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Fukushima – Die Chronik einer Katastrophe

Atomkraftwerke sind gerade in aller Munde, sowohl die hiesigen AKWs als auch das ukrainische AKW Saporischschja sind absolut tagesschautauglich. Bertrand Galic und Roger Vidal haben dem verheerenden Unfall von Fukushima im Jahr 2011 einen Jubiläums-Comic gewidmet.

Alle Abbildungen © Cross Cult

Der Comic erzählt die Ereignisse der ersten fünf Tagen nach dem ersten Erdbeben aus der Sicht des Betriebsleiters des Atomkraftwerks Masao Yoshida. Dieser musste gegenüber einem Untersuchungsausschuss in sechs Sitzungen zwischen Juli und September 2011 Rechenschaft für seine Handlungen abgeben. Diese Sitzungen stellen den Rahmen der Comic-Handlung dar, und wir tauchen durch Yoshidas Erzählungen immer wieder in die Geschichte des Reaktorunglücks ein.

Der Untersuchungsausschuss befragt Masao Yoshida, um die Abläufe im Atomkraftwerk von Fukushima zu rekonstruieren. © Cross Cult

Am 11. März 2011 ereignet sich ein Seebeben vor der japanischen Küste, aber die Erdbeben, die entlang der Pazifischen Platte tobten, waren nur die Vorboten des gewaltigen Unglücks, das den Küstenbewohner*innen erst noch bevorstehen sollte. Etwa 60 Minuten nach dem Erdbeben erreichte ein gewaltiger Tsunami die Fukushima-Küste und überspülte mit einer bis zu 30 Meter hohen Flutwelle die nur sechs Meter hohen Dämme. Masao Yoshida muss schnelle Entscheidungen treffen, um das Schlimmste zu verhindern, als die Reaktoren ausfallen und damit die Kühlung der Brennelemente unterbrochen wird. Immer wieder kommen er und seine Mitarbeiter auch auf unkonventionelle Ideen, wie die Improvisation mit Autobatterien oder die Kühlung der Reaktoren durch das Meerwasser.

Sie kämpfen einerseits gegen die Natur, andererseits vor allem aber gegen die Obrigkeiten: Das Management des Energieversorgungsunternehmens Tepco, das ständig über die Krisenaktivitäten auf dem Laufenden gehalten werden möchte, behindert die Arbeiten, ohne eigene Hilfe zu bieten: „Wenn sie uns nicht zu viele Steine in den Weg legen, ist das schon etwas.“ Auch als der japanische Premierminister einen gutgemeinten Besuch abstattet, bindet die Vorbereitung dafür Arbeitskräfte, die an anderer Stelle gebraucht würden. Masao Yoshida kämpft, ganz und gar der Logik amerikanischer Hollywooderzählungen folgend, als Lonesome Wolf gegen die Meute der Behörden und setzt sich über Anweisungen hinweg – stets im Interesse der Allgemeinheit – und seiner Mitarbeiter*innen, für die er sich heldenhaft einsetzt. Überhaupt: Helden gibt es jede Menge.

Masao Yoshida sorgt sich stets um das Wohl seiner Mitarbeiter*innen.

Die großen nuklearen Katastrophen von Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl haben die Kreativität schon immer angeregt, auch im Comic. Besonders prominent ist natürlich die Serie Barfuß durch Hiroshima (1973–87) von Keiji Nakazawa, die in Deutschland seit jeher nur in verkürzter Form verfügbar ist (im Gegensatz etwa zu der englischen oder französischen Übersetzung). Der französische Zeichner und Autor Emmanuel Lepage hat in Ein Frühling in Tschernobyl (2012, dt. Splitter 2013) seine Vor-Ort-Recherchen über die Nachwirkungen des berühmten AKW-Unfalls in der Ukraine 1986 verewigt. Das Projekt geht auf den Besuch eines Künstlerkollektivs im Jahr 2008 zurück, und das Ergebnis ist ungemein eindrucksvoll (hier ein Essay über Lepage auf Comic.de).

Emmanuel Lepage: Ein Frühling in Tschernobyl (Splitter) / Keiji Nakazawa: Barfuss durch Hiroshima (Carlsen) / Kazuto Tatsuta: Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima (Carlsen) / Yuko Ichimura / Tim Rittmann: 3/11 – Tagebuch nach Fukushima (Carlsen)

Nicht zuletzt ist auch das Reaktorunglück von Fukushima schon zum Gegenstand von Comics bzw. Mangas geworden. Kazuto Tatsuta brachte seine Erfahrungen als Arbeiter in Fukushima in dem Manga Reaktor 1F (2013–15) zu Papier, und Yuko Ichimura hat die Ereignisse in 3/11 – Tagebuch nach Fukushima in Zusammenarbeit mit dem deutschen Journalisten Tim Rittmann dokumentiert. Galic und Vidal haben einen ganz anderen Ansatz gewählt. Er wird deutlich in Form eines Hinweises zu Beginn des Comics:

„Obwohl diese Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, ist sie dennoch Fiktion: Authentische Vorfälle, Vermutungen und reine Erfindung werden hier frei vermischt. Personen der Zeitgeschichte stehen neben anderen, die völlig frei erfunden sind: Ihr Aussehen, ihr Verhalten und ihre Ausdrucksweise sind das Werk der Autoren.“

Natürlich dürfen und sollen Erzählungen künstlerische Freiheiten nutzen, aber dennoch ist es ungeschickt, wenn ein Comic sich als offensiv als „Chronik“ betitelt und damit eine sehr starke Verpflichtung gegenüber der Wirklichkeitstreue eingeht, und sich zugleich so ausdrücklich von jeglichem Anspruch auf Authentizität distanziert. Um es klar zu sagen: Die „Chronik“ ist eine Textform aus der Geschichtsschreibung, und wer ein historisches Ereignis im Rahmen einer Chronik beschreibt, wird falsche Erwartungen wecken, wenn Details darin „völlig frei erfunden“ sind, zumal dies auch nur Details sein mögen, die der Dramatisierung dienen, denn die Schilderungen entsprechen den Tatsachen, soweit man sieht und man in dem Anhang nachlesen kann.

Anders als die Augenzeugenberichte von Emmanuel Lepage, Kazuto Tastuta (ein Pseudonym übrigens) und die journalistische Kollaboration von Yuko Ichimura und Tim Rittmann betonen Galic (Nacht über Brest) und Vidal ihre künstlerischen Freiheiten und bemühen sich, eine dramatische Geschichte zu erzählen. Der Direktor wird zum Helden, Tepco zur Verkörperung eines bürokratischen Monsters. Galic und Vidal haben ihre kreative Freiheit aber nicht ganz ausgeschöpft: Grafisch dient die Darstellung dem Ziel, die Geschichte sichtbar zu machen, aber auch die Kernszenen geraten angesichts der Dimension der Ereignisse unspektakulär. Erzählerisch ist es zu bedauern, dass es den beiden nicht gelingt, eine Erzählung zu schaffen, die über sehr stereotype Muster hinauskommt.

Der Comic ist nicht langweilig, es fehlt ihm aber einiges, um auch zu begeistern.

Dieser Comic schlägt keine so hohen Wellen

6von10Fukushima – Die Chronik einer Katastrophe
Cross Cult, 2022
Text und Zeichnungen: Bertrand Galic, Roger Vidal
Übersetzung: Martin Knopp
136 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-96658-764-8
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