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Der Traum von Olympia

Panische Angst – man möchte weglaufen, aber die Beine bewegen sich nicht. So beklemmend wie dieser weit verbreitete Angsttraum ist zuweilen die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Aber das ist eben nur eine Facette dieses ambitionierten Comics, der ursprünglich in der FAZ in Fortsetzungs-Episoden abgedruckt wurde. Die auf einer wahren Begebenheit basierende Geschichte einer jungen, selbstbewussten Frau aus Somalia, die der Armut und dem frauenfeindlichen System der Islamisten entkommen möchte, indem sie ihren großen Traum von einer Karriere als Leistungssportlerin umsetzen will, ist auch ermutigend, inspirierend, ja,  in einigen Momenten gar humorvoll.

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© Reinhard Kleist/Carlsen Comics

Es ist bemerkenswert, was für ein gutes Gespür der Wahlberliner Reinhard Kleist für spannende, auch international relevante Themen besitzt! Johnny Cash, Fidel Castro und nun das Thema Flüchtlingspolitik, das gerade erst wieder medial aufbereitet wurde, als erneut afrikanische Flüchtlinge, von Schlepperbanden in seeuntaugliche Schiffe gepfercht, im Mittelmeer ertranken.

In ihrer Heimat erhält Samia keine faire Chance, in Namen eines Gottesstaates werden Frauen unterdrückt. Ihrem Vater ist dieses System zwar zuwider, er traut sich aber nicht, öffentlich dagegen aufzubegehren. Er wahrt die Fassade und tut so, als würde er seine Tochter für Fehltaten züchtigen, während er ihr in Wahrheit kein Haar krümmt – eine der anrührendsten Szenen des Comics.

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© Reinhard Kleist/Carlsen Comics

Die Geschichte beginnt mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking, bei denen die junge Afrikanerin zwar Letzte wird, aber doch ihre persönliche Bestzeit läuft und die Gunst des Publikums für sich gewinnt. Die junge Frau will 2012 bei den Spielen in London dabei sein, mit dann 21 Jahren ist sie immer noch jung genug, um kontinuierlich besser zu werden, zumal dann, wenn sie eine Chance und gezielte Förderung erhält – doch in ihrer restriktiven Heimat gestatten es ihr die Männer nicht einmal zu laufen, das sehen sie bei Frauen nicht gerne. Also beschließt die ehrgeizige und optimistische Omar, nach Europa zu gelangen. Sie schlägt sich durch bis nach Nordafrika und erlebt dabei Elend, Armut und Korruption.

Immer wieder baut Kleist Facebook-Einträge von Omar als Textelemente ein – fiktive, wie es im Vorwort heißt, da die echten Postings im sozialen Netzwerk gelöscht wurden.

Die Zeichnungen sind größtenteils realistisch, nur eine kurze Sequenz, in der das System der Schlepperbanden erläutert wird, wirkt eher traumartig. In diesen stilisierten Bildern sehen die Schwarzen aus wie eine Mischung aus Stammeszeichnungen und dem Sarotti-Mohr. Gerade dieser Moment ist sehr stark und erinnert an die treffende filmische Satire Lord of War, deren Anfangssequenz den Weg einer Patrone von der Fabrik über den Schwarzmarkt bis in den Schädel eines Kindersoldaten zeigt. Hier hätte Kleist mehr herausholen können, da sein Comic ohnehin nur teilweise dokumentarisch ist. Warum also nicht noch etwas überhöhen und überspitzen, um die Situation noch verstörender zu zeigen?

© Reinhard Kleist/Carlsen Verlag

© Reinhard Kleist/Carlsen Comics

Leider kommen die faszinierenden Laufszenen zu kurz und wahrscheinlich hätte der schwarz-weiße Comic durch eine Kolorierung an Reiz gewonnen. Generell wirkt dieses Werk etwas gehetzt – die Zeichnungen in Castro sind filigraner und bleiben stärker in Erinnerung (was freilich auch an der Ikone Fidel Castro liegen mag), während die Afrikaner in diesem Comic doch fremd und weit weg bleiben. Die Handlung bleibt trotz intensiver und bewegender Momente zu sehr an der Oberfläche.

Wir verlieren die junge Frau buchstäblich aus den Augen. Sie ist plötzlich weg – auf dem Buchrücken wird das Finale bereits verraten, was dazu beiträgt, dass nur gedämpfte Spannung aufkommt und jegliche Überraschung und ein Mitfiebern im Keim erstickt werden. Dennoch: Dank Reinhard Kleists löblichem Comic wird die Erinnerung an Samia Yusuf Omar bleiben und könnte viele etwas mehr Demut, Toleranz und Menschlichkeit lehren, die in Dresden und anderswo pauschal jeden, der anders aussieht, als Schmarotzer und Bedrohung oder eben auch als Sündenbock betrachten. Dummen Menschen sei dieses Buch empfohlen, um klüger zu werden, und natürlich auch jedem Bewunderer von einem der besten Comicschöpfer, die es in Deutschland gibt.

Während der Olympischen Spiele sollen die Waffen schweigen und die Völker der Welt friedlich zusammenkommen – ein schönes Sinnbild hat Kleist da gewählt.

Ein wichtiger, an die Menschlichkeit appellierender Comic.

7von10Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
Carlsen Comics, 2015
Text und Zeichnungen: Reinhard Kleist
mit einem Nachwort von Elias Bierdel
152 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 17,90 Euro
ISBN: 978-3-551-73639-0
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3 Kommentare

  1. selberdumm sagt

    Endlich mal eine Empfehlung für dumme Menschen, da fühlen sich bestimmt viele angesprochen und stürmen gleich zum nächsten Buchladen…

  2. Pingback: Graphic Novel » Blog Archiv » Graphic Novels in den Medien – 26. Mai 2015

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