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Währenddessen… (KW 41)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Und, schon den neuen Captain Berlin gelesen? Falls nicht, bitte nachholen, denn die Reihe ist die schönste Superhelden-Parodie, die momentan zu finden ist. Jörg Buttgereit hat mir ja vor einiger Zeit erzählt, dass er in den 80ern ein großer 2000 AD-Fan war, und in Captain Berlin ist das auch wunderbar zu erkennen. Hier wie dort gibt es Action mit Monstern und Kampfrobotern, aber auch viel Pathos – und dann hat unser Captain auch noch einen kastenförmigen Roboter-Sidekick, der nur eine frühe Version von Judge Dredds freundlichem Roboter Wally the Wobot sein kann. Da kriegt man schon Lust, die alte Cursed Earth-Saga mal wieder auszugraben. Und die ist auch nach 40 Jahren noch unverändert vergnüglich.

Blake Snyder schreibt in Save the Cat, seinem Ratgeber für Drehbuchautoren, eine Storyidee sei dann gut, wenn sie sich in einem Satz zusammenfassen lässt. Wenn das stimmt, dann dürfte The Cursed Earth dem Herrn Snyder gefallen: Judge Dredd verbündet sich mit dem Kleinkriminellen Spike Harvey Rotten, um eine lebenswichtige Lieferung von Impfstoffen quer durch das atomverseuchte Amerika zu fahren. Das klingt doch nach einem belastbaren Pitch, oder?

Der Humor der Autoren Pat Mills und T.B. Grover ist oft krude, aber charmant. Das geht schon in der ersten Episode los: Der Schlachtruf der virenverseuchten Kannibalen lautet „Tooty Frooty“, weil sie an dem „2T (Fru)T“-Virus leiden. Oder der Farmerjunge Novar in den Wastelands, der einen Baum aus Metallschrott bastelt und zu dem seine Mutter sagt „Come away, Novar. Come in and close the door. There were lots of real trees once, before they had the war.“ Da hat Mills mal eben eine Zeile aus dem Uriah Heep-Lied „Come away Melinda“ recycelt. Es gibt kaum eine Seite ohne Zitate und Wortspiele und die Gagdichte ist enorm. In einer Episode führt ein verrückter Wissenschaftler Genexperimente durch und züchtet Menschen in Form von Aspirin-Tabletten, die sich auflösen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen, eine andere Storyline handelt von den verfeindeten Fast Food-Ketten McDonalds und Burger King, die die braven Amerikaner terrorisieren und deren Erinnerung an natürliche Nahrung auslöschen wollen. Mindestens McDonalds hat gegen die freche Nutzung des Markennamens und der Figur Ronald McDonald damals geklagt, so dass die Story jahrzehntelang nur zensiert nachgedruckt werden durfte. Dabei ist es eine herrliche Satire im klassischen MAD-Stil.

Mein persönliches Highlight ist aber der Auftritt des bösen Tyrannosaurus Satanus, der aus einem Urzeitpark entkommen ist. Die Blutrünstigkeit des Satanus wird auf zahllosen Seiten in Bild und Text zelebriert, was schnell an die Dinosaurier-Episoden aus Calvin und Hobbes erinnert. Man kann sich gut vorstellen, welchen Eindruck solche kindgerechten, nichtsdestotrotz blutigen Horrorstories auf die Psyche der britischen Kids der 70er gemacht haben dürften. Ich hab’s schon mal gesagt und wiederhole es gerne noch einmal: Glücklich die Kids, die mit solchen Comics aufwachsen dürfen.

Ein 2000 AD-Heft hat in den 70er-Jahren neun Pence gekostet. Angesichts des Formats und den doppelseitigen Splash-Panels sind das für mich die reinsten Artist-Editions. Natürlich – gedruckt wurde damals auf Zeitungspapier, der Beschnitt ist zickzackförmig und an den Seitenrändern sind die Löcher der Greifer; und doch ist es vielleicht die schönste Erscheinungsform, die es für diese Geschichten je gab. Diese alten Hefte sehen vielleicht auf den ersten Blick wie Altpapier aus, aber sie sind ideal auf dem Dachboden zu lagern. Kleine Beschädigungen stören nicht und das billige Papier wiegt kaum etwas. Ich kann nur sagen, so cheap and dirty sind mir meine Comics am liebsten.

In den 2000 AD-Heften 75 bis 81 gab es zudem das große „Cursed Earth“-Game zum Ausschneiden. Ich bin kurz davor, alles einzuscannen, auf Karton auszudrucken und zusammenzukleben. Wie sieht’s aus? Hat jemand Lust, mit mir das Cursed Earth-Board Game auf dem kommenden Münchner Comicfestival zu zocken? Und jetzt werde ich erst mal eine Rund Anthrax auflegen. Die haben nämlich nicht nur das großartige Judge Dredd-Stück „I am the Law“ gespielt, sondern auch noch die „Cursed Earth“ im Text untergebracht.

„In the cursed earth where mutants dwell
There is no law, just a living hell
Anarchy and chaos as the blood runs red
But this would change if it was up to Dredd“

Good Grudd, DROKK IT!

Niklas: Die Spielbücher von Steve Jackson waren mein Einstieg in das Fantasygenre. Durch die Bücher, die Narration mit einfachen Würfelrregeln kombinieren, lernte ich, dass Orks und Zwerge am Lagerfeuer sitzen, pfannkuchenartige Kreaturen als Messerwerfer durch die Korridore des Turms eines Magiers rollen und dass man den Geistern des Turms nie ohne magische Amulett begegnen sollte.

Außerdem bin ich gestorben. Viel gestorben. Sehr viel, obwohl ich nicht einmal mit den offiziellen Regeln spielte. Viel Geschichte gab es auch nicht, aber diese Bücher setzten auch mehr auf das Spielerlebnis, als auf eine packende Handlung. Dann fielen mir Joe Devers Einsamer Wolf- Bücher in die Hände, die mich in die vom Krieg zerrissenen Lande Magnamunds führten. Der Hintergrund der Welt und spannende Abenteuergeschichten rückten immer mehr in den Vordergrund, während die leichten Regeln sich nach und nach mehr wie ein Nebengedanke anfühlten.

Reiter der schwarzen Sonne vom deutschen Autor Swen Harder, legt bei allem noch einmal drauf, seien es nun Spielmechaniken und Geschichte. Als gefallener Halbgott muss ich eine Fantasywelt vor dem Untergang helfen und darf mich mit der komplexen Mythologie und Politik dieser Welt herumschlagen. Leider habe ich mein Gedächtnis verloren, weswegen ich diese Welt erst wieder kennenlernen muss und werde ich auch noch wegen eines Mordes gesucht, den ich vielleicht begangen habe. Immerhin darf ich irgendwann einen Drachen reiten, was ich aber noch lernen muss, genau wie das Kämpfen und weitere nützliche Talente. Grafisch wird Harder vom Illustratoren Fufu Frauenwahl unterstützt, der die Welt des Autors mit düsteren Schwarzweißbildern zum Leben erweckt, von denen mir besonders die martialische Darstellung bewaffneter Kontrahenten gefallen, die meine Hauptfigur mit gezückter Waffe (oder Schlimmeren) in die Unterwelt schicken wollen. Bilder und Text verteilen sich auf beeindruckende 756 Seiten mit über tausend Spielabschnitten, die es mir erlauben auf mehreren Wegen zum Ziel zu kommen. Oder zu sterben.

Zum Glück hat Harder sich dafür entschieden, das Buch in mehrere Kapitel einzuteilen, die mich langsam in die wichtigen Mechaniken und Welt einführen. Jedes davon erzählt einen Teil der Handlung, womit auch die Anzahl lesbarer Abschnitte beschnitten werden und ich in einem sehr engen Rahmen die nächste Szene suchen muss. Vor allem ermöglicht es mir dadurch, das Buch für einige Zeit zu pausieren, ohne mich am Ende zu fragen, wo ich das letzte Mal stehengeblieben bin. Regeln lassen sich dadurch auch leichter nachschlagen. Die saubere Trennung ermöglicht einen leichten Einstieg in Reiter der schwarzen Sonne und durch Sonderregeln kann man auf Wunsch auch den Schwierigkeitsgrad erhöhen. Aber ein solides Regelwerk macht noch lange kein spannendes Spielerlebnis, ein Spielbuch muss auch eine spannende Handlung erzählen. Die Geschichte, eine klassische Heldenreise, wird geradlinig, aber spannend erzählt und endet mit einem großen Finale. Das alles erzählt Harder ohne Längen und wenn er es dabei belassen würde, wäre Reiter der schwarzen Sonne ein gutes, aber nicht überragendes Spielbuch, das es zumindest mit den guten Büchern der Einsamer Wolf – Reihe aufnehmen könnte. Aber es gibt da ein Detail, ein kleines Detail, das trotzdem den gesamten Ablauf des Buches ändern kann. Denn schon im ersten Abschnitt kann ich Schicksalspunkte finden.

Diese Punkte erhalte ich als Belohnung, wenn ich eine besondere Handlung vollzogen habe, die entweder kluges Spielen oder zumindest den Mut zum Erforschen belohnt. Dadurch erhalte ich Zugang zu Abschnitten, die mir im besten Fall das Spiel erleichtern oder zumindest mir helfen die Welt und ihre Bewohner besser zu verstehen. Das Sammeln der Punkte sorgt nicht nur für einen hohen Highscore, sondern kann auch in verschiedene Enden münden, von denen es mindestens drei gibt. Die Welt, die Harder dadurch aufbaut, wird durch die erneute Erkundung noch größer und interessanter, sodass ich hoffe sie eines Tages in einem neuen Abenteuer besuchen zu können.

Reiter der schwarzen Sonne ist damit also nicht nur das längste und mechanisch ausgefeilteste Spielbuch, sondern auch das mit dem größten Wiederspielwert. Alle Schicksalspunkte habe ich noch nicht gefunden, beim zweiten Mal durchspielen waren es sogar weniger als beim ersten Mal. Vielleicht werde ich sie beim dritten Mal endlich haben. Natürlich nur, wenn ich vorher nicht schon wieder sterbe.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.

2 Kommentare

  1. Fun Fact: Sowohl beim neuen Captain Berlin als auch bei Reiter der Schwarzen Sonne ist FuFu Frauenwahl der Künstler.

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