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Raowl 1 – Die Schöne und das Biest

Raowl ist ein hilfsbereites Monster mit dem Temperament eines Berserkers, das in einem Märchenreich voller Getier, Gewalt und Zuckerwattekarotten auf die Liebe einer Prinzessin hofft. Raowl ist gut darin, Prinzessinnen zu retten und ihre Verfolger zu Klump zu hauen, doch gibt es irgendwo auch eine Prinzessin, die ihn annimmt, so ungeschlacht, wie er ist? Oder hätte sein verhasstes Alter Ego Herbert bessere Chancen, ein dümmlicher und hochnäsiger Prinz, in den sich Raowl verwandelt, wenn er niest? Auf der Suche nach Antworten prügelt sich Raowl im vorliegenden ersten Band einer geplanten Albumserie u.a. mit Drachen, Nixen und höflichen Kannibalen herum.

Abbildungen: © Tébo/Carlsen Verlag

Tébo, der hier im Alleingang schreibt und zeichnet, gehört zu den aktuellen Stars des frankobelgischen Comics. Stilistisch liegt er auf originelle Weise ziemlich genau zwischen Zep und Lewis Trondheim, mit beiden hat er folgerichtig schon mehrfach zusammengearbeitet. Das heißt: schlaksige Figuren in malerischen, aber verfransten Bildern. Klassischer Spirou, auf der einen Seite durch eine moderne Sensibilität gebrochen, auf der anderen Seite durch eine derbe und schicke Cartoonigkeit. Die hervorquellenden Augen, dicken Nasen und hysterischen Verrenkungen seiner Figuren sind dabei sehr eigen und schon von weitem erkennbar. Ebenso typisch ist Tébos Version des düpierten Schweigens der Figuren als Reaktion auf Unglaubliches, Unverschämtheiten oder Brutalitäten, die die witzige Lakonie mancher Szenen von Trondheim noch einmal potenziert.

Ästhetisch lässt sich Tébo nicht lumpen: seine liebevoll ausgestatteten Wälder, Burgen und Schänken sind mit ihren krakeligen Schnörkeln einfach hinreißend. Da gibt es stolze Tontöpfe, furchtsame Blätter und trotzige Trutzburgen. Und wenn eine dramatische Szene dann zu verspielt aussehen könnte, sorgen kratzige Tuscheattacken für Ecken und Kanten. Alles bröckelt, fusselt und wankt, und trotzdem vermitteln Schluchten und Meere ein Gefühl von Weite (auch im ungewöhnlich kleinen Format dieses Albums). Die perfekte Blickführung sorgt dafür, dass die Lektüre auch bei den chaotischsten Wendungen der Handlung verständlich und amüsant bleibt. Das Stakkato solcher Wendungen und ständiger neuer Einfälle (gab es je ein aufgeräumteres Gerippe?) verhindert Langeweile, und der Band liest sich beinahe von selber. Dazu kommen ungewöhnlich einleuchtende Dialoge („Ich bin von Natur aus schön, also hab ich viel freie Zeit…“) und satte Farben. Dazu gibt es haufenweise Querverweise, Zelda-Wächter und Johann und Pfiffikus-Tableaus.

Brauchen wir zwanzig Jahre nach dem ersten Shrek-Film, nach Dutzenden von Donjons, nach Melusine und Nimona, Adventure Time und Disenchantment noch mehr verdrehte Märchen und dekonstruierte Fantasy-Klischees? Oder, umgekehrt: wann hat jemand das letzte Mal eigentlich einen märchenhaften Comic plusminus für Kinder gelesen, der nicht in erster Linie eine Parodie war (die Erwachsenen dürfen natürlich schwelgen und träumen, das ist ja das Gemeine)? Was bringt dieser Band Neues? Und warum wollen die männlichen Figuren, allen voran der Held, die eindeutig als Kinder dargestellten Prinzessinnen (an sich eine wunderbare Abwechslung im Genre) ständig küssen und ausziehen?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass zur Zeit wenig neue Geschichten erzählt werden, die sich dezidiert an Jungen richten oder von ihnen handeln, während Bücher, Filme und Comics für Mädchen mittlerweile in verschiedenen Schattierungen existieren und immer noch ausdrücklich gefördert werden. Noch seltener sind Geschichten für und über betont jungsige Jungen mit Aggressions- und Disziplinproblemen. Dieser bekannte Missstand hat in den letzten Jahren vor allem in Skandinavien zu diversen Versuchen geführt, diese Jungen gezielt mit maßgeschneiderten Geschichten ansprechen zu wollen. Raowl scheint, wie bewusst auch immer, in eine ähnliche Kerbe hauen zu wollen, und entsprechend zwiespältig bleibt der Eindruck, den der Comic zumindest bei diesem Rezensenten hinterlässt.

Raowl schlägt Schlädel ein, und manchmal die Falschen. Das wird mehrfach auf doppelseitigen Splashpages dargestellt, als würde Spawn gegen den Violator antreten. Der Oberschurke am Ende des Bandes wird in Einzelteile zerschnetzelt. Die sympathischste Figur der Geschichte ist ein schüchterner Kannibalenjunge, der sich aus Schuldgefühlen heraus nach und nach selber verspeist. Sein Dilemma wird bis zum Schluss nicht aufgelöst, sondern mit makabren Witzen ausgemalt. Prinzessin Belle, die positiv (und angenehm fehlerhaft) dargestellte Heldin der zweiten hier enthaltenen Geschichte, kann Raowls empfindliches Alter Ego Herbert nicht ausstehen, mag den stinkenden und schwitzenden Rabauken Raowl, aber entscheidet sich dann doch für emanzipierte Einsamkeit. Der Wahnsinn hat ein bisschen viel Methode.

Unterm Strich bleibt also ein großer Spaß für erwachsene Nerds, mit ein paar Fragezeichen einerseits, ein paar wirklich originellen Bildern, Gags und Twists andererseits. Ob er für Kinder geeignet ist, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Gelungene und gutgelaunte Fantasyparodie, für Kinder vielleicht zu makaber und ein bisschen grob didaktisch für Große.

7von10Raowl 1 – Die Schöne und das Biest
Carlsen Comics, 2019
Text und Zeichnungen: Tébo
Übersetzung: Marcel Le Comte
72 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 14,00 Euro
ISBN: 978-3-551-79693-6
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