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Ein Sommer am See

Es ist Sommer, die Familie von Rose fährt wie jedes Jahr zu ihrem Ferienhäuschen in Awago Beach, einem (fiktiven) kanadischen Badeort. Die Umgebung ist vertraut und auch Roses Ferienfreundin Windy ist da, wie immer. Es ist eben ein „Sommer am See“. Die deutsche Übersetzung des Titels ist nicht ganz präzise – im Original heißt das Buch This One Summer, und da klingt viel deutlicher an, dass dieser eine Sommer eben nicht ganz genau so ist wie all die anderen Sommer davor.

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Wie alt Rose ist, erfahren wir nicht genau, aber wir merken schnell, dass sie sich genau an jener Schwelle befindet, an der man nicht mehr so richtig Kind ist, aber auch noch nicht zu den typischen Jugendlichen zählt. Das Lebensgefühl dieser Zwischendrin-Phase ist der zentrale Punkt, den die Cousinen Mariko und Jillian Tamaki in ihrem Comicroman beschreiben wollen. Es geht ihnen nicht so sehr darum, einen bestimmten Plot, eine ausgefeilte Handlung zu erzählen. Die hat das Leben ja auch nicht. Wichtiger ist das Gefühl, der Zustand, in dem sich Rose befindet – einerseits der unbeschwerte Zustand des Urlaubs, in dem nicht die gleichen Regeln gelten wie im Alltag, andererseits ihr eigenes Befinden zwischen Kindheit und (Noch-nicht-) Erwachsenwerden.

Die Veränderungen zeigen sich an Kleinigkeiten, vor allem am Verhältnis zu ihren Bezugspersonen. Windy, die Ferienfreundin, die eineinhalb Jahre jünger ist als Rose, ist noch immer die gute Freundin, mit der man spielen, quatschen, baden, Süßigkeiten kaufen und – neu in diesem Jahr – Horrorfilme gucken kann. Aber es gibt einzelne Momente, in denen klar wird, dass Windy noch nicht ganz in dieser Phase steckt, in der sich Rose befindet. Windy teilt beispielsweise nicht die Faszination, die die Dorfjugend von Awago Beach auf Rose ausübt. Rose umkreist und beobachtet diese älteren Jugendlichen und kommt ihnen dabei zwar nicht wirklich nahe, kriegt aber genug mit, um eine Ahnung davon zu bekommen, dass deren Lebensabschnitt auch nicht der allerleichteste ist. Auch der Blick auf ihre Eltern beginnt sich zu verändern: Es gibt Streitigkeiten zwischen Vater und Mutter, und Rose versteht, dass ihre Familie kein reines Heile-Welt-Idyll mehr ist.

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Über 300 Seiten umfasst dieser voluminöse Comic, aber wer hier eine große, epische Ezählung erwartet, liegt komplett daneben. Auf Pathos oder allzu große Gesten, zu denen andere Comicmacher wie etwa Craig Thompson manchmal neigen, verzichten die Tamakis komplett. Sie erzählen leise, zurückhaltend und mit einer sehr angenehmen Beiläufigkeit. Es ist nicht die große „Coming of age“-Erzählung, an deren Ende Entwicklungen abgeschlossen und Lektionen gelernt werden, sondern nur ein kleiner Ausschnitt aus dem langen Prozess des Erwachsenwerdens. Und die klassischen Themen dieses Genres – Verliebtsein, Sexualität, Rauschmittel – spielen nur eine kleine Nebenrolle. Hier wird keine Jugend von A bis Z ausgebreitet, sondern viel Raum für eigene Assoziationen und Erinnerungen gelassen.

Ein Sommer am See liest sich sehr leicht und überraschend schnell, was nicht nur an den sparsamen Dialogen und den oft eingestreuten großformatigen Bildern liegt, sondern nicht zuletzt auch an dem Sog, den diese Geschichte von Anfang an entwickelt. Jillian Tamaki gelingt es in ihren Zeichnungen hervorragend, Stimmungen zu vermitteln – von Mindys ausgelassener Tanzeinlage bis zur unheimlichen Atmosphäre bei einem nächtlichen Spaziergang. Wenn nötig, zeichnet sie sehr detailliert und naturalistisch, zum Beispiel Landschaften oder Zimmereinrichtungen. Vor allem aber beherrscht sie die Kunst des Weglassens, konzentriert sich in vielen Panels aufs Wesentliche und verzichtet häufig ganz oder teilweise auf Hintergründe.

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In den USA erschien der Comic beim Verlag First Second, der hauptsächlich die Zielgruppe der „Young Adults“ anpeilt, und erhielt einige Jugendbuchpreise. Ein typisches Jugendbuch ist Ein Sommer am See aber nicht. Es ist nicht explizit für Jugendliche geschrieben, es handelt nur von Jugendlichen. Lesen und verstehen kann man das in jedem Alter, vielleicht so ähnlich wie bei Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, der ebenfalls eine altersmäßig sehr breit gefächerte Leserschaft begeistert hat.

Rose und ihre Eltern werden wohl auch im nächsten Jahr wieder Urlaub am See machen. Dass dann wieder einiges ganz anders sein wird als beim letzten Mal, steht jetzt schon fest.

Äußerst gelungene Coming-of-coming-of-age-Erzählung

Ein Sommer am See
Reprodukt, 2015
Text: Mariko Tamaki
Zeichnungen: Jillian Tamaki
Übersetzung: Tina Hohl
320 Seiten, dunkelblau-weiß, Softcover
Preis: 29 Euro
ISBN: 978-3-95640-025-4
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