Die Grundprämisse ist vermutlich bekannter als die Story selbst: Ein exzentrischer Großwildjäger veranstaltet auf einer abgelegenen Insel Menschenjagden, weil er sich von der Jagd auf Tiere unterfordert fühlt. Nur der unberechenbare Mensch scheint ihm noch adäquate Herausforderung zu sein – oder ist es die schiere Mordlust, die ihn treibt?
Der Drehbuchautor Richard Connell schrieb „The Most Dangerous Game“ als Kurzgeschichte 1924. Die erste Verfilmung von 1932 stammt von Erich Schoedsack, der für den Film viele Kulissen seines deutlich bekannteren Films King Kong ein weiteres Mal nutzte. Der Comickünstler Jürgen Speh hat 2019 eine Comicversion des Klassikers gestaltet, von der man immer wieder liest, es wäre die erste Adaption gewesen. Das stimmt nicht ganz: Harvey Kurtzman adaptierte die Story bereits 1950 für The Vault of Horror, während Stan Lee und Hansrudi Wäscher um 1963/64 Elemente der Story für ihre eigenen Comicideen nutzten. 2019 gestalteten Sylvain Runberg und Francois Miville-Deschenes ihre eigene Vision eines Sequels. 2024 endete eine Kickstarter-Kampagne von Jeff McComsey, der damit eine 80-seitige Adaption finanzierte. McComsey ging ebenfalls davon aus, dass The Most Dangerous Game noch nie als Comic adaptiert worden war.

„The Most Dangerous Game“ – Adaption von Geier/Speh (c) Jürgen Speh 2019.
1. Richard Connells „Most Dangerous Game“
Bevor ich die Comicadaptionen vorstelle, soll hier zunächst ein Blick auf die zentrale Szene von Connells Story geworfen sein, die Konfrontation des prominenten Großwildjägers Rainsford mit dem General Zaroff. Sie setzt den Ton der Story und verleiht ihr das notwendige Alleinstellungsmerkmal. Es geschieht auf Zaroffs Schloss, das sich auf einer entlegenen Insel befindet; in dieser Gothic Horror-Szenerie wirkt die Figur des Zaroff wie eine Mischung aus Graf Dracula und Hannibal Lecter. General Zaroff eröffnet dem Großwildjäger, den er bewundert, seine Vorliebe der Menschenjagd, ohne dies dabei auch nur einmal explizit auszusprechen:
„Ich wollte das ideale Wild“, erklärte der General. „Also fragte ich mich, welche Eigenschaften die ideale Jagdbeute wohl besitzen müsse. Die Antwort war ganz offensichtlich. Schlau musste das Tier sein. Mutig. Und – über allem anderen: der Vernunft fähig.“
„Kein Tier ist fähig zur Vernunft“, entgegnete Rainsford.
„Und doch gibt es eines, werter Freund.“
Rainsford packte das Entsetzen: „Sie können unmöglich …“
„Warum nicht?“
„Ich kann nicht glauben, dass das ihr Ernst ist, General Zaroff. Das ist ein zu abscheulicher Scherz.“
Rainsford dämmert, was General Zaroff meint, und erntet Spott, als er sich empört entrüstet. Zaroff erweist sich als Sozialdarwinist. Ein echter Herrenmensch, der seine Grausamkeit philosophisch verklärt, der sich kultiviert und modern gibt. Eine neue Art von Monster. Er redet französisch, trinkt guten Wein, erklärt seine Perversion zum „Spiel“ und gibt sich dabei gentleman- wie sportsmanlike:
„Sie werden das Spiel mögen,“ schwärmte der General mit vollem Enthusiasmus. „Ihr Geist gegen meinen. Unsere Jagdfähigkeiten. Unsere Stärke und Ausdauer. Schach unter freiem Himmel. Der Einsatz ist hoch, finden Sie nicht?“
„Und falls ich gewinnen sollte…“ begann Ransford mit heiserer Stimme.
„Ich werde meine Niederlage mit Freuden anerkennen, wenn ich Sie bis Mitternacht des dritten Tags nicht gestellt haben werde“, sagt General Zaroff. Meine Schaluppe wird Sie ans Festland bringen, nahe einer Stadt.“ Der General ahnte, was Rainsford durch den Kopf ging.
„Oh, Sie können mir vertrauen, „ sagte der Kosak. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Gentleman und Sportfreund. Natürlich erklären Sie sich im Gegenzug damit einverstanden, über Ihren Besuch hier diskret zu schweigen.“

Graf Zaroff – Genie des Bösen. Filmversion von 1932. (c) https://www.filmstarts.de/kritiken/30814/bilder.html
2. Erich Schoedsack: Graf Zaroff – Genie des Bösen
Erich Schoedsacks Verfilmung von 1932 verlieh Connells Handlungsgerüst spektakuläre Schauwerte:
- Rainsford fällt zu Beginn der Story nicht von einer Yacht ins Wasser. Stattdessen ist er der einzige Überlebende eines Schiffshavarie aufgrund von falschen Signalen, die Zaroff absichtlich sendet, um Opfer für seine Jagden zu finden.
- Es gibt noch zwei weitere Gäste in Zaroffs Schloss. Vor allem Faye Wray – man kennt sie aus King Kong – bereichert die Story um eine weibliche Hauptrolle.
- Es dauert deutlich länger, bis Graf Zaroff (in der Verfilmung ist er ein Graf) sein wahres Wesen offenbart. Davor gibt es einige spannungssteigernde Verzögerungen, die ihren Höhepunkt finden, wenn Eva (Faye Wray) und Rainsford die schaurige Trophäensammlung des Grafen finden, einen Raum mit Menschenköpfen. Es wird im Mittelteil hingebungsvoll lang die Klaviatur des Horrorfilms bedient, bevor der actionreiche Jagd durch den Dschungel beginnt.
- Rainsford besiegt am Ende Zaroff, wie bereits erwähnt, in einem deutlich dramatischeren Showdown und bekommt das Mädchen.
3. Geiers „Bildergeschichten für die reife Jugend“
2019 veröffentlichte Jürgen „Geier“ Speh im Eigenverlag acht Hefte seiner Reihe „BG: Bildergeschichen für die reife Jugend“. Darin waren ausschließlich von ihm gestaltete Comicserien und Kurzgeschichten mit Titeln wie „Wundermädchen“, „Der fabelhafte Dr. Breslau“ oder seine Adaption von „The Most Dangerous Game“.
Im Gegensatz zum spektakulär-actiongeladenen Einstieg von Schoedsacks Filmversion bleibt Jürgen Speh beim Einstieg recht wortgetreu bei Connells Vorlage, die er wirkungsvoll in je siebenseitige Episoden taktet. Das erste Kapitel ist damit ganz Rainsfords Gespräch mit einem Freund auf hoher See gewidmet, weitschweifende Blicke in den dunklen Sternenhimmel setzen die Stimmung. Durch eine Unachtsamkeit fällt Rainsford ins Wasser und sieht die Yacht in die Dunkelheit verschwinden.

Eva, Rainsford, Zar(k)off. Vor der Jagd wird das Wild noch in Form gebracht. (c) Jürgen Speh
Rainsford rettet sich auf die Insel, es wird Tag und Rainsford erblickt das Schloss von Zaroff, wo er sich Rettung erhofft. Als die Nacht wieder hereinbricht, erreicht er das Schloss; das zweite Kapitel endet mit einem weiteren Cliffhanger, als er von Zaroffs Diener mit einem Revolver bedroht wird. Ab hier finden vermehrt Elemente des Films Eingang in die Adaption, denn auch Speh will natürlich nicht auf die Dynamik verzichten, die ein größeres Figurenensemble bringt. Auch den „fancy“ Türklopfer aus dem Film hat er übernommen, abgesehen davon ist die Gestaltung des Schlosses ganz seiner eigenen Vorstellung zu verdanken. Die Zeit der Gastlichkeit auf Schloss Zaroff erhält einen zusätzlichen Tag, denn bei Tag sieht doch alles immer etwas weniger bedrohlich aus und Speh kann die Szenerie stimmungsvoller ausschmücken als sämtliche bisherigen Versionen. Dennoch adaptiert Geier hier in weiten Teilen die Mittelsequenz des Schoedsack-Films, bis die Story in Teil 4 zu ihrem grausigen Höhepunkt in Zaroffs Trophäenraum findet. So viel Horror muss sein.

„Menschen, ja. Die gefährlichsten unter Gottes Kreaturen.“ (c) Jürgen Speh, 2019.
In den letzten drei Kapiteln punktet Spehs Comicadaption gegenüber der Filmversion darin, weniger hysterisch und schrill als Schoedsacks Film zu sein. Wie in der Kurzgeschichte kommt es zu drei Begegnungen zwischen Rainsfords mit Zaroff, und wie üblich dreht sich das Katz-und Maus-Spiel zunehmend zugunsten des Gejagten. Das letzte siebenseitige Kapitel ist dem einsamen Graf Zaroff nach der Jagd gewidmet, der wieder in die alte Melancholie verfällt und das von seinem Diener angerichtete Abendbrot einnimmt. Dann tritt Rainsford aus dem Schatten und stellt ihn zum letzten Duell. Auch dieses letzte Kapitel ist noch einmal eine schöne Zurschaustellung dessen, wie gut eine Hell-/Dunkel-Dramaturgie funktionieren kann, wenn ein Künstler es versteht, mit Farben gut arbeiten zu können. Während ich es gerade bei vielen zeitgenössischen Superheldencomics durchaus bedaure, wenn wunderbar kontrastreiche Tuschearbeiten von zweitklassigen Koloristen mit zu dunklen Farben nivelliert werden, gelingt es Speh, mit seiner Farbgebung, die Atmosphäre der Bilder noch zu steigern.
4. Vom Reiz der Jagd
2022 erhielt eine Neuauflage von Jürgen Spehs The Most Dangerous Game den ICOM-Comic Preis als bester Independent-Comic. Nachdem kein Verlag Interesse an seiner Adaption zeigte, verlegte der Künstler die Adaption im Selbstverlag in einer Kleinstauflage von 20 Stück, limitiert und nummeriert, die innerhalb kürzester Zeit an Fans ging, die von der Veröffentlichung wussten. Das verleiht der Adaption eine gewisse Aura und soll wohl auch ein bisschen diejenigen ärgern, die sich die Gelegenheit einer schicken deutschen Eigenproduktion entgehen haben lassen. (Ähnlich, wenngleich nicht ganz so radikal, verfuhr Jürgen Speh zwei Jahre später mit seinem Weird Western Roter Schnee, wenngleich er sich hier für eine Zweitauflage beim Gringo-Verlag hat durchringen können, die 2026 erschien.) Es wäre zu hoffen, dass Speh sich eines Tages doch noch eines anderen besinnt und einer Neuveröffentlichung grünes Licht gibt. Bei Gringo-Comics sind derzeit noch Restbestände der ursprünglichen Heftversion in acht Teilen zu erhalten. (Link zum Shop.)

Es gehört zu Zaroffs Katz-und-Maus-Spiel, dass er bei der ersten Begegnung noch nicht tötet, sondern seiner Beute noch eine Chance gibt. (c) Jürgen Speh 2019.
5. Die erste Adaption?
The Most Dangerous Game gilt als einflussreich und oft verfilmt, auch wenn in der Regel eher die Grundprämisse als die komplette Handlung genutzt wurde. Eine Auflistung der Adaptionen auf Wikipedia listet Filmadaptionen, sich teils weit vom Original entfernen (z.B. Predator von 1987), ist andererseits aber auch in diesem breiten Ansatz nicht vollständig: es fehlt unter anderem die Buffy-Folge „Homecoming“ aus Season 3, in der die Vampirjägerin von den Monstern, die sie sonst jagt, als die gefährlichste Jagdbeute gejagt wird.
Auch einige wenige Comicversionen fanden in der Wikipedia ihren Eintrag, oft sind es eher Versatzstücke als eine echte Adaption, auch die Quasi-Fortsetzung Zaroff von Sylvain Runberg und Francois Miville-Deschenes wird genannt (2019 bei Lombard, 2020 bei Splitter). In Zaroff ist alles etwas moderner und ambivalenter als in der ursprünglichen Story: Zaroff selbst ist es, der hier von skrupellosen Gangstern gejagt wird, und weil nicht nur er, sondern seine ganze Familie gejagt wird, wird Zaroff dank dieser Plotkonstruktion hier dazu gezwungen, Gutes zu tun. Die reichlich blutrünstige Geschichte endet damit, dass Zaroff erneut überlebt und mit seinem Schiff New York ansteuert, um „in einem neuen Revier neue Beute zu jagen“. Inzwischen gibt es von diesem Sequel eine weitere Fortsetzung, die bisher noch nicht ins Deutsche übertragen wurde.

Team-up mit dem Teufel. „Zaroff“ von Sylvain Runberg und Francois Miville-Deschenes. (c) Splitter 2020.
In Amazing Spider-Man 17 (Steve Ditko/Stan Lee) tritt der Großwildjäger Kraven zum ersten Mal auf: Im Auftrag von Spider-Mans Feind Chamaeleon soll Kraven den Spider-Man erlegen. Stan Lee hat Kraven mit Charakterzügen von Connells General Zaroff ausgestattet, und bereits in seinem zweiten Panel sagt Kraven zu J. Jonah Jameson, dass er gekommen sei, „to hunt the most dangerous game of all!“. Zwei Seiten später wird er noch konkreter:
„The most dangerous game in the world is — man!! And I shall hunt the most dangerous man of all – the one who calls himself Spider-Man.“
Abgesehen davon folgt Kraven in der ersten Begegnung noch dem selben Ethos wie in Connells Geschichte, denn als sich Spider-Man das erste Mal als wehrhaft erweist, zeigt er sich begeistert von der hohen Herausforderung, vor die ihn seine Jagdbeute stellt.

The Most Dangerous Game of All is … Spider-Man. (c) Marvel Comics 1964
Etwa um die selbe Zeit, als Ditko und Lee ihren Kraven zum ersten Mal auf Peter Parker ansetzten, hat sich auch Hansrudi Wäscher für seinen Sigurd bei Connells Menschenjagd bedient. In Sigurd 150 bis 154 findet Wäschers Most Dangerous Game statt, als Sigurd und Bodo als Gefangene von Piraten auf die Felseninsel des Raubritters Laban verkauft werden, dessen Leidenschaft – wie kann es anders sein – die Menschenjagd ist. Auch Laban verspricht seiner Beute, sollte sie drei Tage überstehen, ein ehrbares Duell und die Aussicht auf Freiheit, in dieser Variante besteht jedoch berechtigter Zweifel, dass Laban sein Wort hält.

The Most Dangerous Game of All is … Sigurd. (c) Walter-Lehning-Verlag 1964.
Drei Jahre später hat Hansrudi Wäscher dann gleich noch mal ein Variante des gefährlichsten Spiels ins Leben gerufen: In seiner kurzlebigen Serie Roy Stark geht es um den arbeitslosen Stuntman Roy Stark, der scharf darauf ist, eine halbe Million Dollar bei einem Survival-Wettbewerb zu gewinnen. Diesmal geht es jedoch darum, als einziger unter mehreren Kontrahenten einen Kampf auf Leben und Tod zu überstehen, ist also schon eher Battle Royale, Running Man oder Hunger Games. Die Filmversion der Streaming-Plattform Quibi (2019) erzählt The Most Dangerous Game ebenfalls als Spiel um Geld, und trotzdem sind noch Spuren der ursprünglichen Zaroff-Idee enthalten. Sie ist für Comicfans insofern reizvoll, da die Episoden sehr kurz sind. Sie waren für den schnellen Konsum auf mobilen Endgeräten gedacht. Das kommt dem Rezeptionsgefühl vom Lesen von Comicstrips oder Piccoloheften erstaunlich nahe. Inzwischen wurde dieses Miniserie zum Spielfilm umgeschnitten. Man erkennt aber noch die ursprüngliche Taktung.

The craftiest of animals … Homo Sapiens … Man! (c) EC-Comics 1950/Dark Horse Comics 2021
Eine echte Adaption des Originalstoffs dagegen lieferte 1950 Harvey Kurtzman in der EC-Reihe The Vault of Horror. Auf sieben Seiten gelingt eine straffe, gut verdichtete Variante, die sich nahtlos in die sonstigen Horror- und Crime-Shorts der Reihe einreiht. Kurtzman hält sich mit leichten Straffungen an Connells Storygerüst und verzichtete auch auf die Nebenfiguren des Films. Abgesehen von einer kleinen Änderung der Ausgangssituation – hier ist es ein Flugzeugabsturz – ist Kurtzman näher am Original als jede andere mir bekannte Fassung. Der Wahnsinn des Jägers – hier hat er den Namen Crane – ist so plakativ, dass man nicht lange die Plausibilität der Anordnung hinterfragt. Denn eigentlich ist es mit der Plausibilität der Story nicht weit her. Unbewaffnete Menschen auf einer Insel mit Hunden zu hetzen erscheint schon bei Connell nicht gerade als besonders gefährliche Jagd. Und doch spukt die Idee seit nun schon 100 Jahren durch die Unterhaltungsindustrie und wird immer noch aufs Neue variiert.



