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The End

Zep lässt in The End Peter Wohlleben auf Jim Morrison treffen. Ist dem deutschen Förster der Mediendurchbruch mit seiner Selbststilisierung zum Bäumeflüsterer gelungen, hat es der Musiker mit seiner schrillen Stimme, vor allem aber mit seinen poetischen Texten zur Legende gebracht. The End ist eine Hommage an zwei sehr unterschiedliche Stars.

alle Bilder © Schreiber und Leser, Zep

Der naturverbundene Umweltaktivist Theodor Fiato nimmt sein Praktikum bei Prof. Frawley im schwedischen Naturreservat Doksla auf. Die Anwesenheit der beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, Sören und Moon entschädigt ihn für die wissenschaftlichen Standards und den mangelnden Komfort, die einige Ebenen unter DFG-Niveau angesiedelt sind. Offenbar in völliger Unkenntnis, was Frawley und sein Team dort treiben bzw. wer dieser kauzige Professor überhaupt ist, muss der mäßig auf sein Praktikum vorbereitete Fiato sich alles erklären lassen. Uns Leser*innen kommt dies trotz aller Plausibilitätszweifel sehr entgegen, erfahren wir doch auf diese Weise, dass Frawley die Bäume für miteinander kommunizierende Lebewesen hält.

Soweit so gut, das tut auch der Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben (Das geheime Leben der Bäume, 2019), dessen Gesellschaft in gediegener Kaminatmosphäre man übrigens auf seiner Webseite für 159 Euro buchen kann. Schnäppchen.

Zurück zu The End: Wohlleben enhanced. Frawley hat herausgefunden, dass Bäume nicht nur über das Wetter und Nachbargewächse plaudern, sondern auch ein Tagebuch der Erdgeschichte in ihren Genen gespeichert haben, den „Codex Arboris“ (dt. „Buch der Bäume“). Die scientific community hat Frawley für diese These nachvollziehbarerweise verstoßen, aber in der schwedischen Waldeinsamkeit merkt man das eh kaum.

Fiato entdeckt an Tag 1 seines Praktikums mysteriöse Pilze, die eine gefährliche Substanz absondern: Lässt sich dies auf Kontaminationen durch profithungrige Pharmakonzerne zurückführen oder plant die Umwelt eine globale Vergeltungsmaßnahme gegen den ökologischen Raubbau des Menschen? Mit dem verschrobenen Professor, ausdrücklicher Fan von The Doors (und heimlicher Verehrer von Peter Wohlleben), und dem kompromisslosen Haudrauf Fiato treffen zwei grundverschiedene Charaktere aufeinander.

Dass Jim Morrison und The Doors so prominent in Szene gesetzt werden, liegt vor allem an dem elegischen Song The End, mit dem das Debütalbum der Band abschließt. Der Professor hört das Album, zum Leidwesen seiner Mitarbeiter*innen, rauf und runter, und aus der Kombination der Songtexte und der Handlung ergeben sich manches Mal spannende Schnittstellen. So wird eine Szene Panel für Panel mit Zeilen aus „Light my fire“ unterlegt, nicht ganz werkgetreu, aber umso vieldeutiger: „You know that I would be untrue / You know that I would be a liar / Come on baby light my fire.“

Als Leser*in muss man sich nun fragen, wer der Lügner sei: Fiato, der mit dieser Zeile eingeführt wird, gerät so einigermaßen subtil in den Verdacht, nicht ganz aufrichtig zu sein, und die Indizien werden sich im Laufe der Lektüre häufen. Und wenn die Zeile „Come on baby light my fire“ die musikalische Untermalung des Aufeinandertreffens von Moon und Fiato darstellt, bedarf es wenig Leseerfahrung, um zu ahnen, dass die beiden als Liebespaar enden werden.

Jim Morissons The End muss man eigentlich im Kontext des Albums hören, das im gleichen Jahr wie David Bowies Debüt (David Bowie) und Sergeant Peppers Lonely Hearts Club Band von den Beatles erschien. Bei den Doors geht es um die Überwindung des Alltäglichen durch rauschhafte Grenzerfahrungen, und so so ist der Abschluss der Platte auch als Ausklingen des Rauscherlebnisses zu verstehen.

Francis Ford Coppola hat The End später in seinem Vietnam-Kriegsfilm Apocalypse Now (1979) verwendet, um den Agent-Orange-Einsatz von US-Hubschraubern in Vietnam musikalisch zu untermalen. Jim Morisson war zu diesem Zeitpunkt längst tot, aber man darf annehmen, diese apokalyptische Inszenierung als Amerikakritik hätte ihm gefallen.

In Zeps Comic zielt der Titel auf nicht weniger als das Ende der Menschheit ab. Hatte Zep sich in seiner von Dominique Bertail gezeichneten Dystopie Paris 2119 (zur Besprechung auf Comic.de) noch recht zaghaft an den Klimawandel herangetastet, wird dieser hier zum Kern der Handlung. Grafisch ist das nicht allzu aufregend: Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind stimmungsvoll, aber die Tönung in Blassrot, Blassblau, Blasslila oder Blassbraun nimmt dem Schwarzweiß den Charme und hat darüberhinaus keine wirkliche Funktion.

Man muss von Fiktion keinen Realismus erwarten, aber auch das absurd Klingende braucht eine gewisse Plausibilität: Warum sterben Menschen an dem Nervengift, nicht aber Tiere? Wie konnten die Forschungsergebnisse von Frawley, sofern sie stichhaltig sind, sich jeder weiteren Überprüfung entziehen? Wie kann ein Praktikant, der kaum weiß, wo er seine Stelle antritt, an einem Nachmittag Entdeckungen machen, die allen anderen jahrelang verborgen blieben?

So ganz überzeugt die Wohlleben-Adaption von Jim Morrison also nicht, aber es ist ein guter Anlass, das Album noch einmal zur Hand zur nehmen.

Peter Wohlleben flüstert mit Jim Morisson

6von10The End
Schreiber & Leser, 2020
Text & Zeichnungen: Zep
Übersetzung: Claudia Sandberg
96 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-96582-026-5
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