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Don’t touch it!

Die Zeit ist dafür wohl reif. Auch die Horror-Buffs der 80er- und 90er-Jahre werden langsam alt und schwelgen immer mehr in Nostalgie und Kindheitserinnerungen. Vor zwei Jahren waren es Christopher Tauber und Ingo Römling, die uns ihre Gefühle fürs VHS-Jahrzehnt mit Survivor-Girl im stilechten Videokassetten-Design offenbarten, dieses Jahr legt Timo Grubing mit Don’t touch it! eine unheimliche Horrorerzählung nach, wiederum herausgegeben von Christopher Tauber, wie Survivor Girl ebenfalls im Zwerchfell-Verlag.

Alle Abbildungen: © Zwerchfell Verlag/Timo Grubing

Don’t touch it! spielt in einer idealisierten amerikanischen Kleinstadt der 90er-Jahre. Ein elfjähriger Junge gilt als vermisst und seine große Schwester, ein seltsames, düsteres Mädchen mit dem Namen Loreley, wird von ihrer Nanny bei einer befreundeten Familie einquartiert. Nur, was ist dieses formlose Ding, das Loreley in einer Glasglocke mit sich herumträgt und das kein Mensch sehen darf? Und was ist dran an den Gerüchten, dass sie ihren Bruder auf dem Gewissen hat? Der Junge Benji und sein Kumpel Ralph versuchen das herauszufinden und stoßen bald auf ein schreckliches Geheimnis.

Schon der Coververmerk macht deutlich, dass Don’t touch it! als Hommage an die großen Horrormotive des ausgehenden letzten Jahrhunderts gedacht ist. Von Ray Bradbury hat man sich dabei zweifellos den Zauber des Provinziellen ausgeliehen, von Stephen King darüber hinaus die Neigung, Jugendliche zu den Protagonisten einer deftigen Horrorerzählung zu machen. Ob ein von Hunden bewachter Schrottplatz, Schul-Bullies oder ein unbenutzter Swimming Pool: es sind die altbekannten Topoi, mit denen Timo Grubing spielt, und er legt es wohl gar nicht darauf an, den Leser großartig zu überraschen. Eher vermittelt er mit Don’t touch it! das Gefühl eines gemeinsamen DVD-Abends an Halloween.

Neben den genanntenn literarischen Vorbildern feiert Grubing in seinem Comic auch das Horror-Subgenre des Body-Horror ab. Laut Filmlexikon der Uni Kiel geht es dem Körperhorror um „die radikale, in der Regel destruktive Veränderung des (fast immer menschlichen) Körpers – Metamorphosen, Verstümmelungen, Mutationen, starke Formen von Deformation oder ausgeprägte Folgen parasitären Befalls.“ David Cronenberg ist wohl der einflussreichste Vertreter dieser Gattung, dessen Film Die Fliege auch dem Mainstreampublikum ein Begriff ist. Cronenberg ist aber auch der Regisseur, der den Körperhorror mit Psychologie verschränkte und gerade über diesen intellektuellen Ansatz auch verstören konnte. Bei vielen anderen Regisseuren kann man die Körpermasken hingegen eher als filmgewordenes Äquivalent einer Geisterbahnattraktion sehen, ohne dass eine zweite Eben über das Offensichtliche hinaus etwas zu erzählen hat. Re-Animator und Das Ding aus einer anderen Welt seien hier als Beispiele stellvertretend für viele andere Filme dieser Ära genannt. Filme, in denen die Tentakel und all die anderen Körpermutationen nur so wuseln.

Don’t touch it! ist der zweiten, wuseligen Geisterbahnvariante zuzurechen und dem kurzweiligen Vergnügen weit mehr verpflichtet als irgendeiner Form von Psychologie. Dem Artwork merkt man zudem an, dass Timo Grubing vom Hauptberuf her Kinderbuchillustrator ist. Angst vor allzu verstörenden Bildern muss man bei ihm nicht bekommen. Eher schon wirkt die Verklärung der gruseligen Vorbilder anrührend und herzerwärmend. Der Zeichenstil ist dem von Christopher Tauber gewählten Stil für dessen Drei Fragezeichen-Comics nicht unähnlich, so dass auch hier die geistige Verbundenheit zwischen Tauber und Grubing deutlich wird. Fast hat man das Gefühl, dass Timo Grubing mit Don’t touch it! den Horrorfilm erzählt, in dem Peter, Justus und Bob in Taubers erstem Drei Fragezeichen-Comic als Statisten auftreten.

Nostalgische Horrorerzählung für den 80er-Jahre Fan

Don’t touch it!6von10
Zwerchfell, 2018
Text und Zeichnungen: Timo Grubing
156 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 978-3-943547-43-6
Leseprobe

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