„Währenddessen“ geht heute in James Kahns Version vom „Tempel des Todes“.

Eigentlich wollte ich mir ja nur das Buch zum Film Indiana Jones und der Tempel des Todes bestellen. Ich kannte es aus meiner Kindheit und wollte jetzt überprüfen, ob es den Test der Zeit besteht. Dann die Enttäuschung: das bestellte Exemplar war eine Neuversion von Panini, geschrieben von einer Autorin namens Suzanne Weyn. Ich hatte meine Zweifel, ob diese Autorin mit der 80er-Jahre Romanfassung von James Kahn mithalten könne und bestellte mir zur Sicherheit gleich noch einmal die Erstauflage aus dem Goldmann-Verlag. Diesmal aber wirklich.
Man muss mit Suzanne Weyn nicht zu hart ins Gericht gehen, ihr Buch richtet sich offensichtlich an jugendliche Leser, auch wenn es wenigstens auf der deutschen Ausgabe nicht explizit ausgewiesen ist. Ihr Schreibstil liest sich leider meistens wie eine zu lang geratene Textpassage aus den Rollenspielbüchern von Steve Jackson und Ian Livingstone, was schnell langweilig wird, wenn man keine riskanten Entscheidungen treffen und Rätsel lösen darf. Eine Mini-Origin-Story für die Nebenfiguren wird so ökonomisch wie möglich erledigt: Short Round wird kurzerhand als Indys Gefährte bei seinen letzten China-Abenteuern eingeführt, ebenso der Chinese Wu Han – das ist der mit der unsterblichen Zeile „In so vielen Abenteuern bin ich dir gefolgt, aber in das unbekannte Mysterium werde ich vorausgehen, Indy“. Wir werden also mitten rein geworfen in eine laufende Abenteuerserie mit ungewissem Anfang und längst etablierten Figuren. So ist man früher mal ins Comicsammeln eingestiegen.

Gehen wir zur interessanteren Romanversion von James Kahn. Der hat der Figur des Short Round ein ganzes Kapitel gewidmet, das Shortys Alltag ohne Indiana Jones schildert. Wir erfahren, wie Shorty dank amerikanischer Filme und einem ganz privaten Götterglauben in einer tristen Umgebung seine ganz eigene Welt zusammenzimmert, bis sein Leben nach seiner Begegnung mit Indiana Jones – Shorty wurde von ihm beim Klauen erwischt – erstmals eine Perspektive findet:
„Eine Familie hatte er schon lange nicht mehr. Außer natürlich, Dr. Jones. Dr. Jones war jetzt seine Familie. Short Round hegte sogar den Verdacht, Indy sei in Wahrheit eine Reinkarnation des niederen Gottes Tschao-pao, Er-der-Schätze-entdeckt. Aber Short Round zählte Tschao-Pao zu seinen eigenen Ahnen, also waren er und Indy ohnehin nah verwandt.“
Auch mit der Backstory der Nachtclubsängerin Willie Scott, die recht nahtlos im Haupterzählstrang integriert ist, leistet James Kahn deutlich mehr, als nur ein Drehbuch in Erzähltext zu verwandeln. Während Suzanne Weyn in ihrer Prosafassung den Shanghaier Obi Wan-Klub als elegant, feudal, im Art déco-Stil beschreibt,
„Die internationale Mischung aus luxuriös gekleideten Damen trug glitzernde Abendgarderobe, und ihre gleichermaßen mondänen Begleiter steckten in schwarzen Smokings, gefertigt von den besten Schneidern der Stadt“,
setzt James Kahn Akzente und betont vor allem das Fassadenhafte dieses Klubs:
„Der Nachtklub war voller Lärm und Rauchschwaden. An Tischen rund um die Tanzfläche saßen Damen und Herren in Abendkleidung, darunter auch Männer, die nicht unbedingt Herren waren. […] Langbeinige Zigarettenmädchen, Rausschmeißer mit bulligen Gesichtern, exotische Speisen, Kellner im Frack, leises Lachen und lautes Gelächter, Champagner und gebrochene Versprechungen, hier und dort im Tabak ein wenig Opium, um den ganzen den letzten Pfiff zu geben. Ein dekadenter Ort in einer Zeit des unaufhaltbaren Verfalls. Aber bei allem doch très gai. Wie die letzte Party vor dem jüngsten Gericht. In ein paar Jahren sollte die Welt im Krieg entflammen.“
Über Willie Scott schreibt Kahn:
„In ihrer Vorstellung war das kein zwielichtiger Nachtclub in Shanghai, sondern die große Bühne. Diese billigen Hupfdohlen hinter ihr waren ein exaktes Revueballett, sie traten in den Staaten auf, und sie selbst war der umschwärmte Star, reich, bewundert und unabhängig und … Der Raum verzog sich ein wenig. Willie fiel wieder ein, wo sie wirklich war.“
Während Kahn gerade bei den Örtlichkeiten seine Fantasie schweifen lassen darf, bleibt er bei der Action nah am Film, und natürlich wird das abstürzende Flugzeug mit einem Schlauchboot verlassen. Anything Goes! Eine Antwort, warum die beiden Piloten, die im Dienst des Gangsterbosses Lao Che stehen, die Abenteurer nicht einfach liquidieren, reicht James Kahn dennoch nach: Die beiden Chinesen sind abergläubisch und sehen in Indiana Jones etwas Übernatürliches.
„Sie besprachen den Fall in Ruhe, sie erwogen Vorschläge. Sie hatten ihre Befehle. Trotzdem kamen sie zu dem Schluss, es sei besser, die Dinge den Göttern zu überlassen.“
Das Bild ergänzt sich durch den Umstand, dass der Schamane des indischen Dorfs im späteren Verlauf der Story die Abgestürzten bereits erwartet. Offenbar ist eine gigantische Karma-Maschinerie angelaufen, um das Unrecht im Tempel von Pankot zu korrigieren:
„‚Nein, ihr werdet nach Pankot gehen‘, erklärte der Schamane. Er wiederholte die Worte mehrmals in seiner eigenen Sprache. Mit jeder monotonen Wiederholung ließ Indys Widerstand weiter nach. Er spürte, dass sein Wille sich neu formte, wie die Ufer eines Stroms sich unter den reißenden Wassern des Monsuns unweigerlich verändern. Der Strom bleibt derselbe, aber sein Lauf liegt nun woanders.“
Indiana Jones ist die einzige Figur, die von Kahn nicht ausführlich charakterisiert wird. Eigentlich ist Indy sogar die einzige Person ohne persönliche Agenda. Er ist einfach nur der Held, an den sich die anderen hängen. Nur folgerichtig ist es da, dass Short Rounds Wünsche, in Indy und Willie eine Familie zu finden, nicht in Erfüllung gehen werden – oder wie es am Ende des Romans heißt:
„Sie gelangten schließlich alle drei nach Amerika. Aber das ist eine andere Geschichte.“
Ich kann James Kahns humorvollen Actionroman tatsächlich jedem empfehlen, der den Film gut kennt und doch mal wieder Lust hätte ihn zu sehen. Lest stattdessen James Kahns Roman, dann wartet ein bisschen, dann guckt den Film. Die Romanfassung hat so viel Tempo und Witz, dass es jammerschade wäre, wenn sie nur eine Fußnote als unnötiges crossmediales Vermarktungsobjekt wäre. Anders als Campbell Blacks ebenfalls lesenswerte Romanfassung von Raiders of the Lost Ark bleibt Kahn der Vorlage treu und langweilt trotzdem mit keiner Zeile.
Wer mehr über James Kahn erfahren möchte, dem sei der YouTube-Beitrag vom Filmkästchen ans Herz gelegt: Steven Spielbergs Anruf veränderte sein Leben: James Kahn



