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Die Erektion – Buch 1

Ein unüberlegter Satz kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, wenn ihm die zerstörerische Kraft inne wohnt, eine über zwanzigjährige Beziehung zu erschüttern. Das muss der Kunstprofessor Florent am 48. Geburtstag seiner Lebensgefährtin Lea erfahren. Obschon noch immer attraktiv, fühlt diese sich von ihrer besten und gleichaltrigen Freundin Alexandra als Konkurrentin bedroht. Als Florent auf die Frage, wer denn nun attraktiver sei, antwortet: „Das kann man doch nicht vergleichen, sie ist viel jünger als du“ und während der anschließenden Geburtstagsparty auch noch das Weihnachtsgeschenk für seine Mutter mit Leas Geburtstagsgeschenk verwechselt, genügt eine Erektion, um eine handfeste Ehekrise heraufzubeschwören.

Alle Abbildungen: © Splitter Verlag

Die Protagonisten des Comicautors Thierry Terrasson alias Jim gehen  allesamt langsam auf die 50 zu und riskieren, in einer tiefen Midlifecrisis steckend, ihr bisheriges Leben und die damit einhergehende Sicherheit im Austausch für das Ungewisse – eine Ausnahme bildet Süße Versuchung (Zeichnungen: Grelin), in dem das frivole Spiel zweier Babysitter und die Intrige der Ehefrau das Leben eines Mannes vernichten. In seinem neuen Werk Die Erektion widmet er sich einem interessanten Experiment: Funktioniert ein Comic, der nicht etwa nur am gleichen Ort (ein vergleichbarer Fall wäre Hergés Die Juwelen der Sängerin), sondern dezidiert nur in einer kleinen Wohnung (Handlungsorte: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche) spielt und sich an der aristotelischen Einheit von Zeit, Raum und Handlung orientiert? Ein geschlossenes Drama in Form eines Comics also, das sich als Anspielung auf das Boulevardtheater Frankreichs versteht.

Und so erinnert Die Erektion an Theaterstücke wie etwa Le Dieu Du Carnage / Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza, in dem ein Gespräch zweier Elternpaare hoffnungslos eskaliert. Jim geht so weit, seinen Comic in verschiedene Akte zu unterteilen (Band 1 besteht aus drei Akten) – selten standen sich die künstlerischen Ausdrucksformen so nah wie hier (ein anderes Beispiel wäre etwa Lenardo und Blandine von Joseph Franz von Goez von 1783).

Die Erektion stellt nach Helena bereits die zweite Zusammenarbeit von Jim mit  Lounis Chabane dar. Helena deutete bereits Chabanes Talent für ausdrucksstarke Zeichnungen an. Waren Sonnenfinsternis, Süße Versuchung und mit Einschränkungen auch Wo sind die großen Tage geblieben auf zeichnerischer Seite gewöhnungsbedürftig, überzeugt Die Erektion ebenso wie Eine Nacht in Rom (Zeichnungen von Jim) oder eben Helena. Mir gefiel die künstlerische Umsetzung in letzterem etwas besser als in Die Erektion, denn die expressiven Mimiken Chabanes tendieren bisweilen zur Grimasse. Dennoch tragen die Zeichnungen, auch durch die gelungene Kolorierung von Delphine, zum Gelingen des Kammerspiels bei. Jedes Panel wirkt lebhaft und beinahe filmisch – ein Eindruck, der durch die Wahl kinematografischer Panelformate gestützt wird. Sehr gelungen auch die typischen 80er- und 90er-Jahre-Poster. Gerahmt an der Wand hängend weisen sie auf die Zerrissenheit der Protagonisten hin. Im Hier und Jetzt lebend gehören sie einer vergangenen Epoche an, sie schmücken sich mit den angesagten Trends von 1994. Im Gegensatz dazu steht ein Hello-Kitty-Höschen, das erneut die Frage aufwirft, wo die großen Tage geblieben sind.

Während sich der Look der Männer an Vincent Delerm (französischer Musiker, CD Tipp: Les Piqures D’araignee) und Vincent Macaigne orientiert, gelingt es Chabane besonders gut, Lea und Alexandra zu portraitieren. Lea, dunkelhaarig und eher konservativ gekleidet, strahlt noch immer eine gewisse Erotik aus, die in manchen Bildern allerdings deutlich zurücktritt und Alterserscheinungen preisgibt (sie spiegelt Leas Freund Jean-Fabrice, der von vorne jugendlich wirkt, dessen lange Haare aber seine Halbglatze nicht länger verbergen können). Die blonde Alexandra hingegen erscheint nicht nur in der Wahl ihrer Kleidung (abgeschnittenes Top, kurzer, roter Rock) jung, sondern stellt Lea in allen Belangen in den Schatten.

Besonders interessant erscheint die Konstruktion der Hauptfigur Florent. Ein tollpatschiger Mann, den seine eigene Sexualität sichtbar abzustoßen scheint, der sich als Erfüllungsgehilfe seiner Partnerin sieht und den eine, von seiner Freundin ungewollte, Erektion peinlich berührt. Im Umgang mit Frauen eher unerfahren und zudem unfähig, sie in ihrem Selbstbild zu bestärken, lebt er mit einer von Selbstzweifeln zermürbten Frau zusammen, die sich in ständiger intersexueller Konkurrenz zu ihrer besten Freundin wähnt und sich über ihre sexuelle Wirkung auf ihren Mann definiert. Dass die Kinder der Nachbarn ein Stockwerk höher eine Party feiern und immer wieder die sich auf dem Balkon streitenden Mittvierziger aufziehen, erhöht indes die Spannung und es verdeutlichen sich die Unsicherheiten der Protagonisten, denn ein ausgeglichenes Paar würde die Provokationsversuche mit einem leichten Anflug von Nostalgie goutieren. Im Gegenzug dazu stehen Alexandra und Jean-Fabrice, ein Paar im Dauerstreit: Berufsjugendlich, sich vor Verantwortung drückend und emotional in den 20ern lebend. Was sie antreibt, kann aber bisher nur gemutmaßt werden.

Mit Die Erektion legt Jim erneut einen hervorragenden Comic vor. Etwas kürzer als Eine Nacht in Rom und mit kleinerem Anhang, geht das Experiment der Annäherung von Comic und Theater auf. Aus einer Erektion eine ernstzunehmende Geschichte ohne Vulgarität zu kreieren, deren Spannungsbogen sich langsam erhärtet und dessen (für Kenner des Jim’schen Œuvres vorhersehbarer) Cliffhanger weitere Konflikte für den Folgeband andeutet, gelingt nur Jim. Dennoch fehlt der melancholische Touch, der die bisherigen Werke des Autors wie ein roter Faden durchzieht und bisher nur kurz aufblitzt: In einem ruhigen Moment der emotionalen Einsamkeit zeigt Jim auf einer einzigen Seite, wie man mit fünf Panels bestmöglich Melancholie erzeugt, und so gerät ein Blick in die Fenster der Nachbarn zum herzzerreißenden Highlight des ersten Bandes.

Geglückte Transformation von Boulevardtheater ins Comicformat

9von10Die Erektion – Buch 1
Splitter Verlag, 2018
Text: Jim
Zeichnungen: Lounis Chabane
Farbe: Delphine
Übersetzung: Resel Rebiersch
68 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 16,30 Euro
ISBN: 978-3-96219-024-8
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