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Die Mauern von Samaris

Les murailles de Samaris, wie der erste Teil aus dem Zyklus der Geheimnisvollen Städte im Original lautet, erschien im Jahr 1983 und gilt als Klassiker des europäischen Comics. Was genau macht einen Klassiker aus? Wer sich durch mühselige Texte im Schulunterricht gequält hat, weiß, dass die Aufnahme von klassischem Material nicht unbedingt immer etwas Lustvolles sein muss. Während manch‘ Spezialist sich ein Werk im Kontext seiner Entstehungszeit erlesen und sich dabei an kleinsten Details erfreuen kann, bleibt der Unbedarfte oder einfach nur Zu-Spät-Geborene außen vor.

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© Schreiber & Leser

Ein ganzes Marktsegment besteht daraus, bestimmte „Klassiker“ wieder und wieder neu aufzulegen. Oversized, limitiert, rekoloriert — die Zielgruppe bleibt stets gleich. Es sind die Hardcore-Sammler, die immer wieder zugreifen und, das muss man fairerweise erwähnen, die nötigen Scheine spendieren um andere, aufregendere Verlagssegmente mitzufinanzieren. Neuauflagen klassischer Alben sind ein Teil des Comic-Gesundheitssystems und alles was hilft, soll erlaubt sein. Aber für mich fallen diese Bände eher unter die Kategorie „muss nicht“.

Dass es sich bei der Neuausgabe der Mauern um eine schlichte, wenn auch schöne Softcover-Variante handelt, stimmt gleich optimistisch. Und schon auf den ersten Seiten bleibt man fasziniert an Illustrationen hängen, die nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Schuitens Strich fasziniert in seiner Präzision und seiner schlichten Schönheit, Seitenkompositionen und Kolorierung sind makellos. Als Schöpfer geheimnisvoller Städte hilft es, mit dem Architektur-Gen sowie einem Fleiß-Motor in der Zeichenhand ausgestattet zu sein — beides trifft auf Schuiten, immerhin Kind von Architekten, voll zu. Der Werdegang von Benôit Peeters kann sich auch sehen lassen. Der Sorbonne-Abgänger hat Philosophie bei Roland Barthes studiert und vor ein paar Jahren die erste Biographie über den Dekostruktivisten Jacques Derrida verfasst. Ein Tandem der Superlative an das man große Erwartungen haben darf. Werden sie diesen in ihrer Auftaktarbeit gerecht? Weitgehend ja.

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© Schreiber & Leser

Die Geschichte spielt in einer Phantasiewelt. Einzelne Städte, burgähnlich von hohen Mauern geschützt, sind über einen großen, ausgedörrten Kontinent verstreut. Außerhalb der Städte befindet sich Gefahr, Verfallenes und Steppe. Xhystos, die Hauptstadt dieser Welt, ist hingegen eine Oase der Schönheit. Zeichnerisch handelt es sich um die futuristische Megacity, wie sie in den Comics der 1970er Jahre noch modern waren: viele geschwungene Bögen, ein Stil irgendwo zwischen Techno-Barock und Art Deco angesiedelt — kitschig und elegant zugleich. Obwohl weit und breit kein Dampf zu sehen ist, schmeckt die Zusammenführung von Technologie und viktorianisch anmutendem Retrolook nach Steampunk — wobei die Überschneidungen wahrscheinlich zufällig sind. Die schöne Stadt bietet ihren Bürgern zwar ein angenehmes, aber eben auch wenig aufregendes Leben. Als der Rat von Xhystos den jungen Offizier Franz damit beauftragt, nach Samaris zu reisen, ist dessen Abenteuersinn sofort geweckt. Seit zwei Jahren dringen nicht näher definierte Gerüchte aus der Provinzstadt, welche zunehmend den öffentlichen Frieden in Xhystos gefährden. Franz soll herausfinden, was sich in der Fremde tatsächlich ereignet. Obwohl die letzten Reisenden von dort nicht zurückgekehrt sind und Franz‘ Freunde wie auch seine Geliebte ihn für verrückt erklären, nimmt er den Auftrag an.
Nach einer mehrwöchigen, strapaziösen Reise kommt er endlich in Samaris an. Die Stadt zieht ihn sofort in ihren Bann. Merkwürdige Begegnungen und überraschende Ereignisse lassen Franz zunehmend am Wirklichkeitsgehalt seiner Wahrnehmungen zweifeln. Eines Nachts beschließt er, wach zu bleiben, um dem mysteriösen Treiben der Stadtbewohner auf die Schliche zu kommen. Die Entdeckungen die er in dieser Nacht macht, bringen ihn allerdings erst recht in Bedrängnis …

„Die Stadt streckte ihre Tentakel aus wie die (fleischfressende) Pflanze, die ihr Emblem ist. Sie brauchte zum Leben einen stetigen Nachschub aus Bildern.“

Ein schöner Satz, und davon gibt es durchaus einige mehr in Die Mauern von Samaris. Man fühlt sich unweigerlich an die Erlebnisse des Landvermessers Herr K. aus Franz Kafkas Das Schloss erinnert. Was dieser auch tut, um seinem Auftrag gerecht zu werden, immer stößt er auf die absurdesten Hindernisse und Schikanen. Weder kommt er seinem Ziel nahe, noch schafft er es, sich vom Schloss und seiner aus merkwürdigen Gestalten bestehenden Entourage zu lösen. Herr K. sitzt in der Falle. Genauso wie der junge Offizier in diesem Comic, dessen Name wahrscheinlich nicht ganz zufällig auf Kafkas Vornamen anspielt.

Mehr als eine Anspielung ist allerdings nicht drin. Während der Comic auf grafischer Ebene nichts von seiner Faszination und seinem Geheimnis eingebüßt hat, wirkt die Narration etwas unausgegoren und mit ihrer angedeuteten metaphysischen Tiefe überfordert. Zunächst ist das Spiel mit Realität und Wirklichkeit sehr reizvoll, aber der etwas abrupt wirkende Abschluss der Geschichte lässt den Leser mit einem faden Gefühl von vergeudetem Potential zurück.

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© Schreiber & Leser

Der zweite Teil des Bandes enthält zwei weitere Fragmente aus der Welt der Geheimnisvollen Städte. „Die Geheimnisse von Pahry“ sollte der zweite Band im Zyklus werden, wurde jedoch nie fertig gestellt. In Pahry lässt sich unschwer Paris erkennen und zwar als eine Stadt, die von Geheimgängen durchzogen ist, welche von einem „Entflohenen“ erkundet werden. Viel mehr erfährt man nicht, und auch hier lassen sich dezente Verweise auf Kafka (diesmal zum Prozess) entdecken. Vor allem Orson Welles‘ Verfilmung stand wohl bei der Ausgestaltung einiger Panels Pate. Eine richtige Geschichte entwickelt sich leider nicht. Und auch wenn die reinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von hoher Qualität sind, ohne Kolorierung wirken sie etwas technisch-brav und steif. Eine weitere Kurzgeschichte neueren Datums und in Farbe rundet den Band ab. Auch zu dieser lässt sich resümieren: grafisch interessant, inhaltlich schnell vergessen. Aber man sollte dieses Bonusmaterial auch nicht zu hoch hängen, sondern einfach als nette Beigabe sehen — der Verlag hat, wie ich finde zu Recht, sogar ganz darauf verzichtet, diese Geschichten auf der Titelseite zu erwähnen.

Lohnt sich also die Anschaffung von Die Mauern von Samaris? Für jemanden wie mich, der mit Schuitens und Peeters‘ Zyklus noch nicht vertraut war, ist es eine interessante Entdeckung. Wer an Comics in erster Linie den visuellen Aspekt schätzt, wird hier reich belohnt. Ob der 96-seitige Band, bei dem die Hauptstory rund um Samaris nur 46 Seiten ausmacht, die knapp 25 Euro wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Die Mauern von Samaris ist eine Reise ins Surreale mit deutlichen Anklängen an Franz Kafka. Schuitens Vermögen, Phantasiestädte und ihre Architektur grafisch zum Leben zu erwecken, ist eine Wiederentdeckung wert.

Die Mauern von Samaris
Schreiber und Leser, 20157von10
Text: Benoît Peeters
Zeichnungen: François Schuiten
Übersetzung: Resel Rebiersch
96 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3943808636
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