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Ahmadjan und der Wiedehopf

In Ahmadjan und der Wiedehopf erzählt die Künstlerin Maren Amini die Fluchtgeschichte ihres Vaters aus Afghanistan in Form einer Graphic Novel. Die Erzählung folgt dabei dem Muster der Heldenreise, was aber wohl eher dem Zufall geschuldet ist, denn tatsächlich orientierte sich Maren Amini eher an dem persischen Werk „Die Konferenz der Vögel“, einer mystischen Dichtung des 12. Jahrhunderts. Es ist nie verkehrt, sich an einem Klassiker zu messen.

Begegnung im Tal des Suchens. Alle Abbildungen © Carlsen Comics

Die Geschichte beginnt – ganz Heldenreise – in einer Welt des Mangels, im Afghanistan der 1960er Jahre. Armut und Monotonie bestimmen den Alltag, und obwohl es zum Leben durchaus reicht, giert es den jungen Ahmadjan nach mehr. Der Lehrer seiner Schule empfiehlt ihn für die Stipendienprüfung in Kabul, doch die Eltern haben weder Geld, die Reise zu bezahlen, noch, die Lehrer gemäß Sitte zu einem Festmahl einzuladen. Erst ein Geldgeschenk ermöglicht die folgenschwere Reise und so kann Ahmadjan schlussendlich doch fortziehen, die Welt zu erobern. Er folgt dem Ruf des Wiedehopfs, den „Simurgh“ zu finden, ohne genau zu wissen, wer das eigentlich sein soll. Es ist eine mystische Reise, da sie den Wanderer erst in die Ferne führt, dann zu sich selbst, wo – und wieder sind wir bei der Heldenreise – das Elixier zu finden ist. Aber bis es soweit ist, gibt es viel zu erleben.

Der Horizont weitet sich, neue Türen gehen auf, und als er dann auch noch Hippies aus Amerika trifft, packt ihn das Reisefieber völlig. Weil man nach Deutschland 1972 auch ohne Visum reisen kann, wagt er den großen Schritt, so dass er nach einer kurzen Zeit des Kulturschocks goldene Jahre in der Künstlerszene und durchtanzte Nächte erlebt. Der Himmel scheint offen – bis ihn nach Jahren in Saus und Braus Polizisten aufgreifen und er ganz unverhofft abgeschoben wird.

Der Paradiesvogel

Wie eine Feder im Wind verschlägt es ihn zurück nach Afghanistan und er erlebt die russische Invasion, wird Soldat, findet Verwendung für sein künstlerisches Talent, findet schließlich wieder zurück nach Deutschland, lernt seine Umgebung immer wieder mit neuen Augen sehen, findet eine Partnerin. Dem persischen Gedicht folgend durchlebt er sieben Täler, erfindet sich neu, häutet sich, entwickelt sich, verliert sich, bis schließlich – so viel sei verraten – doch alles zu einem guten Ende führt.

Vielleicht kann man dem Comic vorwerfen, dass das Leben hier unkomplizierter, weniger bleiern, weniger verfahren wirkt, als es die Wirklichkeit ist. Das mag der optimistischen Erzählhaltung geschuldet sein, die das gute Ende stets vor Augen hat. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk 2023 erzählen Vater Ahmadjan und Tochter Maren, dass der Vater angesichts der Greuel der Talibanherrschaft zunächst ein deutlich düstereres Werk vor Augen hatte; man habe sich aber schließlich für einen Ansatz entschieden, aus dem man Kraft schöpfen könne. Optimistisch wirkt bereits der gewählte Zeichenstil, der von leichter Hand in einem schwungvoll karikierenden, sehr sympathischen Stil hingeworfen ist. Den Vergleich zu Sempés Der kleine Nick haben bereits andere gezogen – er passt. Schier atemberaubend wird die Grafik, wenn Maren Amini den Silhouetten Farben, und seien es nur breite Tuschestreifen, hinzufügt und den Bildern mit wenigen Klecksen eine erstaunliche Tiefe verleiht. Dann wird die schnell skizzierte Außenwelt zur Seelenlandschaft. Selbst im Künstlerischen wird der Blick in die Weite zum Blick nach Innen.

Here, there, and back again. Die Berge von Afghanistan.

Ahmadjan und der Wiedehopf endet, als der Held im siebten Tal die Vollendung seiner Charakterbildung findet. Er kehrt zurück nach Afghanistan und findet dort seine Lebensaufgabe – bis der Sieg der Taliban die Lebensträume vorerst zunichte macht. Diese bittere letzte Wendung fand aber keinen Eingang mehr ins Buch; ebensowenig erfährt man über die Zusammenarbeit oder die Verbindung mit seiner Tochter Maren genaueres. Es ist die Leerstelle zwischen dem Inhalt des Buchs und dessen Entstehen. Vielleicht ist es eine gute Entscheidung, dass das Buch nicht auch noch seinen eigenen Entstehungsprozess thematisiert. 2023 hat das damals noch unfertige Projekt den renommierten Berthold-Leibinger-Preis gewonnen.

Eine außergewöhnliche Comic-Biografie, die in poetischen Bildern schwelgt

9von10Ahmadjan und der Wiedehopf
Carlsen Comics, 2024
Text und Zeichnungen: Maren und Ahmadjan Amini
240 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 26 Euro
ISBN: 978-3551799715
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