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Senso

Ein prächtiges Schlamassel: Die Hotelreservierung hätte noch einmal bestätigt werden müssen, im Umkreis von 50 Kilometern gibt es nichts außer Büschen und Bäumen, die in der Nähe wohnende Tochter geht nicht ans Telefon. Für eine heiße Sommernacht steckt der mittelalte Schussel Germano (Brille, Halbglatze, lange Haare) ohne Zimmer in einem feudal abgerockten Hotel irgendwo in Italien fest, in dem gerade eine riesige Hochzeit gefeiert wird. Und dann werden ihm auch noch die Koffer geklaut.

Alle Abbildungen © Reprodukt

Das Hotel ist ein ehemaliges Schloss inmitten eines ausufernd verwilderten Parks und steckt voller Überraschungen und seltsamer Gestalten: Die schattigen Ecken werden von einer bizarren Ausstellung zum Thema „Liebe“ beherrscht, der Bräutigam der Hochzeit entpuppt sich als fürchterlicher Jugendfreund von Germano, Germano lernt die schnippische Elena kennen und stolpert immer wieder über einen einsamen Jungen. Und irgendwo wartet ein Stiermann. Mit jeder verstreichenden Stunde scheint der Park größer zu werden und von geheimnisvolleren Mächten beherrscht zu werden, die Germano darauf hinzuweisen scheinen, dass er ein neues Leben beginnen soll. Vielleicht sogar mit Elena.

Das Konzept ist großartig, der Comic ist eher hübsch: Senso will eine nachdenkliche und lebensnahe Phantasie über Weichenstellungen im Leben sein, ist aber für den großen poetischen Wurf ein bisschen zu sauber sortiert: Unser knuddeliger Anti-Held Germano ist ein pleitegegangener Biobauer für Johannisbeeren und hat eine Bekanntheit auf Social-Media-Kanälen erlangt, weil er seinem ausbeuterischen Vermieter vor laufenden Kameras das Hemd zerrissen hat.  Bis zum Schluss bleibt er (Spoiler!) beinahe unerträglich putzig. Seine geheimnisvolle Flamme Elena ist allen Ernstes Lach-Therapeutin und im Kontrast beinahe unerträglich souverän. Der dicke Bräutigam der protzigen Hochzeit ist oberflächlich, laut und war schon immer ein Bully. Der einzige Mensch, mit dem sich Germano im Lauf der verwunschenen Nacht tatsächlich handgreiflich anlegt, ist nicht nur ein kleiner, fieser, verkrachter Rechter, sondern gleichzeitig ein überzeugter klassischer Kapitalist.

Und die angedeutete Verbindung zwischen allem und allen bleibt reine Verzierung: Wenn sich der betrunkene Germano mit einem Vogelschwarm zu verständigen scheint, der symbolische Muster bildet, wenn die seltsamen künstlerischen Artefakte in den Ecken das Geschehen zu kommentieren scheinen und der Park immer unwahrscheinlicher wird, ohne, dass dieser behutsame magische Realismus über eine vage Verträumtheit hinausgehen würde.

Kapier ich, mag ich, aber auch als offensichtlich angepeilte Zielgruppe wünsche ich mir ein bisschen mehr an Ecken, Kanten, Überraschungen und Ideen.

Und, und das mag eine besonders subjektive Allergie sein, kaum einen erzählerischen Kniff mag ich persönlich so wenig wie Kinder als Symbole und Kinder als Spiegelbild der Unschuld des erwachsenen Helden (hier: der durch die Geschichte huschende Sohn des unglücklich verheirateten Portiers, über den Germano immer wieder stolpert) – erst recht, wenn sie in einer Liebesgeschichte die Emotionen der Erwachsenen bemerken oder bezeugen sollen (was hier sogar Teil eines ausführlichen Dialog ist – der Portier will seinen Sohn mit seinen Eheproblemen verschonen, was hier negativ gewertet wird, während Germano ihn zum schmunzelnden Schutzpatron der beginnenden Liaison mit Elena werden lässt). Auch das Ergebnis von Germanos Sinnsuche (hier kein entsprechender Spoiler) bleibt mir da ein wenig im Hals stecken.

Trotzdem ist diese endlose Nacht zwischen Existentialismus und Romantik tatsächlich ein wenig unauffällig verzaubert.

Gerade europäische Comics sind ja, auf disziplinierte, selbstironische Art, unter anderem heidnische Feiern von allem, was wir lieben. Und so tödlich ein solcher Ansatz für eine spannende Geschichte sein kann, so führt er wenigstens in diesem Fall dann doch zu einer eigenen Ästhetik und zu großem Genuss.

Die überraschende Mischung aus zeitgenössischer amerikanischer Graphic Novel, Ligne Claire und Karikaturen von 1920 ist schon sehr gut, aber der Rest ist noch viel, viel besser.

Sah ein würdevoll unter einem leeren Himmel schwitzender Provinzbahnhof in einem anderen Comic schon einmal glaubwürdiger aus? Wurde die zottige Kreatürlichkeit von scheinbar brav geschnittenen Hecken in einer glühenden Terrakottalandschaft überhaupt schon einmal vorher ins Bild gesetzt? Wurden die hundert Farbnuancen einer Tropennacht zwischen alten Gemäuern vorher jemals so schwelgerisch ausbuchstabiert? Werden verdorrte Gärten und über Hügel bis zum Horizont verstreute Weinberge hier zum ersten Mal als seltsam halb organische, halb menschengemachte lockende Labyrinthe dargestellt?  Zumindest fühlt es sich so an. Drei Doppelseiten hintereinander bestehen nur als dunkelblauen Ruinen und Glühwürmchen im Gebüsch. Einer wie mit dem Pinsel gezeichneten Rahmenhandlung aus erotischen Szenen, die erst im letzten Bild erklärt wird, gelingt es, geschmackvoll und ziemlich explizit zu sein, ohne ins Geschmäcklerische abzurutschen.

Insofern gelingt Alfred der vermutlich von ihm angestrebte Effekt beinahe mühelos, nur beinahe trotz seiner Handlung und Dialoge.

So funktioniert der Band (schön gedruckt und außergewöhnlich gut gebunden) als Eintrittskarte für den verwunschenen Park mit See und seltsamen Treppen, als Einladung in den Park im eigenen Kopf, als kurzer Urlaub in einem erträumten Italien, als Erinnerung an diese verstrauchelten Nächte, die wir alle schon einmal erlebt haben und bisher nicht nachlesen konnten.

Lebenskrise als schlaflose Sommernacht im Schlosshotel – ein Comic wie ein gesetzterer Arthouse-Film, nur besser

8von10Senso
Reprodukt, 2021
Text und Zeichnungen: Alfred
Übersetzung: Silv Bannenberg
160 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-95640-257-9
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