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Fratelli

Der italienische Autor und Zeichner Alessandro Tota hat Fratelli bereits 2011 veröffentlicht. Nun erst erscheint es auch in Deutschland.

Alle Abbildungen © Reprodukt Verlag

Die Geschichte spielt in der apulischen Hafenstadt Bari in den 1990er Jahren. Die Freundschaft von Cosimo, Nerone, Claudio und Nicola beruht vor allem auf ihrer gemeinsamen Leidenschaft für diverse Rauschmittel und ihrer kollektiven Geldknappheit. Beides hängt miteinander zusammen. Fratelli handelt davon, Drogen zu finden, zu kaufen, zu konsumieren oder vor der Polizei zu verstecken. Zunächst versuchen die beiden Brüder, Cosimo und Nerone, einen Druck des italienischen Postmodernisten Mario Schifano zu verkaufen, nachdem ihr Geld zur Neige gegangen ist. Von dem Geld – 5000 Euro sei es wert – wollen sie sich Drogen kaufen. Aber sie werden schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als sie den wahren Wert erfahren. 3000 Euro seien es nur. 1000 vielleicht. „600, mehr geht wirklich nicht.“ Und bevor sie sich entschließen können, was sie mit dem Unwertobjekt machen sollen, ist es auch schon gestohlen. Und wir dürfen uns fragen, warum der Comic, der in den 1990er Jahren spielen soll, schon in Euro rechnet …

Eine „Milieubeschreibung“ nennt Tota seinen Comic im Interview. Wir lernen die Schicksale einer Handvoll Jugendlicher kennen, die wenig Perspektive haben und ihren Tag mit Computerspielen, Drogen und dem Austausch von Sinnlosigkeiten verbringen. Fratelli erzählt von einem Bari weit abseits von jenem Urlaubsparadies, das in keinem apulischen Reiseführer fehlen darf. Man merkt dieser süditalienischen Großstadt überhaupt kaum an, warum Urlauber aus aller Welt sich dorthin bewegen sollten. Die Strandpromenade mit den charakteristischen Straßenlaternen findet sich in Fratelli wieder, wenngleich nur auf dem Cover.

Fratelli lässt die Weltgeschichte völlig außen vor. Die Perspektive entspricht voll und ganz der eingeschränkten Wahrnehmung und Aufmerksamkeit der vier rauschmittelfreudigen Protagonisten. Dabei böte dieses vergangene Bari, das 1991 durch die Ankunft des Frachters Vlora mit Tausenden albanischer Flüchtlinge an Bord Berühmtheit erlangte, einigen Stoff. Tota aber beschränkt die Story auf den Mikrokosmos der Jugendlichen Cosimo, Nerone, Claudio und Nicola. „Ich habe eine Schwäche für die Kleinganoven“, so Tota.

Nun würde man stattdessen eine radikale Innenschau der Figuren erwarten, ein kollektives Psychogramm einer verlorenen Generation oder zumindest einen flüchtigen Einblick in die Seelenzustände dieser Figuren am Rande der Gesellschaft, aber auch von den Motiven der Freunde, ihren Wünschen, Hoffnungen, Ängsten oder Sorgen erfahren wir wenig. Und damit bleibt auf der Handlungsebene wenig mehr als die Verkettung von Drogenerfahrungen. Welche Untiefen lotet der Comic aus, welche entlegenen Areale versucht er zu erforschen? Es ist kein Familiendrama, wie der Titel vermuten lässt, sondern eher eine Folge von Szenen zwischen den vier Freunden, die wie eine scheiternde Familie zusammen leben.

Der erste Teil erschien 2007 in dem von Tota mitherausgegebenen italienischen Magazin Canicola, das in Angoulême 2007 ausgezeichnet wurde. Den zweiten Teil schrieb Tota im Anschluss daran und publizierte ihn im Rahmen einer kompletten Buchausgabe 2011. Das schlichte Schwarzweiß basiert auf der günstigen Fanzine-Produktion, entspricht aber auch der Gestaltung von Totas späterem Der Bücherdieb (gezeichnet von Pierre van Hove, 2018).

Auch in grafischer Hinsicht fesseln die hastig daherkommenden Zeichnungen nicht wirklich und lassen weder die Stadt noch die Figuren wirklich heraustreten. Ohne Frage zeigt Fratelli schöne Momente wie den Zweikampf der Brüder, deren Höhepunkt die nebeneinander auf dem Asphalt liegenden Brillen markieren, und auch witzige Szenen, aber als Ganzes funktioniert Fratelli nicht besonders gut. Dem Comic ist immerhin zugute zu halten, dass er die sonst hierzulande kaum präsente italienische Comic-Szene ein wenig sichtbarer macht.

Keine Urlaubslektüre für Reisen nach Apulien

5von10Fratelli
Reprodukt Verlag, 2021
Text und Zeichnungen: Alessandro Tota
Übersetzung: Myriam Alfano
160 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-95640-275-3
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