allerdings ist der hochrote Kopf der Figur das Foto einer Erdbeere und die Hand vor ihrem Gesicht sind deren grüne Blätter. Verbirgt sich dahinter gar ein Kommentar des an der eigenen Ausstellung verzweifelnden Künstlers oder spiegelt sich ein Publikum, dem der Zugang zur Ausstellung fehlt und das sich Comicseiten an den Wänden gewünscht hätte? Die Aufregung wäre umsonst gewesen. Niemanns Erzählungen sind aus dem Alltag gegriffen und sprechen uns auf der Grundlage universeller Erfahrungen an. Der Besuch der Ausstellung belohnte alle mit einem Einblick in Niemanns kreativen Arbeitsprozess bei den Sunday Sketches, der im Grunde der eines jeden Cartoonisten ist – inklusive Verzweiflung, Hochgefühl und der Gefahr, verrückt zu werden, weil man laut Niemann den Großteil des Lebens damit verbringe, auf ein weißes Stück Papier zu starren.
Niemanns Arbeiten sind durch eine genaue Beobachtung seiner Umwelt, spielerische Experimente mit der Wahrnehmung, einen feinsinnigen Humor und eine klare Reduktion auf das für die Umsetzung seiner Idee minimal Notwendige gekennzeichnet. Diese Eigenschaften machen ihn zu einem der international gefragtesten deutschen Illustratoren. „Auf den Punkt“ sprühte nur so vor einmaligen Einfällen: von den Coverillustrationen für The New Yorker, über einen rasanten Kurzfilm mit einem auf das Fenster eines Busses gemalten Fahrradfahrer im Großstadtverkehr, eigens für das Kunstpalais entworfene Wandmalereien bis hin zu einem Kerzenrauch zeichnenden Industrieroboter und einem VR-Ausflug nach Nordkorea. (AC)

Foto: Alexander Christian
Nur in Erlangen
Kaum sausen Kollege Christian und ich auf unseren Mieträdern ein kleines Stück durch die tagsüber für Drahtesel gesperrte Fußgängerzone, versperren uns hinter der nächsten Kurve zwei schwerbewaffnete und -gerüstete imperiale Stormtroopers den Weg (echte Schrecksekunde). Dem Imperium entgeht auch nichts … (AV)
O
Ohne Papiere
Beim Besuch der Ausstellung „Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen“ zum gleichnamigen Comic geriet ich ungeplant in eine Führung des verantwortlichen Teams aus Comickünstlerin Lisa Frühbeis und Journalist Jonas Seufert. Die beiden schilderten anschaulich die Genese ihre Projekts, das seinen Anfang damit nahm, dass Seufert die Mittel eines Films zum Thema frustrierend unzureichend erschienen, um die Betroffenen wirklich angemessen als Erzähler*innen ihrer Geschichten in den Mittelpunkt zu stellen und nicht nur zu betrachten. Das Ergebnis, vier von Frühbeis umgesetzte Berichte von Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben, zeigt deutlich, dass das Comicmedium hierfür die perfekte Wahl war. (AV)
P
Panik im Labor! (Rallye für Kinder)
Letztes Mal war mein Sohn mit seinen fünf Jahren leider noch etwas desinteressiert an der tollen Comic-Rallye von Ulfs Detektivbande (von Tanja Esch) quer durch Erlangen im Rahmen von → Kinder lieben Comics, doch dieses Jahr passte es. Zumal sich diesmal alles im Erdgeschoss und Keller des → kubics abspielte und daher die Wege nicht weit waren. Gestaltet wurde sie von Thomas Wellmann, dessen Trio Nika, Lotte und Mangold einer im Labor von Lottes Mutter verschwundenen Zellkultur hinterherjagt. Konzeptioniert wurde es zudem noch von Michael Groenewald sowie Katja Rausch, die auch insgesamt für das „Kinder lieben Comics!“-Programm verantwortlich zeichnen. Eine tolle Jagd, in der die Kinder zuerst mit Hilfe von Kittel und Ausweis in die Rolle von Forschern schlüpfen und dann mittels Begleitcomic (ebenfalls von Thomas Wellmann) Rätsel in verschiedenen Räumen lösen müssen, bis sie erfahren, was es mit der verschwundenen Zellkultur und dem geheimnisvollen Schatten auf sich hat. Als Preis gab es dann neben der Auflösung noch einen „Algen-Smoothie“ in der Spritze. Wer traut sich?
Sehr, sehr liebevoll und detailreich gestaltet und sowohl für Eltern als auch für Kinder sicherlich ein Highlight des Salons. (FP)
Q
Quantastische Comics
Was passiert, wenn 26 Comicschaffende für ein Wochenende mit Quantenphysiker*innen zusammengebracht werden, gab es in der so betitelten Ausstellung zu sehen. Zum 100. Geburtstag der Quantentheorie (auch Theorien lassen es zum Geburtstag krachen) sollten aus diesem Dialog Comics über quantenphysikalische Phänomene entstehen. Die nach einer Ausschreibung des ELINAS (Erlanger Zentrum für Literatur und Naturwissenschaft) und des Departments Physik der FAU Erlangen eingeladenen Comiczeichner*innen wirkten beinahe wie ein Querschnitt der Comicszene, und dementsprechend abwechslungsreich waren die Ergebnisse, die sich teils erhellend, teils verwirrend, aber alles in allem sehr sehenswert zeigten. Nur war die verwinkelte Präsentation im ZAM etwas schwer zu greifen, was dem Ausstellungsbesuch ein bisschen von einer Entdeckungs-Rallye gab. Möglicherweise gewollt? Dafür gab es zusätzlich eine Nebelkammer samt Quanten in Action. Auf welcher Comic-Veranstaltung gibt es das sonst?
Weitere Erkenntnisse neben vielen der quantentheoretischen Sorte: gerne mehr solcher launigen Wissenschafts-Comic-Dialoge – und: Jens Harder sollte unbedingt mal einen Superhelden-Comic zeichnen. (AV)
Mehr zur Ausstellung und wo sie bald noch zu sehen sein wird, gibt es hier.
siehe auch → Schrödingers Katze
R
Rikscha
Gelb war in diesem Jahr eine der auffälligsten Farben in Erlangen: Simpsons-Gelb, um genauer zu sein. Bereits 2024 hatte Alexander Braun „Die Simpsons – Gelber wird’s nicht!“ für den Dortmunder schauraum comic + cartoon kuratiert. Nun mag Gelb im Dortmunder Stadtbild bedingt durch einen bestimmten Ballsportverein wohl nicht mehr sonderlich auffallen. In Erlangen strahlte die Neuauflage der Ausstellung auf jeden Fall noch eine Nummer heller in die Stadt hinein. Dafür sorgte nicht zuletzt eine Simpsons-Rikscha, mit der man sich kostenlos durch die Stadt fahren lassen konnte. (AC)
Roter Schnee
2024 schrieb ich zum Schlagwort J wie Jagdfieber, dass es mir nicht vergönnt war, eines von Geiers selbstverlegten Roter Schnee-Heften zu bekommen. Gringo Comics hatte glücklicherweise ein Einsehen und nahm das Heft jetzt in sein Verlagsprogramm – zu Recht, denn 50 Leser sind für diesen gelungenen Genrebastard eindeutig zu wenig. Diesen Weird Western – oder Horrorwestern – kann man gerne zu Jürgen Spehs besten Arbeiten zählen. (CM)
Rundbilder
Ausstellungen kann ich grundsätzlich nur dann etwas abgewinnen, wenn mich der Gegenstand von vorneherein reizt. Einfach nur Ausstellungen ablaufen, weil sie da sind, quält mich. Die Ausstellung des Jaja-Verlags gehört definitiv zur ersten Kategorie, vor allem, weil Verlegerin Annette Köhn Einblick in ihre zahlreichen Reiseskizzenbücher gibt, die sie auf diversen Fernreisen angelegt hat. Es ist ein verführerischer Gedanke, einen Ort nicht nur mit schnellen Fotos abzubilden, an denen man zu Hause doch nur kurz vorbeiscrollt. Annette Köhns mit dem Zeichenstift festgehaltene Impressionen schiebt man nicht schnell zur Seite, sondern man will auf diesen Bildern verweilen. Jedes Skizzenbuch hat ein einzigartiges Format und enthält neben Skizzen auch Notizen oder kleine eingeklebte Dinge. Charakteristisch sind dabei die Rundbilder. Sind die auf dem Rücken liegend entstanden? Einen Fluchtpunkt sucht man auf diesen Bildern jedenfalls vergeblich, aber sie bilden ab, wie man die Welt sieht, wenn der Kopf in Bewegung bleibt. Vielleicht wirken sie deshalb lebensnäher als Fotos. Ein schöner Gegenentwurf zur gegenwärtigen Bilderflut. (CM)
siehe auch → Unruhige Zeiten
S
Sachcomics
Sachcomics sind die Comics der Stunde. Der Avant-Verlag veröffentlicht derzeit fast monatlich Künstlerbiografien oder Comics zu Themen wie fragile Männlichkeit, literarische Urtexte, Paläontologie oder Evolution, und auch andernorts geht’s recht sachlich zu: Splitter bringt zum Beispiel sehr gern Comics über Filmregisseure oder einfach nur Film als Kunstform überhaupt. Den Max-und-Moritz-Preis für den besten Sachcomic erhielt, wie zu erwarten war, Ulli Lust für Die Frau als Mensch. Aber auch bei den kleinen Verlagen geht’s gern dokumentarisch zu, zum Beispiel wenn Vanessa Drossel recht detailversessen in Grundkurs Mord den Alltag der Polizei nachzeichnet. Einfach super, dass es eine Künstlerin gibt, die sich im Blaulichtmilieu auskennt (Vanessa Drossel ist beim THW). Ulli Lust hingegen ist inzwischen schon so sehr in die Frühgeschichte eingetaucht, dass man durchaus bedauern kann, dass von ihr vermutlich nie wieder eine Literaturadaption zu erwarten ist. Schade, denn ihre Marcel-Bayer-Adaption Flughunde fand ich damals phänomenal. (CM)
siehe auch → Affen, kochende
Schrödingers Katze
wurde für die Ausstellung → „Quantastische Comics“ von David Füleki verewigt. Dass es sich speziell um diese berühmte fiktionale Katze handelte, erschloss sich aber nur jenen, die der neben dem Artwork stehenden Kiste (hoffentlich ohne radioaktives Material) Beachtung schenkten. Und umgekehrt. Ein bereits von vielen absolvierten Ausstellungsbesuchen am selben Tag gezeichneter Comicgate-Kollege hatte vor Ort nämlich nur letztere im (Tunnel-)Blick: „Und was soll das jetzt mit diesem Karton hier?“ (AV)
Silent Comics
Eine schöne Ausstellung, die ich aber irgendwie zusammengewürfelt fand. Das amerikanische G.I. Joe-Heft von Larry Hama und Steve Leialoha war zweifellos eine super Wahl, aber es kam doch sehr wie ein einmaliges Zufallsprodukt daher. Dabei gab es durchaus Zeiten, wo in den USA der „Silent Comic“ regelrecht abgefeiert wurde, zum Beispiel gab es bei Marvel mal einen „silent month“ und bei DC erschienen die stummen Comics von Peter Kuper. In Deutschland hat erst kürzlich der queere Verlag Moom-Comix eine Anthologie mit Silent Comics gestartet, und auch die Märchencomics von Frank Flöthmann verzichten stets auf Worte. Das Schönste an der Ausstellung war, dass sie uns noch mal Anna Sommers textfreien Comic Tinte in Erinnerung rief. Sommers assoziative Karton- und Buntpapiercollagen und vor allem ihr vom Visuellen her gedachter Erzählstil sind wirklich eine Neuentdeckung wert. (CM)
Die Auswahl fand ich insgesamt gelungen und die Hängung in dieser Dimension bot einen zusätzlichen Schauwert. Wann sieht man schon mal Comics in ganzer Wandbreite? Für eine Ausstellung mit einer so langen Laufzeit (4. Juni bis 5. Juli) hätte ich mir aber doch eine umfassendere Nachzeichnung der Tradition der stummen Comics und die unterschiedlichen Beweggründe für ein Erzählen ohne Worte gewünscht. Ich denke da etwa an die Erzählungen in Holzschnitten von Frans Masereel, Otto Nückel oder Lynd Ward. Was ist mit der Anthologie Comix 2000, der über 2000-seitigen Leistungsschau des Stummcomics, die um die Jahrtausendwende bei L’Association erschienen ist? Die Figur Adamson des schwedischen Cartoonisten Oscar Jacobsson hätte sich im Hinblick auf die große Simpsons-Ausstellung gut geeignet. In den USA sind die wortlosen Gag-Cartoons als Silent Sam erschienen und die Ähnlichkeit zu Homer Simpson ist wirklich verblüffend. Hier blieb die Ausstellung leider ohne Worte. (AC)
siehe auch → Weitergucken
Seufzender Lift
Das wäre doch ein schöner Fall für die Drei ???: Woher kommt diese unheimlich Seufzen des Lifts zur Toilette im Kulturbüro? Das Geräusch fährt einem beim ersten hören durch Mark und Bein, danach willst du es immer wieder hören. Es klingt wie die unheimlichen Chöre, die Fabio Frizzi für den Zombie-Kracher L’Aldila komponiert hat. Den arglosen Benutzer des Lifts überfällt es wie eine kalte Hand in einer Geisterbahn. Eerie. (CM)
Ich sehe da eine gruselige Verbindung zum „Stöhnenden Fußboden“ im Erlanger Kreativlabor, wo bezeichnender Weise die Ausstellung „Erlangen Noir“ zum Besten gegeben wurde. (AV)
Signaturen
Von Stargast Lewis Trondheim ist zum Salon nicht nur sein 500-seitiges Debüt Herr Hase und die patagonischen Karotten erschienen, sondern auch ein gefaltetes Leporello mit einer drei Meter langen Bilderzählung. Der stets nach neuen formalen Herausforderungen suchende Trondheim fand für dieses Format auch einen originellen Weg, das Ding zu signieren. Die leere Rückseite bietet ja auch drei Meter Platz für eine seeeeehr lange Skizze. Der Comicladen Grober Unfug in Berlin, wo Trondheim im Anschluss an den Salon ebenfalls signierte, dokumentiert das in einem Reel auf Instagram. (TK)
T
Der Traum ist aus, Charly P.
ist Lisa Neuns lang ersehnte Graphic Novel. Schon als ich Lisa Neuns Arbeit noch als Webcomic verfolgte, konnte ich erleben, welcher Mammutaufgabe sich die Künstlerin zu stellen hatte, denn Lisa brachte nicht nur regelmäßig neue Folgen online, sondern dokumentierte beispielsweise auch ihre Bildrecherchen oder legte Optimierungen und Anpassungen offen. Aber der Comic spielt eben auch in der realen Welt, respektive Erlangen, und da sollten die Details schon der Wirklichkeit entsprechen. Und dann bekam auf einmal der Avant-Verlag auch noch Interesse an dem Stoff, was unser aller Wahrnehmung noch einmal herausforderte: Was? Wir haben die ganze Zeit einen Avant-Comic gelesen? Der Traum ist aus für Charly P., aber für Lisa Neun fängt er gerade erst an. (CM)
Die Ausstellung zum Buch entführt uns in eine 80er-Jahre Wohnung, wie sie die Helden der Story, ein dealender Revoluzzer und seine Freundin mit Kind sicher behaust hätten, darin ausgestellt eine Menge Zeug der Gegenkultur, unter anderem das tibetanische Totenbuch, ein Aleister-Crowley-Tarot, Robert A. Wilsons Illuminatus, Castanedas Eine andere Wirklichkeit, ein Kiffer-Kochbuch und ein Vollwert-Kochbuch, gebrauchte Teetassen, benutzte Kaffeefilter, eine Haschwaage, ein Pfeifchen, eine antike Packung Hustenpastillen für danach, alte Spiegel-Hefte, ein Vater und Sohn-Buch mit Kritzeleien, Videokassetten mit obskurem Horrorzeug (mit holländischen Untertiteln) usw. usf.; als zentrales Ausstellungsstück aber der Feuerlöscher, der im Comic zu einem Sprengkörper umfunktioniert wurde, damit klar ist: Es handelt sich um die Wohnung von Charly P., nicht um das Studio von Lisa Neun. Neben diesen Accessoires, die stellvertretend auch für den Rechercheaufwand stehen, finden wir ausgewählte Panels auf großen Pappaufstellern; das Herzstück der Ausstellung aber ist eine Schautafel, in der der lange Entstehungsprozess dokumentiert ist. In dieser Ausstellung ist nichts beliebig zusammengewürfelt. Alles passt zusammen. (CM)
siehe auch → Weitergucken
Trondheim, Lewis
siehe → Signaturen
U
Unruhige Zeiten
Eine der vielseitigsten Ausstellungen präsentierte der Berliner Jaja Verlag in den Ladengalerien Friedrichstraße 33. „Unruhige Zeiten“ versammelte Werke von Michael Beyer, Federico Cacciapaglia, Nele Heaslip, Sarah Hübner, Franziska Ludwig, Pandora Magri, Jutta Pilgram, Annette Köhn und Zeichner*innen des Pure Fruit-Magazins. Dabei ist es der Ausstellung gelungen, auch schwierigen Themen wie Krieg, Verschwörungstheorien und häuslicher Gewalt einen passenden Raum zu geben, ohne vor der Beschäftigung mit ihnen abzuschrecken. Die Inszenierung war dabei sehr raumgreifend, sodass man das Gefühl hatte, sich ein Stück weit in die Comics hineinzubewegen. (AC)
siehe auch → Rundbilder
V
Vierzig Jahre Comic-Seminar
Ein toller Einstieg in die Salon-Welten ist für mich immer die Präsentation der Ergebnisse des jährlich stattfindenden Erlanger Comic-Seminars, das 2026 sein 40-jähriges Jubiläum feierte! Zusammen mit dem salon-losen Jahrgang 2025 wurden die entstandenen Comicwerke der diesjährigen Teilnehmern*innen gezeigt, und wie immer war ich ziemlich geflasht von den so unterschiedlichen Stilen, Ideen, Techniken und Herangehensweisen der versammelten Comickünstler*innen, um ihre Themen und Geschichten zum Leben zu erwecken. Ein echter Inspirationsschub und schöner Beweis, wie lebendig die Comicszene immer noch ist. Ergänzt wurde die Ausstellung um eine Erinnerungswand für den kürzlich verstorbenen Gründer und langjährigen Leiter des Comic-Seminars, Paul Derouet. (Einen Nachruf des Salons gibt es hier.) (AV)
W
Wegweiser
Um die Besucherscharen auch mal zum → kubic zu locken, wurden in DIY-Manier klassische Kreide-Wegweiser auf Erlanger Gehwegen eingesetzt. Im kubic selbst übrigens auch menschliche Wegweiser, die den Leute im Foyer ein Schild unter die Nase hielten, das auf die Kleinaussteller*innen in den oberen Etagen hinwies. (AV)
Weitergucken
Was viele Leute nicht wissen: Einige Ausstellungen bleiben auch nach Abschluss des Comic-Salons noch für eine Weile erhalten: So sind „Erlangen Noir“ (bis 28.6.), „Isabel Kreitz – Der Stift ist mein sechster Finger“ (bis 5.7.), „Silent Comics“ (bis 5.7.), „Lisa Neun – Der Traum ist aus, Charly P.“ (bis 17.7.), „Enten, die sich in Raketen retten“ (bis 26.7.) und „Was gibt’s denn da zu lachen? Die komische Kunst des Walter Moers“ (bis 13.9.) weiterhin in Erlangen zu sehen. Hier gibt es Infos zu den Öffnungszeiten. Da bietet sich ja fast ein zweiter Besuch in Erlangen an … (AV)
Without a Cape
Das „Comic Film Fest“ hat während des Comic-Salons wieder ein abwechslungsreiches Programm geboten, das an bestehende Angebote andockte und sie sinnvoll ergänzte: Kurzfilme, Anime und andere internationale Produktionen, Animationsfilme begleitend zur Ausstellung von Walter Moers, die Verfilmung der Graphic Novel Gemma Bovery von Posy Simmonds, die in Erlangen gastierte, und nicht zuletzt Benjamin Webers Dokumentarfilm Without a Cape.
Angesichts der abnehmenden Zahl unabhängiger Buchhandlungen und Comic-Shops porträtiert die Doku den Inhaber des Darmstädter „Comic Cosmos“, Naaman Wakim, als sympathischen Alltagshelden. In seinem Laden geht es um weit mehr als den Tausch von Geld gegen Waren, er ist Treffpunkt, geschützter Raum und bieten Gelegenheit für Small Talk und geradezu philosophische Gespräche. Anlässlich seines 50. Geburtstags möchte Naaman sein absolutes Idol einmal persönlich treffen: den britischen Autoren Alan Moore. Und so mündet der Film in einen Road-Trip, der die internationale Verbundenheit der Comic-Szene veranschaulicht und dabei sehr persönliche Gedanken offenbart. Zwischendurch bereichern animierte Sequenzen den Film um eine zusätzliche Ausdrucksebene. Die Darmstädter Künstlerin Johanna Krimmel hat dazu die Film-Crew begleitet und während der Dreharbeiten Live-Zeichnungen angefertigt. Nach der mit viel Beifall abgeschlossenen Vorstellung führte Alex Jakubowski ein Gespräch mit Benjamin Weber, Lavinia Moroff (Co-Regie), Naaman Wakim, der Comic-Künstlerin Paulina Stulin aus Darmstadt und Johanna Krimmel. (AC)
Wurst
Die Wurst ist eines der Schlüsselmotive in der Ausstellung zu Fleischeslust (Edition Moderne) von Martin Oesch, der in diesem Jahr mit dem → Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Comic-Debüt ausgezeichnet wurde. Für den Comic-Salon brachte Edition Moderne eigens eine Vorzugsausgabe des Comics mit einer auf 50 Stück limitierten bayerischen Weißwurst aus Keramik heraus – quasi als verkaufsförderndes Gimmick für ein wurstaffines Publikum. Dabei sagt die Herstellung von Würsten viel über das Verhältnis des Menschen zu Tieren aus:
„Würste haben mich immer fasziniert, wissen Sie? Man könnte schon fast sagen, dass es sogar etwas Mythologisches hat. Ein Tier zu töten, und anschließend steckt man das Fleisch höhnisch in dessen eigenen Darm… Können Sie sich vielleicht irgendetwas Erniedrigenderes vorstellen, als in den eigenen Arsch gestopft zu werden?“
Doch anders als der hier zitierte Metzgermeister Holger in Anders Thomas Jensens Film Dänische Delikatessen, der sich süffisant an dieser Vorstellung zu ergötzen scheint, kommen dem Metzgermeister Erwin in Fleischeslust Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns, als ihn nächtliche Albträume plagen. Besonders die Beziehung zwischen Erwin und seiner Frau Margrit und ihre unterschiedlichen Strategien auf die Veränderungen des jahrzehntelang praktizierten Handwerks, der Welt um die Metzgerei herum und das Älterwerden zu reagieren, machen die Erzählung lebendig, glaubwürdig und emotional nachvollziehbar.
Das Ausstellungsdesign besticht durch rosafarben gestrichene Wände, die die Töne der Filzstiftzeichnungen des Comics und dessen Cover aufgreifen, und großformatige Zeichnungen an Wandfliesen. Dazu kommen allerhand echte Werkzeuge sowie Fleisch- und Wurstattrappen. Skizzenbücher, Vorzeichnungen, Originale und ein Film geben Einblicke in Oeschs Arbeitsweise, der selbst eine besondere Verbindung zum Thema hat. Vor seinem Illustrationsstudium absolvierte er eine Ausbildung zum Metzger. (AC)
X
Ein X markiert die Stelle…
Man kann sich noch so fest vornehmen, hierhin und dorthin zu gehen, dieses und jenes zu sehen, alles wird man bei dem reichhaltigen Programm nie mitnehmen können. Deshalb habe ich meinen ursprünglichen, viel zu voll gepackten Plan mit einem beherzten X an der richtigen Stelle gelichtet und am Ende mehr Zeit für Gespräche gewonnen, zufällig Signierstunden ohne lange Wartezeiten wahrgenommen und neben Karl Lagerfeld auf der Parkbank eine Pause eingelegt. Die Ghostbusters mussten mir in diesem Fall nicht helfen, es handelte sich um einen völlig harmlosen Cosplayer. (AC)

Das Lagerfeld-Cosplay ist klar. Aber ist das daneben Anna-Wintour-Cosplay?? Foto: Alexander Christian
siehe auch → Ghostbusters
Y
Yamada, Hirofumi
siehe → Manga
Z
Zeitzeugen
siehe → Bertail
Zwerchfell??
Da schlurfe ich gedankenverloren durch Messehalle/zelt A und auf einmal fällt mein Blick auf einen Stapel mit dem Comic Requiem. Der war doch 2021 bei Zwerchfell erschienen! Aber warum liegt er nun am Stand von Altraverse aus… und ist deutlich geschrumpft?
Die Erklärung: Altraverse verlegt nun Albert Mitringers schwarzhumoriges Fantasy-Epos, und zwar in einem kleineren Format (14,8×21 statt Zwerchfells 21×28 cm) neu. Die Neuausgabe enthält bisher unveröffentlichtes Bonus-Material und das kleinere Format soll Mitringers Zeichnungen noch besser zur Geltung bringen. Sagt jedenfalls der Programmleiter von Altraverse … (AV)











































