Rezensionen
Kommentare 1

Androiden 1 – Wiederauferstehung

Alte Science-Fiction-Weisheit: Androiden gehen immer. Splitter macht mit der vierbändigen Serie Androiden den Bladerunner auf der Hatz nach hohen Verkaufszahlen: Vier Autoren, vier Alben. Der erste Band aus der Feder von Jean-Luc Istin (Die Nacht der lebenden Toten) ist im September 2017 erschienen.

Alle Abbildungen: © Splitter

Zunächst folgen wir den Erlebnissen der jungen Liv, einer (nur anfangs) nackten NYPD-Ermittlerin, welcher der Ennui ihrer Gesellschaft ins Gesicht geschrieben steht. Die Menschheit hat Unsterblichkeit errungen, aber an dessen Stelle das Abenteuer und die Möglichkeit zur Fortpflanzung verloren. Liv ist ihrer Welt so überdrüssig, dass sie einen Meteoritenschauer, der Manhattan zerlöchert wie der Hagel eine frische Schneedecke, mit völliger Regungslosigkeit betrachtet. Ein Mordfall reißt sie aus ihrer Lethargie: eine Wanne voll Blut. Gut, das muss ermittelt werden.

Aber bevor sie wirklich dazu kommt, überschlagen sich die Ereignisse. Endlich etwas Action im 26. Jahrhundert. Um diese Welt zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen. Im Jahr 2056 brach ein letales Virus aus, das sich über den ganzen Planeten ausbreitete, und alle medizinischen Interventionen erwiesen sich als falsche Hoffnungen. Die Menschheit starb, und fortan wandeln nur noch Androiden über unseren Planeten – Androiden, die nichts von ihrem künstlichen Wesen wissen und sich als echte Menschen fühlen, so auch Liv. Sie glauben, einer blauen Kapsel, die „Mischung“ genannt, ihre Unsterblichkeit zu verdanken; dabei handelt es sich lediglich um ein Antidepressivum für die Maschinenwesen, das staatlich verordnet wurde, um den Staat stabil zu halten. Schließlich macht das Androidendasein keinen Sinn, wenn keine Menschen mehr leben, denen man dienen könnte. Und da kommt der zweite Handlungsstrang ins Spiel.

Anna ist Kunstrestauratorin, verheiratet (mit einem Idioten, wenn man ihrer Freundin Helen glauben mag) und hat einen aparten Wohnsitz: St. Patricks Cathedral. Dort arbeitet sie an der Wiederherstellung wichtiger Kulturschätze und leidet an einer zeitweise auftretenden Übelkeit, die wir Leser ebenso schnell richtig zu deuten wissen wie die anderen Figuren: Anna ist schwanger. Es stellt sich heraus, dass die Schwangerschaft ohne ihr Wissen und künstlich herbeigeführt wurde (noch künstlicher als von Android zu Android). Außerdem ist ihr Mann tatsächlich das Arschloch, für das Helen ihn gehalten hat, denn er ist Teil des Komplotts, dessen Opfer die Selbstbestimmung Annas ist. Das Ziel der Schaltkreisgesellschaft ist es nämlich, wieder menschliches Leben zu erzeugen, um einen neuen Sinn in der eigenen Existenz zu finden. Dass der Weg dahin mit Lügen gepflastert ist, wirft einen großen Schatten auf das Ergebnis.

Nachdem Liv und Anna zueinander gefunden haben, erweisen sich die Morde (bzw. die Verschrottungen) als Puzzlestücke in diesem Rätsel, denn sie dienten der regierungsseitigen Verschleierung der Wahrheit vor der Androidenöffentlichkeit. Das Kind wird geboren: Aaron, und Anna sieht es kommen: „Das Ende einer Welt und die Geburt einer neuen.“

Ziemlich viel Stoff für 64 Seiten, und tatsächlich wird dem hohen Erzähltempo manche Logik geopfert: Die Umstände, unter denen Anna am ersten Tatort einen Verdächtigen aufspürt, werden glücklicherweise nicht näher erläutert, denn im Detail würde auffallen, wie unplausibel die Zusammenhänge hier sind. Überhaupt ist die ganze Kette von Ereignissen  – Morde, Entführungen  – so eng auf einen Erzählzeitraum von wenigen Stunden zusammengeschnürt, dass es einem etwas zu viel werden kann. Der Twist, dass sich am Ende die Gegenwart als postapokalyptische Posse erweist, in dem alle zu unfreiwilligen Statisten verurteilt sind, ist eigentlich gelungen. Die Konsequenzen hieraus aber, eine Kultur, in der Androiden und Roboter in einer Art Zwei-Klassen-Gesellschaft nebeneinander existieren und die Androiden die tumben Roboter für ihr Maschinendasein bemitleiden, hätte Anlass für eine interessante Gesellschaftsanalyse bieten können. Wie herrlich irrt Anna, als sie ihr eigenes Vermögen so maßlos überhöht: „Und die Seele dieses Gemäldes würde hinter einer mechanischen Arbeit bar jeder Sensibilität verschwinden. Um es gut zu machen, muss man fühlen, was der Künstler empfand, als er dieses Bild gemalt hat. Und das kann nicht die Aufgabe einer gewöhnlichen Maschine sein.“ Was für eine Steilvorlage für eine Betrachtung über den Menschen, der sich für mehr hält als eine komplexe Maschine. Aber diese Chance verspielt Androiden 1: Wiederauferstehung.

Dies ist aber auch viel verlangt für einen Einzelband, der neben einem vielversprechenden Setting auch jede Menge Action bieten möchte. Das Format ist vielleicht nicht ganz unschuldig daran, dass die Story etwas zu schnell heruntererzählt wird. Maschinenwesen, die nicht wissen, dass sie keine Menschen sind: Seit Blade Runner ein Klassiker des SF-Genres. Wem Androiden 1: Wiederauferstehung etwas zu unausgegoren ist, findet in den bisher vier auf Deutsch erschienenen Bänden von Jeff Lemires Descender eine gute Alternative.

Es bleibt ein actionreicher und unterhaltsamer Band mit gelungenem Setting, aber Schwächen in der Ausführung. Schade, weil es viel mehr Potential gehabt hätte.

Unterhaltsamer SF-Comic, der jedoch ein paar Chancen verspielt

Androiden 1 – Wiederauferstehung7von10
Splitter, 2017
Text: Jean-Luc Istin
Zeichnungen: Jesús Hervás Millán
Kolorierung: Olivier Héban
Übersetzung: Swantje Baumgart
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-568-8
Leseprobe

1 Kommentare

  1. Pingback: Androiden 2 – Glücklich wie Odysseus |

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken dieses Formulars erklärst du dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.