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Währenddessen… (KW 37)

Wer bei Romanadaptionen zu Filmvorlagen die Nase rümpft, sollte seine Haltung überdenken. Campbell Blacks Roman zum Film Jäger des Verlorenen Schatzes ist wundervoll.

Christian: Der Film Jäger des verlorenen Schatzes gefällt mir dann am besten, wenn ich mir zu Bewusstsein führe, dass es eine Hommage an die amerikanischen Serials der 1930er Jahre ist. Denke ich an Action-Serials wie Zorros Legion reitet wieder oder Zorros schwarze Peitsche, dann macht die rabiate, oft auch recht schnoddrige Inszenierung Sinn. Sehe ich den Film heute an, fühlt es sich aber auch an, als lese ich einen Stoß klassischer Action-Fortsetzungsgeschichten, bei denen ab und an ein Teil fehlt, so sprunghaft ist die Handlung: Das Gerangel um den Lastwagen ist schon ziemlich krass – aber wie sind nur Sallah und Marion so schnell nach Kairo gekommen und haben auch gleich noch ein Piratenschiff organisiert? Und wie hat Indiana Jones doch gleich die U-Bootfahrt überstanden? Ah so, das Periskop war ausgefahren. Spätestens beim Öffnen der Bundeslade überlagern die Sensationen sowieso längst die Zweifel an der Logik. (Stell dir vor, es ist 1981 und du siehst das in einem dunklen Kino.)

Goldmann-Verlag, 1981

Einen völlig anderen Eindruck von Jäger des verlorenen Schatzes erhält man, wenn man Campbell Blacks Roman zum Film liest. Der Sinn von Romanadaptionen wird zwar oft angezweifelt, und seit es Videocassetten gibt, hat sich das Genre auch irgendwie überlebt, trotzdem ist Campbell Blacks Roman ein fantastisches Leseerlebnis, weil Black uns zeigt, was man aus dem Material auch hätte machen können.

Natürlich erzählt Black unter anderem ausführlich, wie Indy den U-Boot-Ritt übersteht, aber das Füllen etwaiger Leerstellen ist es nicht, was dem Buch seine Qualität gibt. Das Großartige daran ist die Noir-Atmosphäre, die Campbell Black so lange aufrecht erhält. Das Verhältnis zwischen Jones und Marion Ravenwood spielt eine größere Rolle, zudem ist Jones nachdenklicher und philosophischer, und während Jones im Film lediglich von einer Studentin – in einer recht charmanten Szene – aus der Fassung gebracht wird, hat er im Roman gleich ein Verhältnis mit einer Studentin, was ihn auch noch recht schäbig wirken lässt. Campbell Black hat seinem Indy einige Abgründe angedichtet.

Die Anfangssequenz in Südamerika ist nicht eine lustige, kleine Anfangssequenz im James-Bond-Stil, sonder ein eigenständiger Kurzroman im Dschungel, der einen an B. Traven denken lässt, die Beschreibung der Fallen im Tempel kein Fun-Stuff, sondern echte Suspense, die Adventurepark-Kulisse verblasst zugunsten von etwas Echterem. Nepal ist keine kurze Station mit nur einer Kulisse, stattdessen ein ausführliches Kapitel mit Reiseimpressionen, Marion Ravenwoods Aufenthalt dort wesentlich dramatischer und tragischer, ihre Sauferei nicht nur lustig, das Gefecht in der Kneipe nicht nur pyrotechnischer Budenzauber, sondern echter, plastischer, weniger künstlich, weniger Choreografie. In Kairo wird uns das lässige Erschießen eines Schwertkämpfers erspart und wenn der Mechaniker in einen Flugzeugpropeller stürzt, dann aufgrund eines Fausthiebs zum falschen Zeitpunkt, nicht, weil die Kontrahenten minutenlang zwischen Propellern herumtänzeln, so dass man darauf warten kann – aber das ist eben das Spiel der Erwartungen im Film im Gegensatz zum geradlinige Erzählen eines Romans, der Gegensatz zwischen Sensationskino und Abenteuer-Noir.

Sehr schön auch die Figur des Belloq, der im Roman ebenfalls Tiefe erhält mit einer Biografie als Ehrgeizling, der an der Universität gern geschummelt hat und doch zu den Großen zählen möchte – eine Figur wie Klaas Klever in den Disney-Comics. Ausführlich wird erzählt, wie er von Berlin für die Suche nach der Bundeslade angeworben wird, wie er in Berchtesgaden Hitler trifft, wie er sich in Kairo über die Deutschen ärgern musss, aber man erlebt auch mit ihm, wie er eins wird mit der Unendlichkeit, als er die Bundeslade öffnet. Campbell Black schreibt an dieser Stelle zwar auch kurz vom Zorn Gottes, dennoch bin ich überzeugt, dass Belloqs Story in einer kosmischen Erfahrung endet, wie sie Clark Ashton Smith nicht schöner hätte beschreiben können. Im Film ist dieses Ende mit Belloqs Worten „Das ist wundervoll“ auch recht eindrucksvoll gestaltet. Als ihm die Augen rausfliegen und der Kopf platzt, war er sicher schon längst nicht mehr auf dieser Welt.

Campbell Blacks Roman ist Pulp Fiction vom feinsten. Ein wunderbarer 150-Seiten-Roman, der die selbe Geschichte völlig anders erzählt und Grundlage für eine völlig andere Serie hätte sein können. Nur auf die Frage, wie Sallah und Marion so schnell in Kairo hatten sein können, weiß auch Black keine rechte Antwort zu geben.

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