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Marc Dacier 2 – Auf der Jagd nach der Sonne

Allzu lange konnte man sich hierzulande der bequemem Meinung hingeben, dass die wesentlichen Arbeiten von Jean Michel Charlier längst bei uns erschienen wären: Blueberry, Michel Tanguy, Buck Danny, sogar die Biber Patrouille existiert längst in einer wunderbaren Gesamtausgabe. Was macht es da, wenn eine eher randständige, fast vergessene Serie fehlen sollte, noch dazu die recht altmodisch wirkenden Abenteuer eines leichtfertigen Weltenbummlers, die von 1958 bis 1968 erschienen sind? Glücklicherweise hat sich nun schon seit einiger Zeit der All Verlag dieser Leerstelle angenommen, und ich bin geneigt zu sagen: Fast hätten wir das Beste verpasst.

Marc Dacier mal wieder in Schwierigkeiten. Aus „Marc Dacier 1 – Abenteuer rund um die Welt“. Alle Abbildungen © All-Verlag.

Es gibt zwei Kategorien von Figuren, die Charlier wirklich gut schreiben konnte: Zum einen den rebellischen, aber verantwortungsbewussten Soldaten, der in der Lage ist, selbst zu denken, wenn es die Situation erfordert. Die zweite Kategorie, die ihm wirklich lag, ist der chaotische Feuerkopf, dem es nur um Action geht. Wir kennen das von den Die Gringos, eine seiner letzten Serien: Dort ist es die zynische Variante in Form von zwei Glücksrittern, die im mexikanischen Bürgerkrieg mal der einen, mal der anderen Seite angehören, ohne dabei großes Interesse an der politischen Sache zu haben. Wer hätte gedacht, dass sein freundlicher, von Eddy Paape gestalteter Held Marc Dacier von 1958 auch schon so ähnlich gestrickt war?

Dacier ist ein Reporter, der – komme was wolle – für eine heiße Story in vier Monaten um die Welt reisen muss; ohne Geld wohlgemerkt, damit er auch über die Härten des Daseins berichten kann. Also dient sich Marc von Anfang an stets bei den zwielichtigen Arbeitgebern an, die nicht lange nach Qualifikation fragen, und schon die erste Etappe der Reise wird an Bord eines Schmuggelschiffs zurückgelegt. Dacier ist der reine Tor, der von einer Bredouille in die nächste stolpert, immer hemdsärmelig bleibt, gerne aber falsche Entscheidungen trifft, solange es ihm nur a) hilft, sich aus einer meist selbstverursachten Notlage zu retten und b) Material für die Story liefert.

Die Job-Beschreibung klingt ja nun wirklich nach Urlaub. Na wart mal ab, Marc Dacier! Aus „Marc Dacier 2 . Auf der Jagd nach der Sonne“.

Als Marc zu Beginn des zweiten Bands in Indien landet und mal wieder kein Geld mehr hat, guckt er sich die Zauberkünstler auf dem Markt an und beschließt, selbst Straßenzauberer zu werden. Da er aber zu gut in seiner Kunst ist und der Konkurrenz die Kunden abschöpft, beschließen die anderen Straßenkünstler, ihn aus dem Weg zu räumen. Zu dem Zeitpunkt sind gerade mal zwei Seiten vorüber – mit dieser Schlagzahl wird die Geschichte weitergehen. Als nächstes ermöglicht ihm der Zufall, dass er als Kopilot für einen ausfallenden Flieger einspringen darf, der ihm versichert, dass er im Cockpit nur beisitzen muss und weiters nichts zu tun hat – ergo nimmt Marc den Job an und natürlich bricht während des Flugs das große Chaos aus, bis Marc endlich gesteht, dass er gar nicht fliegen kann; aber um seinen Arsch zu retten, muss er es nun auf die harte Tour lernen. Das Wechselbad zwischen akutem Stress und völliger Sorglosigkeit ist Marc Daciers Grunddispostion.

Unter Gangstern! Aus „Marc Dacier 3 – Jenseits des Pazifiks“. Damals war besoffen Auto fahren noch ein Kavaliersdelikt.

Es jagt ein Höhepunkt den nächsten. Ständig landet Marc Dacier in einem neuen Schlamassel und irgendwie findet er durch eine Mischung aus unwahrscheinlichen Zufällen und Chuzpe auch wieder heraus, lernt nie wirklich dazu und stolpert gleich wieder ins nächste Abenteuer und die nächste unwahrscheinliche Situation. Eddy Paapes klarer Strich rückt den Comic teils fast schon in die Nähe von Semi-Funnies wie man sie beispielsweise von Maurice Tillieux her kennt, findet für burleske und chaotische Szenen – davon gibt es einige – doch eine ganz eigene Bildsprache. Und sicher ist es kein Zufall, dass Marc Dacier ein bisschen wie der junge James Stewart aussieht, der in Alfred Hitchcocks Der Mann der zu viel wusste eine gute Figur machte. Auch in Hitchcocks grandiosen Suspense-Thrillern ging es oft vor allem darum, den Helden stets in Bewegung zu halten.

Tolle Ausgrabung aus den 50er Jahren, als Charlier noch die heißesten Abenteuercomics seiner Zeit schrieb.

9von10Marc Dacier 2 – Auf der Jagd nach der Sonne
All-Verlag, 2023
Text: Jean-Michel Charlier
Zeichnungen: Eddy Paape
Übersetzung: Saskia Funke
48 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 17,80 Euro
ISBN: 978-3968042091
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