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Das grosse Los

Die Chancen beim Lotto stehen schlecht. Wirklich schlecht. Man muss den Wahrscheinlichkeiten der Welt schon mit großem Optimismus oder blindem Vertrauen begegnen, um Lotto zu spielen. Und dann geschieht das Unwahrscheinliche …

Alle Abbildungen © Splitter Verlag

François arbeitet seit sieben Jahren als Fahrer in einer französischen Großstadtwäscherei. Wäsche einladen. Schlüssel umdrehen. Wäsche abliefern. Schlüssel abziehen. Gute Nacht. Arbeitsbiographisch gesehen ist das eine Sackgasse, in die er hineinsteuert, und so spielt er Woche für Woche Lotto, jedes Mal mit seinen persönlichen Glückszahlen: sein Geburtsdatum und der Tag, an dem sein lästiger Nachbar verstarb. Das kann natürlich nichts werden (wir alle wissen das), und so geht er Tag für Tag zur Arbeit, bis ein einziger Auftrag sein Leben verändert.

In einem Landhaus weit abweits der Stadt soll er Wäsche abliefern, aber als er das Haus betritt, findet er keine trinkgeldfreudigen Eigentümer an, sondern steht wie erstarrt vor einem Leichenberg. Offenbar wurden die zwielichtigen Bewohner des Hauses beim Kartenspielen überrascht und brutal ermordet. Immerhin haben die Täter eine Tasche mit viel Geld zurückgelassen, und Francois beschließt nach kurzem Zögern, dass diese Tasche „sein grosses Los“ sein würde. Er schnappt sich das Geld, um es vorerst im Wald zu vergraben.

(Es folgt nun ein Absatz mit Spoilern, die sich nicht vermeiden lassen, wenn man die Raffinesse dieses Comics zeigen möchte.)

Als er später zurückkommt, um seinen Gewinn einzulösen, muss er feststellen, dass sein Versteck völlig überflutet ist. Er steigt ins Wasser, um die Tasche irgendwie zu finden, sinkt aber im schlammigen Grund ein und ertrinkt jämmerlich. Aus der inzwischen halbbefreiten Tasche lösen sich Geldscheine, die sich als unecht herausstellen. Schnitt. In der Stadt sucht niemand nach ihm. Die TV-Moderation verkündet die Lottozahlen. Seine Zahlen.

François ist kein Glückspilz. Der hagere „Held“ hat nichts Heroisches an sich und vergisst ständig seinen Regenschirm, so dass der seit Tagen anhaltende Dauerregen ihn bis auf die Haut durchnässt. Die Großstadt, in der er lebt. Die Handlung spielt in der Mitte der 1970er Jahre, was wir nur wissen, weil François vor einem Plakat von Martin Scorceses „Taxi Driver“ (1976) stehenbleibt.

„Taxi Driver“ – Das Filmplakat hilft uns bei der zeitlichen Einordnung: Für François ist Travis Bickle aber kein Role Model. Er erträgt die Widrigkeiten des Alltags stoisch.

Amok ist für François aber keine Alternative, und so schleicht er weiter durch die anonyme Stadt, deren imposante Gebäude ihn zu erdrücken scheinen. Während wir in den Menschenmassen, den Lichterfluten vorbeiziehender oder in Verkehrsstaus verharrenden Autos, keine Individuen erkennen können, lassen die von Reklamezügen geprägten Fassaden sich allzu gut außeinanderhalten. Aus Vogelperspektiven blicken wir auf François herab, den armen Hund. Die Gebäude werfen ihre Schatten auf die unter Regenschirmen verborgenen Menschen, und nur an sehr belebten Orten sehen wir François im warmen Licht stehen. Es leuchtet geradezu in der Kneipe oder in dem Hotelfoyer. Die Gesellschaft spendet Trost, spendiert aber nichts, und muss François aufs Neue hinaus in den Regen. Ohne Regenschirm.

Die Stadt ist dunkel, anonym und nur dort von Licht durchflutet, wo Menschen zusammenkommen.

Joris Mertens gelingt es, die Kontraste dieser fiktiven Stadt mit vielen Lichteffekten anschaulich zu machen. In vielen großformatigen Stadtbildern können wir nicht uns nicht nur von den widrigen Wetterbedingungen überzeugen, sondern auch von dem trüben Leben, das diesem Wetter bestens entspricht. François ist ein Beobachter, kein Akteur. Er schaut Frauen hinterher, aber er handelt nicht. Und als er sich ein einziges Mal dazu entscheidet, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ersäuft er wie ein elender Hund im Fluss.

So unwahrscheinlich wie ein Gewinn bei den großen Lotterien auch sein mag, aber die Zufälle, die zu diesem Todesfall führen, sind es ebenso. Das Schicksal (lat. „fortuna“) spielt dem Pechvogel keine guten Karten zu, und dass er im Leben keinerlei „fortune“ (frz. Glück) hat, wird treffend durch seine bevorzugte Zigarettenmarke angezeigt.

„Fortuna“ ist der ironische Name von Francois‘ Zigarettenmarke (S. 10), und auch als sein letztes Glück ihn verlassen hat, sehen wir durch die dekorierten Schreiben des Bahnhofsrestaurants die Werbung „Fortuna“ (S. 111) – als würden die vielen in den Panels platzierten Schriften ihn noch verhöhnen.

Sein Tod ist am Ende nicht von tragischer Größe, sondern eher lächerlich, und das macht den Comic so stark, dass er nicht ins Kitschige oder Pathetische abgleitet, dass sein Tod keine „Bedeutung“ bekommt. François ist kein selbstloser Held, der tragisch scheitert, und sein unfreiwilliges Selbstopfer ist völlig vergeblich, weil die vermeintlichen Geldscheine wertlos sind, aber er hat keine Chance, diesen letzten Gag, den die Welt für ihn noch übrig hatte, überhaupt zu sehen. Das ist der einzige Trost, der am Ende bleibt, die einzige Gnade, die diese Welt für ihn bereithält.

Darüber hinaus erwächst aus dieser Pointe kein moralischer Lehrsatz, keine Anleitung für unser Leben, keine philosophische Betrachtung, dafür aber starke Gefühle.

Wer sich an den großformatigen Zeichnungen von Das grosse Los nicht sattsehen kann, sollte einen Blick in Beatrice wagen. Das ist der zweite Comic von Joris Mertens, der seit August 2023 ebenfalls bei Splitter im Programm zu finden ist. Tatsächlich aber ist Beatrice bereits 2020 erschienen, Das grosse Los erst zwei Jahre später.

Kein Glück für François, aber ein Glücksfall für Comicfans

9von10Das grosse Los
Splitter, 2023
Text und Zeichnungen: Joris Mertens
Übersetzung: Axel Rothkamm
144 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 35,00 Euro
ISBN: 978-3-98721-142-3
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