Aktuelles
Schreibe einen Kommentar

Währenddessen… (KW 33)

Christians Ferienlektüre: Il piccolo ranger

Western von Gestern: Aber nur das Titelbild hat den typischen Wäscher-Stil.

Christian: Für diesen Sommer habe ich mir einen Kindheitswunsch erfüllt und mir die komplette Serie „Kit der Ranger“ geschenkt. Ursprünglich erschien die Westernserie 1964/65 im Lehning-Verlag, etwas kurios zusammengedruckt mit den Serien Tibor und Nick in Form eines „Piccolo-Großbands“, das waren drei Streifenhefte untereinander. Kit der Ranger hat insofern eine Sonderstellung, weil es die einzige nicht von Hansrudi Wäscher gestaltete Serie dieses Formats war. Stattdessen handelt es sich um einen Import der italienischen Reihe „Il piccolo ranger“, eine in Italien deutlich langlebigere Reihe – aber 90 Hefte in Folge sind ja durchaus auch schon eine beachtliche Anzahl.

Natürlich habe ich die Serie nicht 1964 kennengelernt, so alt bin ich nicht, sondern erst in den 80ern, als ich vereinzelte Hefte auf dem Dachboden eines Freundes finden durfte. Ich mochte die damals sehr und schätze sie auch heute noch, auch weil sie in ihrer Tonalität etwas anders sind als die Wäscher-Reihen: sie sind weniger abgedreht und – pardon, ich kann es nicht anders sagen – weniger kindisch. In Tibor gibt es halt sprechende Dschungeltiere, die sich top artikulieren können, bei Nick gibt es ein Raumschiff, das sich dank Zukunftstechnologie sowohl beliebig vergrößern als auch weit unter sub-atomare Größe verkleinern kann, so dass damit auch die Galaxie innerhalb eines kleinen Eisenwürfels bereist werden kann.  Wäscher hat mit diesen Zauberticks zwar wunderbare Geschichten erzählt, aber manchmal mag ich meine Geschichten durchaus etwas stärker geerdet. So wie beim Piccolo Ranger (Autor: Andrea Lavezzolo, mit wechselnden Zeichnern).

Wir lernen Kit als einen jugendlichen, jungenhaften Ranger kennen, der in seinem Fort der wohl talentierteste Soldat ist und trotz seines Alters schon Führungsaufgaben unternehmen darf. Ein richtiger Superheld für die Kids seiner Zeit. Wenn er sich mal im Fort erholen darf, dann kabbelt er sich mit Claretta, der Tochter der Kantinenwirtin, ansonsten erlebt er Abenteuer mit dem kauzigen Frankie, dem Chinesen Cin-Lao und dem schwarzen Ibrahim und manchmal ist auch ein befreundeter Indianer von dem ein- oder anderen Stamm dabei. Denn Freunde findet Kit überall.

Obwohl die Stories Wildwest-Klischees bedienen, fühlen sie sich nie vorhersehbar oder abgedroschen an sondern sind Cliffhanger-Abenteuer, wie man sie sich wünscht. Der erste Elfteiler ist eine nur halbwegs spannende Story über ein Dorf von Minenarbeitern, das von einer Banditensekte namens „Die Büßer“ erpresst wird. Ein reizvolles Detail dabei ist, dass der Gründer der Büßer ein frommer Mann war. Erst seine Nachfolger sind Banditen. Das klingt fast schon ein bisschen politisch.

Angst vor den „Büßern“.

Die Folgegeschichte „Unternehmen Zwangsarbeit“ bietet dann schon deutlich interessantere Schauwerte als nur Minen und Westernstädte. Kit mischt sich unter die Strafgefangenen eines Hochsicherheitsgefängnisses tief in sumpfigem Gebiet, umgeben von Alligatoren und undurchsichtigen Indianern, um das Vertrauen eines dort einsitzenden Bankräubers zu erwerben und ihn zur Flucht zu animieren. Eine wirklich spannende Story, auch wenn sie versöhnlich ausgeht. Kit und der Gangster schließen Freundschaft und wir erfahren, dass der Gangster selbst längst geläutert ist und nur deswegen flieht, weil seine skrupellosen Komplizen ihn unter Druck setzen. In den Kit-Geschichten wendet sich vieles zum Guten.

Unter Knackis.

Es folgt die Geschichte vom jugendlichen Hitzkopf, der unschuldig des Mordes bezichtigt wird und deswegen vom Kopfgeldjäger „Snake“ gejagt wird. Snake hat kein Problem damit, die Formulierung „tot oder lebendig“ wörtlich zu nehmen und ist natürlich deswegen ein interessanter Gegner, weil er auf der Seite des Gesetzes steht und einem Ehrenkodex folgt. Eine schöne, ambivalente Geschichte, die in mehrfacher Hinsicht gut ausgeht: die Unschuld des Täters wird bewiesen, der echte Täter wird gefasst, Snake wird geläutert.

Der Kopfgeldjäger „Snake“.

Ab jetzt jagt ein Höhepunkt den nächsten, denn die folgende Geschichte ist eine epische Quest: Eine junge Frau hat vor vielen Jahren ihren kleinen Bruder bei einem Indianerüberfall verloren und jetzt sucht sie gemeinsam mit ihrem Vormund in der Wildnis nach ihm, weil sie glaubt, dass die Indianer das Kind bei sich aufgenommen haben. Immer wieder passieren auf der Reise kleine Unfälle und zwischenzeitlich trifft man zwar einen weißen Anführer von Indianern, der aber nicht der Gesuchte ist, sondern sozusagen dessen bösartiges Gegenbild. Am Ende entpuppt sich einer der Mitreisenden als Verräter: gruselig ist der Cliffhanger, an dem die Gefährten an Bäume gefesselt werden, damit sie bei lebendigem Leib von roten Ameisen gefressen werden. Aber dann stimmt die Reiseleiterin ein Lied aus ihrer Kindheit an, das auch der gesuchte junge Mann noch kennt, der sich nun endlich zeigt.

Gothic-Atmosphäre. Bei einem Brand schmilzt einem Verwandlungskünstler die Maske. Das ist aber erst der Anfang der Geschichte.

Das alles atmet sehr den Geist der frühen Sechziger und gerade die gelegentlich auftretenden Figuren des Schwarzen und des Chinesen würde man so in keinem modernen Comic mehr vorfinden. Die Figur des Cin Lao kommt dabei vergleichsweise gut weg. Als Zivilist unter Soldaten trägt er chinesische Tracht und einen Zopf, aber sein Grinsen ist etwas überzeichnet. Cin Lao kann Kampfkunst und kennt sich mit Feuerwerk aus und er würde gerne mal einen Gefangenen mit dem Messer foltern, aber Kit unterbindet das jedes Mal. Die Arbeit hat Cin Lao nicht erfunden, er lebt gerne in den Tag hinein und wenn ihm langweilig ist, dann hetzt er Flusskrebse aufeinander. Dafür ist er listenreich und ein treuer Freund.

Ibrahim ist mit seinen überproportionierten Lippen leider sehr stereotyp gezeichnet, so dass die Darstellung auch mir heutzutage unangemessen erscheint. Eine Schmähkarikatur sehe ich eher nicht, dafür ist Ibrahim viel zu positiv geschrieben, wenngleich ein etwas chaotischer Typ, dem manchmal lustige Dinge passieren. Seine Schwarzheit ist in einer Geschichte der entscheidende Erzählmotor, weil es ihm auf beispiellose Weise gelingt, sich im Dunkeln zu verstecken.

Ibrahim.

Cin-Lao.

Nach einer recht kurzen Nebenquest mit Kits erweiterter Truppe geht es aber dann mit Kit und seinem Freund Schwarzer Wolf zu einem besonders schönen Abenteuer: ein alter Zirkuskünstler, der sich wie das Phantom kleidet, hat sich mit Bühnentricks einen Indianerstamm gefügig gemacht, damit die ihm verlorenes spanisches Gold bergen. Teil der Zauberei ist, dass der Zirkusmann auch seine Tochter hypnotisiert, die unter Hypnose eine goldene Göttin mimt, ohne etwas davon zu bemerken. Währenddessen findet im Fort zu Hause ein Führungswechsel statt: ein Kommandant namens Stricker übernimmt die Leitung und auf einmal weht ein ganz anderer Wind. Ja, neben all den tollen Pulp-Abenteuern gibt es immer auch eine kleine Soap-Opera im Hintergrund.

Der Hypnotiseur und seine Tochter.

Nach ca. 75 Heften war dann, obwohl ich bis dahin mit Begeisterung gelesen habe, die Luft raus, die letzten Hefte kosteten mich Überwindung. Zum Glück habe ich durchgehalten, denn gerade die letzten Hefte boten noch mal sanften Grusel vom feinsten, als Kit und Frankie in einer ausgestorbenen Stadt auf einen skrupellosen Gangster namens „Rattlesnake“ treffen, der nicht davor zurückschreckt, Kit in eine automatische Säge einzuspannen, wo Kit vom Scheitel her der Länge nach zersägt werden soll. Kit wird zwar gerettet, Rattlesnake gefangen, und im letzten auf Deutsch erschienenen Heft wird sogar noch das Geheimnis der Geisterstadt gelöst, ich bezweifle aber, dass das schon das letzte war, was wir von Rattlesnake zu sehen bekommen sollten, denn dafür war der Schurke einfach zu fies und sein Auftritt zu kurz.

Kit, Frankie und die Säge des Todes.

Trotzdem bin ich mit 90 Heften Kit gut gesättigt. Es war mir ein Vergnügen. Die Titelbilder der Reihe sind übrigens dann doch von Hansrudi Wäscher gestaltet. Im Gegensatz zu seinem Buffalo Bill, den ich so gar nicht ausstehen kann, ist das hier eine Western-Arbeit des Meisters, die sich wirklich sehen lassen kann.

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken dieses Formulars erklärst du dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.