Währenddessen heute mit sehr unklarer Zielgruppe. Erst flüchtet Niklas mit uns in den Eskapismus und guckt animierte Rollenspiel-Nacherzählungen. Wer danach noch Aufbleiben darf, guckt Brian Yuznas Society mit Christian.

Niklas: Ich spiele inzwischen mehr Pen&Paper als je zuvor. Das ist keine Beschwerde, sondern eine erfreute Feststellung, denn bevor das möglich war, musste ich mir meinen Fix woanders suchen. Neben Actual Plays, in denen die Spieler*innen live mit aufzeichnender Kamera spielen, gefallen mir animierte Nacherzählungen sehr. Vor allem die Kampagne Fool’s Gold der Künstlerin Dingo Doodles ist da ganz ausgezeichnet.
Sie erzählt von den Abenteuern ihrer alten Spielgruppe, in denen ein sprechender Affe, eine Gruftielfe und ein magical girl die Welt erkunden und retten. Das liest sich wild und wird auch so von ihr dargestellt. Es fängt alles recht albern an, mit einem beschworenen Monster beim Karaokeabend, und wird immer ernster, wenn zum Beispiel ein Vampir einen Freund der Gruppe vermöbelt. Wie in einem guten Anime also, wo episodenhaft herumgealbert wird, bis sich der Plot immer mehr herauskristallisiert und in den Vordergrund rückt.
Die Serie ist noch nicht vollständig, aber mit der nächsten Folge endet die Geschichte dann auch. Wer also jetzt anfängt zu schauen, wird nicht nur miterleben wie Dingos Stil immer besser wird, sondern kann recht zeitnah die gesamte Geschichte in einem Rutsch miterleben. Und wenn ihr danach noch mehr Motivation braucht, könnt ihr auch in die Kampagne Fool’s Gold: Sands reinhören. Da erkunden Dingo und eine weitere Mitspielerin als Duo die Wüste derselben Welt in Sessions von nur einer Stunde. Da sie audio only sind, kann man sie auch entspannt als Podcast laufen lassen.
Leider gibt es keine deutschen Untertitel und via Autodub auf Deutsch zu schalten, finde ich eher suboptimal, da ein Großteil des Charmes durch Dingos Stimme erzeugt wird. Trotzdem bleibt Fool’s Gold eine Empfehlung, wenn ihr selber gerade eine Trockenphase im Hobby habt oder Inspirationen braucht, um selber die Würfel zu rollen.
Link zur Playlist von Fool’s Gold: https://www.youtube.com/playlist?list=PLFOaJWATTt_A7thZA9WFGEpZRC9CBjkWY
Link zur Playlist von Fool’s Gold: Sand:https://www.youtube.com/watch?v=p-vmJoQxer8&list=PLFOaJWATTt_AKu1IYkdviB_eMqdkJqDRg&index=1&t=6s

Christian: Eigentlich könnte der junge Bill Whitney ein super Leben in seiner reichen Familie in Beverly Hills führen, aber seit einiger Zeit plagen ihn Albträume und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Dabei ist der Top-Sportler sogar noch Schülersprecher, aber zu den elitären Snobs aus seiner Schule gehört er deswegen noch lange nicht. Die sind ihm in den entscheidenden Momenten eben doch über. Gerade sein Feind Ted lässt ihn das auch zu jeder Gelegenheit spüren.
Soweit könnte es sich bei dieser Zusammenfassung auch um eine der großartigen Teenie-Komödien von John Hughes handeln, aber diesmal befinden wir uns in der abgründigen Welt von Brian Yuzna, dessen Filmdebüt Society von 1989, um den es hier geht, zu den Meilensteinen des Body Horror-Genres zählt. Damals wusste man nicht mal so recht, wie man den Film eigentlich vermarkten sollte; Society ist ein echter Genre-Bender.
Ein Kumpel steckt Bill ein Tape zu, das er heimlich aufgezeichnet hat. Darauf ist zu hören, wie seine Schwester und seine Eltern in einer inzestuösen Orgie zugange sind, danach bekommt die Handlung einen paranoiden Twist. Bills Kumpel verunglückt, der Psychiater, dem sich Bill anvertraut, hintergeht ihn, und seine Schwester sieht mit einem Mal unter der Dusche so merkwürdig verformt aus – oder ist das nur eine optische Täuschung? Je mehr Bill sich in das Rätsel hineinwühlt, desto mehr zieht es ihm den Boden vertrauter Gewissheiten weg, bis er auf einer grotesken Hausparty bei seinen Eltern erfahren muss, dass tatsächlich nahezu alle seines Umfelds zur Elite gehören – und er ist jetzt reif, in der angebahnten Gruppenorgie vernascht zu werden. Und sein Kumpel, der nur vermeintlich verunglückt war, steht gleich mit auf dem Speiseplan.
Brian Yuzna und sein Special Effect-Coordinator Screaming Mad George leisten in der letzten Viertelstunde des Films alle Arbeit, die Society so widerwärtig als nur möglich in Szene zu setzen. Die Mitglieder der High Society entledigen sich am Ende nicht nur sämtlicher zivilisatorischer Schranken, sondern verformen sich auch körperlich – allerdings nicht schrill und comichaft wie in From Dusk Till Dawn, sondern sehr verstörend körperlich und sexualisiert. Pornografisch ist das nicht, aber das macht es nicht besser, denn es ist auf verstörende Weise surreal. So also geht es in den Hinterzimmern der Macht zu, zu denen man keinen Zugang hat. In Yuznas Film wird zwar angedeutet, dass es sich bei der Society um eine sehr alte Rasse handelt, die sich parallel zum Menschen entwickelt hat, aber solche vorgeschobenen Erklärungen kaschieren kaum, dass hier ein gehässiger Blick auf eine abgehobene Elite geworfen wird, zu der man keinen Zugang hat. Am brillantesten gelingt das in den Szenen kurz bevor der Body Horror losgeht. Die feiste Cocktail-Gesellschaft, die sich selbst feiert, während der arme Bill in einer Halsschlinge durchs Zimmer gezogen wird gibt ein wahnsinnig abgründiges Bild ab. Brian Yuzna verbindet teenage angst mit surrealer Irritation und ist erfreulicherweise nicht verkopft abgehoben wie der letztjährige The Substance, sondern Kino für den Bauch. Ich empfehle einen stabilen Magen und viel schwarzen Humor. Society ist ein Film für die Sinne.



