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Silas Corey 1 – Der Aquila-Ring

Agentenstoffe sind auch abseits von 007 oft lohnenswert. Wobei der Geheimagent mit der Doppel-0 noch mehr als andere dem Mainstream zuzuordnen ist, obwohl er im Kino mit den Geschichten um Jason Bourne und der Mission Impossible-Reihe ordentliche und schlagkräftige Konkurrenz bekommen hat. Der anhaltende Erfolg von Spionagegeschichten mag einige überraschen, da mit dem Ende des Kalten Krieges auch die Daseinsberechtigung der Agenten in Frage gestellt worden war.

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Alle Abbildungen: © Splitter Verlag

Aber woran liegt das eigentlich? Agententhriller schildern eine Schattenwelt. Die Akteure handeln in stetigen Grauzonen und Idealismus wird oft durch Realhistorie oder Bürokratie erstickt (wie etwa in den Romanen von John Le Carré oder Robert Littell). Idealerweise wird also die Atmosphäre einer diffusen Bedrohung geschaffen, die auch dem Unbehagen des Publikums gegenüber dem Staat entspricht oder, genau umgekehrt, das Publikum beruhigt, da es sich sicher sein kann, dass hinter den Kulissen Akteure wirken, die es schützen und Schlimmeres verhindern.

Ein wesentlicher Pluspunkt solcher Stoffe ist auch die Möglichkeit, historische Settings einbauen zu können. Denn Spione und Agenten hat es immer schon gegeben und so bieten sie sich für verschachtelte Stories vor historischer Kulisse an. Verzwickt und verschachtelt, weil meist jede Aktion prinzipiell doppelbödig ist und nicht alles so ist wie es scheint. Hinter jeder Tat steckt etwas anderes und man kann nichts und niemandem trauen.

Gute Voraussetzungen also für die französische Comicserie Silas Corey, die vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs spielt. Silas Corey ist ein Dandy, dessen Idealismus in den Schützengräben geblieben ist, und der sich als Detektiv an den Meistbietenden verkauft. Als er den Auftrag bekommt, eine abgefangene Geheimbotschaft wieder zu beschaffen, versucht er die Seiten gegeneinander auszuspielen und von allen Parteien Geld zu bekommen.

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Alle oben genannten Voraussetzungen für eine gute Agentenstory ließen sich auch in diesem Setting unterbringen. Doch leider ist das im ersten Zyklus von Silas Corey, der komplett in einem Double-Band veröffentlicht wurde, kaum der Fall. Statt einer verschachtelten und verzwickten Spionagegeschichte mit doppelten Böden und zwielichtigen Handlungen wird eine erstaunlich gradlinige Spionagestory erzählt, die dadurch ein hohes Tempo und auch viel Action besitzt.

Vor allem die Hauptfigur ist interessant, da sie mit ihrem Dandytum nicht nur wehmütig auf Männer wie Oscar Wilde zurückblickt und damit auf eine Epoche, die mit dem Ersten Weltkrieg unwiderruflich zu Ende ging. Corey steht auch für die „verlorene Generation“, wie die Schriftstellerin Gertrude Stein sie nannte, und nimmt die Haltung der Überlebenden vorweg, die kaum noch an etwas glaubten, orientierungslos waren und an den psychischen und physischen Wunden des Krieges litten. Diese verbargen sie oft hinter einem Hedonismus und einer exzessiven Lebensweise und erforschten, auch in der Kunst, neue Wege. Literarische Vertreter dieser Generation wären etwa Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Auch die Comicfigur will mit ihrer makellosen Erscheinung und der hedonistischen Oberfläche nur ihre tiefen Verletzungen verbergen. Dass Corey drogensüchtig ist und Konflikten, wenn sie ihn denn selbst in seinem Privatleben betreffen, lieber aus dem Wege geht, steht auch dafür. Andererseits ist diese Oberflächlichkeit auch symptomatisch für die Handlung des Comics, die meist nicht tiefer als das Offensichtliche reicht und wenig mehr als Action in einem historischen Setting bietet, was zugegebenermaßen von Zeichner Pierre Alary (Moby Dick) sehr schön umgesetzt worden ist.

Gegen Ende gibt es ein überraschend bewegendes Finale, in dem Corey großen Respekt gegenüber dem Gegner zeigt, was man so nicht erwartet hätte. Er erkennt in seinem Feind offenbar eine Haltung, die er respektiert, aber nicht mehr teilen kann. So sind es hier vor allem die Charaktere und Feinheiten, welche die Serie zu etwas Besonderem machen und sie aus dem Gros hervorstechen lassen. Die Handlung an sich ist es leider nicht, da sie viel zu wenig Gebrauch von den unterschiedlichen Interessenlagen macht und auf der Jagd nach einem Gegenstand alles recht übersichtlich bleibt.

Eine zu oberflächlich und geradlinig geratene Spionagestory, die aber mit ihren Feinheiten und Figuren überzeugt.

Silas Corey 1 – Der Aquila-Ring
Splitter Verlag, 2016
Text: Fabien Nury
Zeichnungen: Pierre Alary
Übersetzung: Harald Sachse
128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-257-1
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