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Blame! Master Edition 1

Blame! beginnt wie Tolkiens Herr der Ringe, fährt fort wie James Camerons Avatar, endet aber wie Lou Reed auf Manga.

© Cross Cult

Blame! ist die große Debüt-Serie des japanischen Mangakas Tsutomu Nihei. Cross Cult hat sich im vergangenen Jahr vorgenommen, die Serie von 1997–2003, die einst bei Feest erschien, neu herauszugeben – etwas größer und als Hardcoverausgabe. Worum geht’s?

Die Welt von Blame! ist ein Ort voller Rätsel, zunächst einmal architektonischer Art: Steinerne oder metallische Türme, Streben und Brücken durchziehen eine zukünftige Welt, die keine Natur mehr zu kennen scheint. Die Grenzen dieser futuristisch-kafkaesken Umgebung bleiben unsichtbar, und weder die Figuren noch die Leser haben den Überblick über die verschlungen arrangierten Bauten, die nicht von Menschenhand, sondern den „Konstrukteuren“ erschaffen wurden. Steile und hohe Treppen führen in die Höhe, schmale Stege führen über bodenlose Abgründe hinweg. Überhaupt ist diese künstliche und dem Verfall überlassene Welt sehr vertikal organisiert. Die Figuren bewegen sich von Ebene zu Ebene auf- oder abwärts, wohingegen Distanzen in der Horizontalen keinerlei Rolle spielen. In seiner Fremdheit (wer hat diese Welt zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Zweck erschaffen?) erinnert das Setting an die rätselhafte Würfelstruktur im Film Cube (1997, Regie: Vincenzo Natali). Die architekturverliebte Darstellungsweise erinnert den frankophilen Comicleser manches Mal an Schuitens und Peeters‘ gewaltige Serie Die geheimnisvollen Städte (18 Bände seit 1983). Kein Wunder, mag man sagen, hat Tsutomu Nihei doch ein Studium der Architektur absolviert.

Durch diese Welt navigiert der Protagonist Killy – mit größtmöglicher Wortkargheit und ebensolcher Coolness angesichts der anderen und nicht immer wohlgesonnenen Mitbewohner dieser Cyberpunkwelt. Killy ist auf der Suche nach „Netzwerkgenen“ (cool, was ist das eigentlich?), und es macht den großen Reiz dieser Serie aus, dass der Leser kaum erfährt, wobei es sich darum handelt. Nur ganz allmählich erschließt sich einem diese Welt, die von den „Konstrukteuren“ laufend weiter transformiert wird Das erschwert die anfängliche Lektüre natürlich – mir ging es vor einigen Jahren so mit Tolkiens Lord of the Rings, dessen ersten Band ich drei oder vier Mal an verschiedenen Stränden der Kieler Förde zu lesen begonnen habe, ohne jemals einen Zugang in diese fremde Welt zu finden. Als ich einige Jahre später den Megablockbuster Avatar (2009, Regie: James Cameron) sah, brauchte ich wiederum mehrere Anläufe, um diesen Megalangweiler von Anfang bis Ende und ohne Zwischennickerchen zu sehen. Und nun Blame!. Von November 2017 bis Juni 2018 habe ich diesen ersten von sechs Bänden der von Cross Cult geplanten „Master Edition“ immer wieder zur Hand und auf Reisen mitgenommen, habe mich in dieser Welt aber lange nicht einnisten können: Die Kampfszenen wirken auf mich, der ich nicht besonders manga-affin bin, zwar sehr dynamisch, aber oft ungemein verwirrend. Die Figuren erscheinen mir, weil sie stumm sind und ihre Geschichte zunächst nicht erzählt wird, unnahbar. Und die Handlung, naja, die könnte nicht weniger zugänglich sein. Schwierige Voraussetzungen. Es hat eine Weile gedauert, bis die Faszination dieses Mangas, dessen Stärke in meinen Augen nicht im Handlungsverlauf, sondern im Setting liegt, auf mich übergesprungen ist. Stichwort Lou Reed.

Als ich das erste Mal Lou Reed hörte, war ich von seinem eigentümlichen Stil irritiert und habe das Album mehrmals nicht komplett und aufmerksam hören können. Aber so geht es mir oft mit Büchern, Filmen, Musik und eben auch Comics. Wenn sie mich auf Anhieb allzusehr begeistern, langweilen sie mich bald. Diejenigen hingegen, die mich herausfordern und sich meinen Erwartungen verweigern, gefallen mir auch nach langer Zeit noch, wenn ich die süffigen Konsumartikel längst beiseitegelegt vergessen habe. Ich werde auch die folgenden Bände von Blame! verfolgen, deren erste vier bereits erschienen sind, und vielleicht höre ich dazu Lou Reed.

Lou Reed voll auf Manga

8von10Blame! Master Edition 1
Cross Cult, 2017
Text und Zeichnungen: Tsutomu Nihei
Übersetzung: Janine Wetherell
400 Seiten, schwarzweiß, Hardcover
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3959814454
Leseprobe

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