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Währenddessen… (KW 22)

Oft wird behauptet, der erste Rambo-Film sei eine Art Gegenentwurf zum zweiten Teil. Dabei war der erste Rambo-Film ja bereits eine Art Gegenentwurf zu David Morrells Roman. Wie viele Seiten kann eine Medaille haben?

Christian: Es ist eine unbequeme Frage, aber ab und zu stellt sie sich jeder: Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man stirbt? David Morrells Roman First Blood arbeitet sich an dieser Frage ab, ohne sie explizit zu formulieren. Der Tod ist in diesem Buch omnipräsent.

Die Story ist bekannt: John Rambo, ein umherschweifender Vietnamveteran, will in eine Stadt gehen, um sich dort auszuruhen. Sheriff Teasle aber hat die Sicherheit der ihm anvertrauten Bevölkerung im Sinn und will seinen Ort vor dem potenziellen Gefährder schützen. Teasle und Rambo haben ein Kommunikationsproblem: Teasle, Veteran des Koreakriegs, will den Menschen Rambo nicht anerkennen, nichts von ihm wissen und nicht mal sehen, Rambo dagegen beharrt auf dem Recht, sich aufzuhalten, wo immer er wolle – ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Als Rambo wiederholt nicht befolgt, wozu Teasle ihn anweist, will dieser seine Autorität qua Amtsgewalt durchsetzen und ihn ins örtliche Gefängnis sperren. Die Entladung die folgt, als Rambo auch noch einer „ordentlichen“ Rasur unterzogen werden soll, war indes nicht eingeplant und der junge Polizist Galt, weiß gar nicht, wie ihm geschieht, als Rambo ihm in einer gefährlichen Gefühlsanordnung aus Trotz, Wut und Panik das Messer quer über den Bauch zieht. Während dem braven Polizisten die Eingeweide auf den Boden fallen, flieht Rambo nackt auf einem Motorrad in die Wälder. Stellt sich die Frage: Wer hat angefangen? (Who drew first blood?) Teasle will die Kränkung nicht auf sich sitzen lassen, dass durch seine Amtshandlung ein junger Polizist hat sterben müssen und bringt so noch mehr Unheil über seine Gemeinde. Teasle verbeißt sich in die Idee, das Recht wieder herzustellen, weitere Tote folgen, viele aus Teasles familiärem Umfeld. Dabei ist Teasle – anders als im Film – nicht als Abziehbild eines reaktionären Rednecks gezeichnet. Er bleibt über die Länge des Romans eine tragische Identifikationsfigur – wie Rambo selbst.

Morrells Roman verfolgt die existenzielle Abwärtsspirale, ohne Partei zu ergreifen. Der zivilisatorischen Schranken beraubt, findet sich für Rambo zwar keine Perspektive mehr, Inseln des Lebenswillens finden sich jedoch bis zuletzt. In der völligen Dunkelheit eines alten Bergwerks zeigt sich, dass er vielleicht den Tod nicht fürchtet, dass er sich aber im völligen Dunkeln fürchtet, Dort wo die einzigen Sinneseindrücke die Nässe, die Ablagerungen und der Dreck von Tieren sind. Zwar kommt er am Ende wieder ans Licht, aber die symbolische Wiedergeburt ist unvollkommen. Wie in einer Geschichte aus der Twilight Zone findet Rambo nicht mehr aus der Zwischenwelt heraus, in der er sich von Anfang an befindet, denn wie ein Geist sieht er die Welt, kann aber kein Teil mehr von ihr sein. Der Wunsch nach Vergeltung ist verständlich, denn die Kränkung ist alles, was noch bleibt. Dass Rambo in dieser Urversion der Geschichte am Ende stirbt, ist zwingend. Fast könnte man die Motivation des Buchs einen Schrei nach Leben nennen, um den Titel eines bekannten französischen Comics zu bemühen. Er wird nicht erhört.

Die Verfilmung

Bekanntermaßen überlebt Rambo in Ted Kotcheffs Verfilmung mit Sylvester Stallone. Anders als im Buch werden Rambos Verfolger im Film stets nur verletzt – auch wenn es im Verlauf der Handlung durchaus auch einen Toten gibt. Die geschickte Inszenierung lässt die Eskalation durchaus plausibel erscheinen, gemessen am Roman ist diese Variante der Rambo-Story aber eher ein laues Lüftchen. Fast wirkt es ironisch, dass aus diesem Film heraus die Story vom amerikanischen Supersoldaten entwickelt wurde.

Aber vielleicht ist das auch die Grundvoraussetzung. Jeder der den Film kennt, weiß, dass Rambo am Ende nur noch ein weinendes Häufchen Elend ist. Die bittere Pointe davon ist, dass der Film-Rambo erst hier völlig gebrochen wird. Erst jetzt kann er zum Supersoldat kommender Filme werden: Fürs Leben nicht mehr zu gebrauchen, durch Manipulation zum perfekten Diener hochgezüchtet. Sylvester Stallone liefert in diesem Film mit seinem unendlich traurigen Blick wirklich die Performance seines Lebens.

Aber auch am zweiten Film ist nicht alles völlig auf den Kopf gestellt und so finden sich eine Menge reizvolle Momente, in denen sich Rambo dann doch wieder gegen das System wendet, Befehle verweigert und am Ende seinen Auftraggeber Murdoch durch die Militärbasis jagt. Die Wut, die Melancholie, letztlich auch wieder Stallones traurige Augen, retten den Film. Die Tragik des monströsen Supersoldiers, der sich vom System verbiegen lässt, ist episch – selbst wenn die Fortsetzung der Geschichte den realistischen Bezugsrahmen hinter sich lässt.

 

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