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Corto Maltese: Schwarzer Ozean

Am Ende war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Corto Maltese immer wieder neu interpretiert wird. Erst war es nur eine Zeichentrickserie, dann nur die – gelungene – Fortsetzung von Juan Díaz Canales und Ruben Pellejero. Aber ganz schleichend weitet sich der Blick auf Corto Maltese: 2017 wurde die Figur von Giorgo Cavazzano und Bruno Enna disneyfiziert, 2021 kam dann die Modernisierung in Form einer weiteren Hommage, diesmal von Bastien Vivès und Martin Quenehen, so dass langsam unser Blick auf die Figur auszufransen droht. Es wird schwieriger, den Fokus auf das zu richten, was die Figur ursprünglich einmal repräsentierte.

Alle Abbildungen © Schreiber und Leser

Daran ist nichts Verwerfliches, aber es erfordert zunehmend aktives Zutun der Leser, zu sehen, was Hugo Pratts ursprüngliche Vision, was Neuinterpretation ist. Auch Vivès und Quenehen betreiben in ihrer Hommage Schwarzer Ozean recht dreiste Aneignung, was die Oberfläche von Hugo Pratts legendärer Abenteuerserie angeht, ohne jedoch dessen Substanz zu erreichen. Eher schon geht Schwarzer Ozean den Weg von Luc Bessons‘ Filmversionen von Adèle Blanc-Sec und Valerian, bei denen man sich auch damit begnügte, eine Fülle von Bildzitaten aus den Comics zu liefern, aber nie wirklich zum Kern dessen vordrang, was die Vorlage besonders macht.

Das wird schon am Anfang von Schwarzer Ozean sichtbar, als Corto mit Piraten zusammenarbeitet, bis diese ihm zu blutrünstig werden. Schon hier hätte ich eine Anspielung auf Cortos ewigen Gegenspieler Rasputin vermutet, dem Corto ja ebenfalls in einem steten Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung verbunden ist, von daher hätte es im späteren Verlauf der Handlung des Auftritts des „echten“ Rasputin gar nicht mehr benötigt. Im Gegenteil wirkt dessen Auftritt forciert, weil die weit subtilere Andeutung der ersten Szene gereicht hätte, eine Corto-würdige Anspielung zu bieten.

Auch spätere Szenen plündern mit spürbarer Lust den Motivschatz von Hugo Pratts Corto:

  • Corto Maltese, wie er gestrandet am Meeresufer liegt,
  • Corto Maltese, wie er sich traditionellen Kabuki-Puppenspielen und alten Überlieferungen aussetzt und darin Wahrhaftigkeit sieht, nicht aber in den Überzeugungen seiner Mitmenschen,

So bleibt dieser Corto nur ein Abziehbild des alten Corto und soll wohl auch gar nichts anderes sein. Bastien Vivès mag einen ähnlich reduziert-minimalistischen Strich haben wie Hugo Pratt, dessen Grundierung im eigenen Erleben fehlt jedoch spürbar. Stattdessen atmet Schwarzer Ozean durch und durch die Eigenheiten von Bastien Vivès, der diese Geschichte zwar nicht geschrieben hat, sie sich aber doch sehr zu eigen macht. Auch daraus entsteht Spannung.

Vergesst Sandman: Corto Maltese ist der wahre „King of Dreams and Stories“.

Hugo Pratts ursprünglicher Corto Maltese vermittelt stets ein Gefühl von elementarer Männlichkeit, Vivès‘ Corto verkörpert im Gegensatz dazu eher halbstarke Pose. Damit ist der Künstler ganz bei seinem stetig wiederkehrenden Thema: Wie schafft der moderne junge Mann den Schritt zur eigenen Souveränität? In Vivès eigenen Comics – insbesondere Der Geschmack von Chlor und Eine Schwester – bleibt den jungen Männern der Weg zur wahren Männlichkeit ein Mysterium, und sie verstricken sich in der eigenen Unsicherheit. Aber auch In Vivès pornografischen Comics, vor allem Petit Paul, in dem ein minderjähriger Junge mit einem kolossalen Geschlechtsteil bestückt ist, ist diese ständig wiederkehrende Fokussierung auf Männlichkeit unübersehbar. Das ist es, was Vivès in seinen wichtigsten Arbeiten umtreibt.

In Schwarzer Ozean bekommen wir Vivès ganz eigene Vision von Corto, voll zupackender Virilität, Souveränität und Coolness, doch erfahren wir als Leser wiederum nicht, wie diese Figur so werden konnte. Entweder, so scheint es, man war schon immer so, oder aber man kann es nie werden. Dafür darf Corto bei Vivès endlich mal erleben, wie eine Frau sich auf seinem Boot völlig frei macht – und tatsächlich springen sie dann gemeinsam ins Meer und küssen sich. Diesen Schritt ist Hugo Pratts Corto nun nie gegangen, denn entweder war Pratts Corto über solche Annäherungen längst hinaus, oder – was ich eher glaube – sie spielten bei ihm einfach nie eine Rolle. Was diesen Aspekt angeht, ist Vivès Corto doch eher von dieser Welt als der von Hugo Pratt. In diesem Moment hat man das Gefühl, Corto verlässt das holzschnittartig umrissene Abenteuer-Universum und wird zum Menschen.

Bester Moment: Corto Maltese hört auf cool zu sein und wird zum Menschen.

Hugo Pratts Poesie und Zauber bleiben selbstredend unerreicht, vermutlich war es Quenehen und Vivès nie ein Anliegen, sich daran zu messen. Das vergnügte Spiel an der Oberfläche muss da als Verneigung vor dem großen Meister genügen. Am Ende kommt darunter eine Menschlichkeit zum Vorschein, die Hugo Pratt für seinen Corto nie vorgesehen hatte.

Schablonenhafte Abenteuerstory, die dank Bastien Vivès eine subtile Spannung erfährt

7von10Corto Maltese: Schwarzer Ozean
Schreiber und Leser, 2022
Text: Martin Quenehen
Zeichnungen: Bastien Vivès
Übersetzung: Resel Rebiersch
180 Seiten, schwarz-weiß und Farbe, Hardcover
Preis: 24,80 Euro
ISBN: 978-3965820876
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