Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

The Ravages of Time 2

The Ravages of Time ist eine große, mächtige Manhua-Serie, über den blutigen Untergang der Han-Dynastie. Chan Mou erzählt darin eine zeitgemäße Version von Sanguo Yanyis Geschichte der drei Reiche als Dickicht von historischen Bezügen und undurchsichtigen Figuren, das sich gerade für den westlich sozialisierten Leser als Herausforderung erweist.

Natürlich: historische Namen und Hintergründe lassen sich googeln und recherchieren, dennoch bedarf es Aufmerksamkeit, die Figuren auseinander zu halten und sämtliche Zusammenhänge zu verstehen. Man stelle sich am besten vor, man habe noch nie etwas vom 30jährigen Krieg gehört, kenne die Epoche nicht und habe keine Ahnung, wie man katholisch und protestantisch unterscheiden könne, wo doch alle den gleichen Gott anbeten. So in etwas fühlt es sich an, in die Konflikte der drei Reiche einzutauchen. Dazu kommt noch, dass Chan Mous Bildsprache nicht immer leicht zu erfassen ist, dass er Erzählstränge parallel führt, Figuren sich ähnlich sehen und man selbst herauszufinden hat, wer hier Haupt-, wer Nebencharakter ist. Tolstoi liest sich im Gegensatz dazu weit gefälliger.

Revolutionäre Gedanken. Alle Abbildungen (c) Chinabooks.

Dennoch lohnt sich die Lektüre mit ihren zahlreichen, erzählerisch mit langem Atem vorbereiteten Höhepunkten und man wird belohnt mit epischen Momenten. So zum Beispiel im zweiten Band, wenn der Großmentor des abgesetzten Kaisers dem Usurpator Dong Zhuo mächtige Worte auf dem Schlachtfeld entgegenschleudert:

„Das Volk wird nie vergessen, auf welch ruchlose Weise ihr die Macht an euch gerissen habt. […] Verflucht sollt ihr sein! Das Reich soll euch verwehrt bleiben, mehr noch: Die Nachwelt soll euch für immer mit Schimpf und Schande überschütten. Das Volk soll Eure Untaten von Generation zu Generation überliefern, und die Geschichtsschreiber sollen gegen Euch Partei ergreifen und Eure Verbrechen ins Ungeheuerliche steigern! Jawohl! Von einem der Euren sollt ihr ermordet werden! Von einem eurer eigenen Söhne!“

Nach hunderten Seiten immer unübersichtlicher werdender Allianzen schaffen solche Ansagen Klarheit und Orientierung. Und doch bringt die Reaktion des Usurpators sogleich wieder die vermeintliche Sicherheit einer allzu offensichtlichen Gut/Böse-Dichotomie ins Wanken, als der auf die vernichtende Anklage antwortet,

„Das Kaiserhaus ist in der Tat zum Untergang verurteilt, aber nicht durch meine Hand, sondern durch Schmarotzer wie euch, die sich an  unserem Reich gemästet haben. Ihr korrupten Beamten habt unser Land ins Chaos gestürzt, weil ihr euch nur die eigenen Taschen gefüllt habt und blind wart für die Not des Volks. Du begleitest den Rang eines Großmentors, und dennoch hast du dem Kaiser nicht ins Gewissen geredet und die Beamten nicht kontrolliert. Du hast all das Chaos erst heraufbeschworen, sodass sich der Abschaum erhoben hat und das Volk im Elend versunken ist. […]“

Wir befinden uns in Ravages of Time in einem Flächenbrand der Geschichte, in dem die Anzahl von Wohlgesinnten, die alle nur die besten Absichten haben, kein Ende zu nehmen scheint. Sieben Zehntel der Bevölkerung fielen diesen Konflikten – so der Eingangstext im ersten Band – zum Opfer. Das fasziniert auch deswegen, da Ravages of Time ein ferner Spiegel auf die heutige Ära disruptiver Politik ist: alte Gewissheiten bieten keinen Halt mehr, die derzeitigen disruptiven Alternativen sind nicht in der Lage, neue Perspektiven zu eröffnen.

Xiao Meng, Tänzerin und Spionin.

Schon im ersten Band der Reihe zeichnet sich ab, wie gründlich der Künstler Chan Mou seine Geschichte komponiert. Auf Seite 174 des ersten Bandes bereits eröffnet der Clanchef Zhongda, wie er von der anstehenden Zerstörung der Stadt Luoyang profitieren möchte und erzählt von der geschwächten Kampfmoral der dort stationierten Soldaten, die außergewöhnlich lange von zu Hause weg sind. Zhongda entsendet Xiao Meng, sein Geschwister mit uneindeutiger Sexualität in die Stadt, um dort als Tänzerin zu spionieren. Als diese*r auf Seite 330 vor Ort ein Lied anstimmt, verfallen die Soldaten in Melancholie und werden sich ihrer Schwäche bewusst, dargeboten in einer beeindruckenden Choreografie von Tanzdarstellung, Text und wortlosen Bildern – es erinnert an die musikalischen Darbietungen in John Woo-Filmen wie The Killer oder Bullet in the Head, ein stimmungsvolles Innehalten, bevor die brutale Realität der schwelenden Konflikte sich wieder erhebt und die Schönheit des Moments hinwegfegt.

Auch Xiao Meng.

Trotz ähnlicher Aufmachung ist Chan Mous Ravages of Time kein zweites Klingen der Wächter, im Gegensatz zu Xu Xianzhes Erfolgsserie ist Ravages weniger an der Psychologie der Figuren interessiert und deutlich mehr fokussiert auf strategische Entscheidungen, Taktik und die ein oder andere Anekdote. Stilistisch wirkt es dabei wie das fehlende Glied zwischen Klingen der Wächter und Chen Uens Die Helden der Zhou-Zeit. Der Komplexität der Story ist es geschuldet, dass die Story weniger flott zu lesen ist als Klingen, immer wieder gibt es Kapitel mit hoher Textdichte, beispielsweise, wenn Zhongda mit acht Meisterdenkern darum konkurriert, einen Geheimcode nicht nur zu entschlüsseln, sondern auch richtig zu interpretieren. Das ergibt faszinierende Lektüre, wenn man sich darauf einlassen mag. Man muss sich aber darüber klar sein, dass es Hingabe erfordert, um Ravages of Time richtig würdigen zu können.

Dieser Herausforderung sollte man sich stellen!

8von10The Ravages of Time 2
Chinabooks, 2026
Text und Zeichnungen: Chan Mou
Übersetzung: Marc Hermann
400 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3038870227
Leseprobe

 

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken dieses Formulars erklärst du dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.