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Währenddessen… (KW 15)

Zauberringe, brennende Schwerter, Disco. Der große Sigurd-Reread geht in die vierte Runde. Und abends geht’s ins Disco Elysium.

Christian: 1954 gab es bei Sigurd einen Autorenwechsel: Ab der Nummer 62 schrieb Rasmus Jagelitz die Geschichten. Ich hätte nicht erwartet, dass der Qualitätsanstieg von einem Heft zum anderen so deutlich erkennbar ist.

Aus Sigurd 77, Der Zauberring. Walter-Lehning-Verlag 1954.

Die Übergabe jedoch, mit der die Autorenschaft von Gerhard Adler zu Jagelitz wechselt ist das irrwitzigste Fast Forward, das man sich vorstellen kann. Zunächst noch beendet Sigurd erst mal einen Kampf auf einem Piratenschiff, indem er seine Feinde narrt und unter Deck einsperrt. Zwei Bilder später werden die Piraten im Hafen dem Herzog übergeben, was im Text mit wenigen Worten abgehandelt wird, der Weg ist nun frei für neue Abenteuer. Nächstes Bild: Die Freund reiten gemeinsam zur Burg von Sigurds Onkel. Nächstes Bild: Sigurd kündigt seinen Besuch am Burgtor an. Nächstes Bild: In einem Übergangstext wird beschrieben, dass Sigurd und seine Freunde gefesselt werden. Nächstes Bild: Sigurd und Bodo sind gefesselt und ihr Tod angekündigt. Wir sind also innerhalb von sechs Panels vom Endfight des vorhergegangenen Abenteuers schon mittendrin im nächsten Abenteuer. Würde ich es nicht besser wissen würde ich davon ausgehen, dass hier massiv gekürzt wurde. Noch strafferes Erzählen würde Erzählen gänzlich überflüssig machen. Aber jetzt ist Rasmus Jagelitz am Start.

Wer hat hier Fast Forward gedrückt? Da die Erzählung hier im Pacing sehr stolpert, lässt sich vermuten, dass genau hier der Autor wechselt. Sigurd 62, Walter-Lehning-Verlag.

Und dann wird die Serie auf einmal gut: Die Cliffhanger sind zunehmend spannend, die folgenden Stories haben oft mehr als einen Wendepunkt und bei Hansrudi Wäschers Grafik ist  mit einem Mal alles am richtigen Platz, kurz, die Serie läuft richtig rund. Das ist schade für die vielen Serien, die über niedrige Nummern nie hinauskommen dürfen. Manches braucht halt seine Zeit. Burgen, Städte, Wetter, Licht und Schatten. Alles wird von Wäscher nun so stimmig in Szene gesetzt, dass man mit einigem Kummer die späteren Lehning-Hefte der 1960er-Jahre anschaut, in denen die Farbgebung den gelungenen Geschichten meist übel reingegrätscht hat. Es ist ein kleines Zeitfenster nur, in denen an Hansrudi Wäschers Heften wirklich alles passte: 1954 tat es sich auf.

Auch ein Bemühen um besonders stimmige und wuchtige Motive wird deutlich. Einmal soll Sigurd beweisen, dass er tatsächlich der Held ist, von dem man spricht, indem er mit mit brennender Klinge gegen fünf Gegner gleichzeitig kämpft; ein Andermal wird ihm sein mächtiges Schwert gestohlen, das er nach erfolgreichem Wiederfinden dann sogleich testet, indem er einen Amboss spaltet. Das ist der Stoff von Mythen. Ein paar Hefte später erhält Sigurd einen Zauberring, der Wünsche erfüllt. Auf einer einsamen Insel wünscht Sigurd sich dann, dass ihn ein Schiff retten mag, das dann auch prompt kommt. Ob da jetzt Zauber im Spiel war, halten Jagelitz und Wäscher in der Schwebe, trotzdem versenkt Sigurd den Ring im Meer, damit seine Macht niemals missbraucht werden kann. Gekonnte Ironie, einerseits Sigurds Aberglauben zu zeigen, während wir als Leser unsere Zweifel haben dürfen, ob hier tatsächlich Zauber im Spiel ist. Dass Sigurd allerdings alle paar Hefte mit seinem Schwert riesige Bäume fällt und einmal sogar mehrere Pferde über einen über eine Schlucht gelegten Baum führt, ist definitiv nicht ganz von dieser Welt. Ein bisschen mythische Überhöhung darf schon sein. „Chapeau!“ den Herrern Wäscher und Jagelitz. Das sind tolle Comics geworden.

Niklas: Ein Mann wacht verkatert in einem Hotelzimmer auf. Stimmen hallen in seinem Kopf wider, er weiß nicht mehr wer er ist und überhaupt dreht sich alles.  Der letzte Drink war eindeutig schlecht. Außerdem muss er einen Mord aufklären, sonst kommt es zu blutigen Unruhen. Schöne Bescherung.

Disco Elysium: The Final Cut, ist ein Computerrollenspiel aus der Isoperspektive. Es ist die erweiterte Version des Grundspiels, das 2020 erschien. Die Mechaniken drehen sich um das Erkunden und Untersuchen der Umgebung und das Ausspielen von Dialogen. Einer Menge Dialoge, in denen die Stimmen so gut wie alles kommentieren. Denn sie sind meine Fähigkeiten wie mein Verständnis der Rhetorik oder meine Hand-Augen-Koordination. Und ihre Kommentare sind nicht nur zur Zierde da. Wenn ich zum Beispiel alle Punkte in Empathie stecke, zeigt mein Detektiv zwar viel Mitgefühl, nimmt sich aber auch jede Kritik zu Herzen. Wer sich dagegen nur auf Logik konzentriert, schränkt die eigene Kreativität ein. Dadurch erschweren sich immer wieder auftauchende Würfelwürfe und es tauchen sogar Dialogoptionen auf, die mir die Ermittlungen erschweren können. Disco Elysium: The Final Cut spielt also mit der Idee, dass nur ein spezialisierter Charakter vorankommt, wenn es sich tatsächlich lohnt, zu Beginn vieles zu beginnen, aber noch nichts zu meistern.

Die Dialoge sind allerdings auch so geschrieben, dass ich vieles mit etwas Fingerspitzengefühl herausfinden kann. Der eigentliche Fall wird geradlinig und spannend erzählt, aber er steht tatsächlich nicht im Vordergrund. Vielmehr ist er nur ein Vorwand, um mich mit den zahlreichen NPC‘s zu unterhalten, die meistens tragisch, manche witzig, aber immer komplex sind. Wir haben da zum Beispiel einen rotzfrechen Straßenjungen, der mich mit Schimpfwörtern  überschüttet, aber sich liebevoll um ein ihm zugelaufenes Waisenmädchen kümmert. Oder der Betreiber des Hotels, der mich für das Zerstören seines Hotelzimmers verabscheut, aber den Rest seiner Umgebung mit aufrichtiger Freundlichkeit behandelt. Und dann ist da der Ermittler selbst, der trotz meiner Gestaltungsmöglichkeiten ein körperliches und psychisches Wrack ist. Je mehr ich über ihn herausfinde, desto kaputter wird er und es stellt sich die Frage, ob sein Weg in den Untergang nicht gegeben ist.  Wie so viele fiktionale Ermittler lässt ihn die Vergangenheit nicht los, also betäubt er sich mit Drogen jeder Art. Anstatt es romantisch zu verklären, zeigt Disco Elysium: The Final Cut dieses Verhalten realistisch als selbstzerstörerisch und auch die Wunden, die andere durch sein Verhalten davontragen. Trotzdem wird das alles nicht halb so misanthropisch erzählt, wie es sein könnte. Stattdessen schimmert in fast jedem Dialog eine Menge Mitgefühl und Verständnis für die dunklen Seiten der Psyche mit. Niemand ist einfach nur ein Monster in dieser Welt, jeder hat seine eigene Geschichte und Beweggründe für seine Taten, jeder ist am Ende auch nur ein Mensch.

Disco Elysium: The Final Cut erzählt damit eine der menschlichsten Geschichten, die ich je gespielt und gelesen habe, obwohl sie auf einem fremden Planeten stattfindet, auf dem Funkgeräte den höchsten Stand der Technik darstellen und alle sich an den Kleidungsstil der 70er orientieren. Es erzählt seine Geschichte allerdings auch mit viel Text. Wer nicht gerne liest, ist aufgeschmissen. Glücklicherweise wurden alle englischen Zeilen mit Voice Acting vertont. Allerdings trifft das nicht auf die deutsche Übersetzung zu. Die ist allerdings hervorragend und fängt den Ton und den schrägen Humor des Spiels wunderbar ein. Wer also keine Lust hat, die teilweise komplexen Texte auf Englisch zu lesen, wird hier gut bedient.

(639) DISCO ELYSIUM – The Final Cut – Now available on ALL platforms (Official) – YouTube

 

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