Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

Oblivion Song 1

The Walking Comic-Legende Robert Kirkman hat eine neue Story aus dem blutdurchtränkten Boden der Weltuntergangserzählungen gestampft: Oblivion Song ist der semipostapokalyptische Auftakt zu einer womöglich langlebigen Comicserie.

Die Splash Pages, mit denen Oblivion Song beginnt, führen uns in eine urbane Welt völliger Zerstörung und wecken Assoziationen: Biologisch-chemischer Supergau, globale Zombiekalypse, atomarer Ernstfall. Wir sehen den mutmaßlichen (und tatsächlichen) Helden der Geschichte mit superheldenuntypischem Schmuddelcape auf den Ruinen einer verwachsenen Stadtlandschaft. Er ist bewaffnet, aber auf den zweiten Blick sehen wir ein rotes Kreuz auf seinem Oberkörper und ahnen schon, dass dies vielleicht doch nicht der martialische Krieger ist, den wir zunächst vermutet hatten. Zudem sollte ein Blick in den Himmel misstrauisch machen, denn was wir dort sehen, kennen wir nicht aus unserer Welterfahrung: ein fremder Planet? Nein, nun müssen wir weiterblättern, um aufzulösen, worum es genau geht.

Glück gehabt, denn nicht die ganze Welt ist vor die Hunde gegangen, „nur“ Philadelphia liegt in Schutt und Asche, und dies auch nur zur Hälfte. Schuld daran sind weder Donald Trump noch Kim Jong oder irgendwelche Fundamentalterroristen, sondern es ist – ups – ein Versehen. Zehn Jahre vor dem Einsetzen der Handlung hat sich auf unbestimmte Weise – es ist schließlich Band 1 – die sogenannte Transferenz ereignet. Die zellulare Schwingung der Materie wurde verändert (ach so …), und die halbe Stadt wurde in eine andere Dimension, Oblivion, transportiert. Dort gibt es weder Arbeitslosigkeit noch Warteschlangen, aber dafür jede Menge Monster und statt Rosen und Tulpen nur Schimmel und Pilze. Nachdem ein Forscherteam um Nat Cole, den Helden mit Gewehr und rotem Kreuz, eine Technik entwickelt hatte, um in diese Nachbardimension zu reisen, hat die Regierung jahrelang nach Überlebenden gesucht, die Bemühungen aber letztlich aufgegeben.

© Cross Cult

Das abenteuerliche Team um Nat, Bridget und Duncan bemüht sich im regierungsfernen Alleingang, in Oblivion nach menschlichen Spuren zu suchen. Duncan ist ein Rückkehrer, er lebte ein paar Jahre in Oblivion und kann dieses Trauma nicht abschütteln, es sind die Geräusche der fremden Umgebung, an die er sich erinnert und die ihn weiterhin faszinieren: Dieser Klangteppich ist der Oblivion Song. Auch Nat Cole handelt nicht ganz uneigennützig, denn er sucht noch immer nach seinem Bruder Ed. Den wird er auch rasch finden, versprochen.

Der Sammelband umfasst die ersten sechs US-Hefte (Image, 2018), und Kirkman verspricht, diesmal nicht terminsäumig zu werden: „Wir arbeiten schon sehr lange im Geheimen an dieser Serie. Also sind wir schon bei Kapitel 13, wenn du diesen Sammelband in Händen hältst. Ja genau, wir haben ein Jahr Vorsprung. … Rechne also nicht mit diesen üblichen, lästigen Verspätungen, die du von anderen Serien kennst (einige davon, leider, von mir verursacht).“

Oblivion Song hat ein interessantes Szenario: einerseits die endzeitliche Oblivion-Welt, die zwar voller Gefahren ist, aber dennoch deren Bewohner magisch anzieht. Dort hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine Survivor-Parallelgesellschaft etabliert, die wir aus The Walking Dead und ähnlichen Storys (Crossed +100) kennen. Einen besonderen Reiz erhält die Geschichte aber durch den Kontrast zu der traumatisierten Bevölkerung in der normalen Welt. Dort kämpfen die Figuren mit ihrer eigenen Erinnerung, hadern mit ihrer Familiengeschichte und diskutieren über öffentliche Gedenkkultur (engl. oblivion: Vergessenheit). Wenn das so klingt, als wäre der Comic hoffnungslos diskursüberladen, täuscht dies gewaltig: All das kommt unglaublich leichtfüßig daher, und die Vorgeschichte erzählt Kirkman sehr elegant und unaufdringlich.

Ins Bild gesetzt wurden die beiden Welten vom italienischen Künstler Lorenzo de Felici, der bislang hauptsächlich als Kolorist und Cover-Künstler in Erscheinung trat – unter anderem 2003 für The Walking Dead. Seine Darstellung der Realwelt ist völlig überzeugend, aber in den Kampfszenen in dem Pulp-Monster-durchsetzten Oblivion geraten Sie mir manchmal zu dynamisch, so dass ich es schwer habe, den Handlungen zu folgen. Die schimmelbewachsene Welt ist etwas grob geraten, nur manchmal traut Felici sich, die Gegenwelt im Detail zu zeigen.

Oblivion Song verspricht genügend Konflikte zwischen den Bewohnern der beiden Dimensionen, dass wir von Robert Kirkman sicher eine langlebige Serie über konkurrierende Gesellschaftsmodelle erwarten können – ohne Zombies diesmal.

Sehnsucht nach Band 2

9von10Oblivion Song 1
Cross Cult, 2018
Autor: Robert Kirkman
Zeichnungen: Lorenzo de Felici
Farben: Annalisa Leoni
Übersetzung: Frank Neubauer
144 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3959817714