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The Dreaming – Wo Sandman und Topolino sich Gutenacht sagen

Neil Gaiman gilt als humanistischer Autor. Aber sein Dreaming-Universum kann auch sehr kaltherzig sein.

Goldie ist der kleine Gargoyle von Abel. Aber Abel ist der kleine Bruder von Cain, und das hat seine Konsequenzen. Aus „The Dreaming 1 – The Goldie-Factor“. Alle Abbildungen © DC Comics

Neulich ging es im Comic-Talk um den Comic Judas von Jeff Loveness und Jakub Rebelka, den Tillmann Courth mochte und Hella von Sinnen überhaupt nicht. Der recht amüsante Schlagabtausch lief ungefähr so:

Hella: Sag mal, ich muss dich jetzt privat fragen: Bist du so ein Christenfreak? Bist du ein bibelfester Mann, der sonntags mit seiner Kleinfamilie in die Kirche geht?

Tillmann: Ich finde, der Comic hat von seiner Aussage und seiner humanitären Wucht die Sandman-Klasse. Und wenn da irgendwo so eine Traumherrscher-Figur vorgekommen wäre, es hätte ein Spin-off sein können.

Dann kam die Frage auf, wie bibelfest Hella denn sei:

Hella: Um Gottes Willen, wie lustig. Für mich ist das ein Märchenbuch von alten, bärtigen Männern, über Jahrhunderte erzählt. Ein sehr interessanter Gedanke dabei war: Es gäbe die ganze Jesus-Geschichte nicht ohne Judas. Es musste einen Schuldigen geben. Das ist sicherlich ein interessanter Gedanke. Aber doch nur, wenn ich das ganze Märchen ernst nehme.

Tillmann: Aber es sind ja alles nur Geschichten. […]

Worauf Volker Robrahn einhakt:

Volker: Als du sagtest, dass es Sandman-Qualitäten erreicht, musste ich ein böses Gesicht machen, denn ich liebe Sandman natürlich sehr.

In diesem leicht abgewandelten und gekürzten Gesprächsausschnitt fallen zwei Dinge auf:

  1. Das Sandman-Universum ist anschlussfähiger als das Bibel-Universum. Als Bibelfan musst du dich immer rechtfertigen. Der Sandman-Fan muss das nicht.
  2. Bettet man das Bibel-Universum in das Sandman-Universum ein, dann geht das und ist akzeptabel.

The man who invented murder. Alle Abbildungen von Peter Snejbjerg. Text von Terry LaBan. Aus „The Dreaming 1 – The Goldie-Factor“. © DC Vertigo.

The Sandman

Aber ist dieses Sandman-Ding nicht auch furchtbar Neunziger? Was die Serie charakterisiert, ist eine relativierende Laissez-faire-Haltung, die man sich erlauben kann, wenn man sich am Ende der Geschichte wähnt, dort, wo einen die großen Erzählungen nichts mehr angehen und man aus großer Distanz noch mal mit all diesen Ideen spielt. Was mich dabei unangenehm berührt: Neil Gaiman zeigt einerseits völliges Einfühlungsvermögen in die Erzählungen, stellt sich aber gleichzeitig über die Geschichten, weil er sich in einer Position befindet, aus der heraus man weiß, dass es lediglich Erzählungen sind.

Für den Sandman-Leser gilt das Doublethink, dass Geschichten gleichzeitig wahr und erfunden sein können: wahr insofern, weil sie Fakten schaffen, die es ohne die Geschichten nicht gäbe; erfunden – hat hier jemand was gegen Tautologien? – weil Geschichten halt nun mal erfunden sind. Aber sie gehen einen irgendwie nichts mehr an. Andererseits fasziniert an Neil Gaimans Sandman-Mythos, dass er wahlweise als die größte Erzählung gelesen werden kann, die alle anderen Storys in sich vereinigt; andererseits ist sie aber auch die geringste der großen Stories, da nur eine unbedeutende Heftchenserie unter Gottes unendlichem Himmel.

Sandman ist nur eine Story unter vielen, kann aber bei gezielter Betrachtung kippen und wie die größte aller Erzählungen wirken. Ein interessanter Effekt, der auch mich seinerzeit schier umgehauen hat. Steckt die ganze Welt in einer Handvoll Sand? Oder ist die Handvoll Sand nur der geringste Teil der Welt? Kein Wunder, dass man sich bei DC Comics noch immer gerne auf dieses Universum bezieht, wie sich mit der neuesten Hellblazer-Serie von 2024 anschaulich belegen lässt, in der ein Gastauftritt des Sandman sicher die Verkaufszahlen hochjubeln soll.

Neil Gaimans Sandman-Universum findet eine Entsprechung in der alten Parabel, in der sechs Blinde versuchen, die Form eines Elefanten zu erfassen:

„Die Parabel wird meist von einem Bild illustriert, auf dem Blinde einen Elefanten betasten. Der Blinde, der das Bein befühlt, sagt, dass ein Elefant wie ein Baum sei; der, der den Schwanz befühlt, dass ein Elefant sich wie ein Zweig anfühle; der, der den Rüssel befühlt, dass ein Elefant Ähnlichkeit mit einer Schlange habe; der, der das Ohr befühlt, dass ein Elefant wie ein Handfächer sein müsse; der, der unter dem Bauch diesen befühlt meint, dass ein Elefant sich wie eine Höhle darstelle; der, der den Stoßzahn befühlt, dass ein Elefant wie eine solide Röhre sein müsse.“

Gaimans Worldbuilding basiert darauf, dass Christen sich die Welt anders erklären als Hindus, Juden, Buddhisten, Muslime, Atheisten oder Marsianer (siehe Sandman #5 von 1988), sowie darauf, dass sich diese durch Erzählungen erträumten Welten auch manifestieren. Dadurch entsteht ein Meta-Universum, in dem sich auch widersprechende Erzählungen zu einer kohärenten Gesamterzählung fügen können. Alles steckt in seiner eigenen Bubble, was heute, 30 Jahre später, sehr weitsichtig wirkt. Im Sandman-Universum kann jeder nach seiner Facon selig werden: Jeder kriegt nach seiner Glaubensrichtung sein eigenes Stück des Himmels, entsprechend der Projektionen, die ihm die eigene Sozialisation gestattet, und so kriegt natürlich jeder brave Christ auch seinen Platz im Christenhimmel, und wenn er böse war, dann projiziert er sich ganz von selbst in die Hölle hinein. Die Mechanik des Jenseits als Naturgesetz mal wieder. Für Atheisten fällt die Projektion dagegen eher nüchtern aus. Selber schuld.

Der Traum des nationalsozialistischen Arbeiters bleibt uns zum Glück erspart. Aus „The Dreaming 2 – The Goldie-Factor“.

Eigentlich ist es ein recht kaltherziges Worldbuilding, das die Sphäre der Glaubenssysteme auf einen Markt reduziert. Der Unterschied zur Religion (egal welcher) ist es, dass das Ideal der Barmherzigkeit hier nicht absolut, sondern gleichwertig neben anderen Idealen – auch Nicht-Idealen – steht. Die Traumwelt des Sandman – The Dreaming ist eine Art Steinbruch, in der sämtliche mögliche Welten gleichzeitig nebeneinander existieren, wo der Herr der Serienmörder ebenso seinen festen Platz hat wie die Brüder Cain und Abel, die bis in alle Ewigkeit in einer Endlosschleife den ersten Mord wiederholen: Vermutlich soll dieser erste Mord bis in alle Ewigkeit das wahre Wesen der Menschheit als Spiegelbild reflektieren. Der Gedanke der Spiegelung wird von Gaiman ja auch tatsächlich sehr häufig aufgegriffen.

Eigentlich aber ist Gaimans Sandman-Welt nihilistisch, denn wie beim Sandkorn kann man sich fragen: Ist der Nihilist der Geringste unter einem großen, gütigen Himmel – oder überspannt der Nihilismus als großes Dach die vielen Sphären naiver Religionen total? In den Sandman-Comics werden die Härten, Ungerechtigkeiten und Absurditäten des Lebens ins Unendliche extrapoliert. Dass Gaiman in dieser Welt dennoch mit großer Empathie menschliche Geschichten erzählen kann, verleiht ihm seine Größe – auch wenn eine dermaßen in die Breite gebaute Welt zwangsläufig bald unter ihrem Gewicht zusammenbrechen muss.

The Dreaming

Die erste Geschichte der Spin-off-Serie The Dreaming wurde von Terry LaBan und Peter Snejbjerg gestaltet. Sie handelt davon, dass Abels Haustier, der kleine Gargoyle Goldie, sein Herrchen verlässt, weil Goldie die ständige Wiederholung des Brudermords nicht mehr erträgt. Daraufhin machen sich Cain und Abel trotz ihrer toxischen Beziehung zueinander gemeinsam auf die Suche. Die Welt des Dreaming sollte eigentlich eine Twilight Zone sein, aber Cain und Abel durchstreifen das Dreaming wie einen Themenpark. Sie passieren dabei unter anderem ein Retro-SF-Wunderland, ein kommunistisches Arbeiterparadies mit wunderschönen Fabriken und ein spießiges 50er-Jahre-Amerika, um schließlich in einer Piratenwelt à la Fluch der Karibik zu landen – der Comic ist von 1996. Auch kommt darin ein Mensch ohne Arme und Beine vor, der sich als Tempto vorstellt. Tempto übt sogleich einen unheimlichen Einfluss auf Goldie aus und führt ihn in die Versuchung. In Wirklichkeit ist Tempto nämlich die Schlange, die damals im Garten Eden Eva dazu verführt hat, den Apfel zu essen. Mithilfe des magischen Gargoyles will Tempto die Geschichte zurückdrehen und die Story des Sündenfalls rückgängig machen (Details nicht wichtig). Das gelingt ihm beinahe, scheitert zuletzt aber an der Intervention durch Eva, die nicht möchte, dass die Erfahrungen der weiblichen Seite der Menschheit einfach so für null und nichtig erklärt werden.

Tempto ist fast am Ziel. Aus „The Dreaming 3 – The Goldie-Factor“.

Mit „The Goldie-Factor“, wie die Geschichte im Original heißt, gelingt Terry LaBan und Peter Snejbjerg ein kleines Kunststück. Sie streifen den ganzen postmoderen Ballast der Sandman-Serie ab und sind in ihrer Erzählweise weit weniger deep und schwer als Gaiman. Reichlich unbekümmert erzählen sie im Dreaming-Setting, das hier ja fast schon ein christliches Setting ist, eine wunderbare menschliche Fabel. In der Beliebigkeit des Dreaming-Universums ist es alles andere als leicht, Spannung zu erzeugen, und hier geht es nicht mal um Menschen, die Gefahr laufen, durch das ständige Schalten und Walten der Über-Götter unter die Räder zu kommen, was ja stets ein Garant für eine Erdung der teils abgehobenen Stories ist.

Topolino

Cain und Abel dagegen schlendern durch das Dreaming-Universum, als wären sie die Figuren einer Topolino-Story. Vor allem das Themenpark-Ambiente weist viele Parallelen zu all den Disney-Comics auf, in denen auch wild durch die separaten Disney-Universen gehoppt wird. Wenn also Micky und Donald nacheinander auf Dumbo, Käpt’n Hook und die Sieben Zwerge treffen, dann ist das im Grunde auch nichts anderes als ein prototypisches Dreaming-Abenteuer.

Daisy als Walküre. Aus „Rheingold“ von Guido Martina und Pier Lorenzo De Vita. Gefunden in LTB 66 – Donald dreht durch.

Gerade das italienische Topolino hat unzählige solcher Geschichten, die dem Dreaming sehr nahe stehen. Ganz auffällig findet sich das im LTB 66 – Donald dreht durch!, in dem drei verträumt-surreale Geschichten durch die später noch hinzugefügte Rahmenerzählung auch noch explizit ins Reich der Träume verwiesen werden. Es finden sich dort nacheinander die fabelhafte Geschichte der Reistafel, in der Goofy, sobald er sich die Augen verbindet, zum blinden Seher wird, danach eine sehr verrückte Nibelungen-Aneignung, in der Donald zum unbesiegbaren Siegfried wird und die Walküre Daisy vom flammenden Berg befreien muss. Die dritte Geschichte ist eine noch viel schrägere Münchhausen-Story, in der Donald unter anderem ein halbiertes Pferd reitet und sich aus dem freien Fall rettet, indem er sich selbst am Kragen hält. Darin gibt es auch ein Horn, das sich nicht blasen lässt, weil zu viele Töne den Lauf verstopfen. Erst als es abgekühlt wird und die Töne wieder feste Form annehmen, finden sie den Weg aus dem Horn, sodass zeitverzögert doch noch das Signal ertönt.

Märchen- und Traumlogik sind kein Einzelfall. Aus „Baron Donald von Münchhausen“, LTB 66 (Guido Martina und Pier Lorenzo De Vita).

Zu den Höhepunkten dieser Topolino-Traumgeschichten zählen sicherlich die Adaption von Michale Endes Unendlicher Geschichte sowie „L’Inferno di Topolino“, in dem die Disney-Figuren die danteschen Höllenkreise durchschreiten.

„L’Inferno di Topolino“ (1949), von Angelo Bioletto und Guido Martina.

„La Storia (In)finita“(1991), von Caterina Mognato und Giuseppe Dalla Santa. Aus Topolino #1883.

Betrachtet man „The Goldie-Faktor“ heute, so hat sich schon damals abgezeichnet, dass sowohl Peter Snejbjerg als auch Terry LaBan später tatsächlich für das italienische Topolino arbeiten würden. Als Vertigo-Leser in den 90ern hätte ich es nicht für möglich gehalten, heute scheint es mir nur folgerichtig. Mit besonders epischen Traum- oder Fantasy-Erzählungen sind sie in diesem Kosmos zwar nicht mehr in Erscheinung getreten, dafür stand gerade ihre erste Dreaming-Story mehr in der Tradition der Topolino- als der bis dahin bekannten Sandman-Stories.

Fazit

Es ist schon richtig. Im Grunde kann jede Bibel-Story auch als Sandman-Geschichte durchgehen. Oder anders gesagt: Mit dem Bezug auf Sandman kann man vor sich rechtfertigen, dass man sich vielleicht doch noch ein bisschen für Bibeldinge interessiert. Das Verdienst der Sandman-Comics ist es ja gerade, dass sie einen neuen Blick auf alte Erzählungen bieten. Man sollte aber irgendwann lernen, den Wert des Antiken auch zu sehen, ohne davor von Neil Gaiman an die Hand genommen zu werden. Wenn natürlich alles, was nicht den Gaiman-Touch bekommt, weiterhin nur „ausgedachte Kacke“ von „alten weißen Männern“ sein soll, ist man immer noch nur am Schauen, aber noch nicht am Sehen.*

Noch eine schöne Themenpark-Szene aus „The Goldie-Faktor“.

*Anmerkung: Das mit dem „Nicht nur Schauen, sondern auch Sehen“ ist natürlich bei Wolfgang M. Schmitt ausgeliehen, der das schon seit über zehn Jahren in jeder seiner Filmkritiken am Ende platziert, stets in einer neuen originellen Variation.

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