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Dr. Werthless – He studied murder … and nearly killed the comics industry (US)

Dr. Frederic Wertham war ein amerikanischer Psychiater, der den meisten Comicfans dank seiner berüchtigten Kampfschrift Seduction of the Innocent ein rotes Tuch sein dürfte. Werthams Kampagne gegen Schmutz und Schund aus den 1950er Jahren hatte die Einführung eines rigiden Jugendschutzes zur Folge, ruinierte den legendären EC-Verlag, fegte erfolgreiche Horror- und Crime-Comics für Jahrzehnte von den Kiosken, infantilisierte Comics auf Jahrzehnte. Aber was hat Wertham eigentlich sonst in seinem Leben erreicht? Und was, wenn Wertham recht hatte? Der neueste True-Crime-Comic von Harold Schlechter und Eric Powell, dem Team hinter Hast du schon gehört, was Ed Gein gemacht hat kann uns darüber eine erstaunliche Geschichte erzählen.

Öffnet man das Buch, wird man nahezu erschlagen von Lettern diverser Schrifttypen. Der Zeichner Eric Powell tritt mit seiner Kunst – bei aller Expressivität – sichtlich hinter den Text zurück, verleiht ihm aber Timing und Struktur; dabei ist er meisterhaft darin, Mimik und Gestik lebendig in Szene zu setzen, ohne dabei, wie beispielsweise Will Eisner, karikaturartig zu wirken. Die gewählte Comic-Form erleichtert keineswegs die Lektüre, sie reduziert nicht die Informationsdichte, sie veranschaulicht auch nicht durch plakative Schaubilder, vielmehr setzt Eric Powell eindringliche Akzente, vor allem wenn es darum geht, dem Leser unter die Haut zu gehen. Bedenkt man, wie bildhaft und unterhaltsam Sachbücher in Prosa durchaus geschrieben sein können, ist Harold Schlechters Text von ausgesuchter Nüchternheit. Diese Nüchternheit jedoch zahlt sich aus, denn die Brisanz des dokumentarischen Inhalts allein schon genügt, Dr. Werthless zum spannenden Pageturner zu machen – und trotz aller Textfülle auch zu einem ausdrucksstarken Comic.

Wir lernen Frederic Wertham als ehrgeizigen Psychoanalytiker kennen, der bereits als junger Arzt unbequem wird, wenn er nicht genügend Anerkennung erfährt und – in seinen Augen – „niedere Tätigkeiten“ erfüllen muss. Nach einem holprigen Karrierestart entwickelt er große Expertise darin, das Innenleben geistesgestörter Krimineller zu ergründen, beispielsweise Albert Fish, der sich selbst Nadeln in den Unterleib treibt und davon träumt, dasselbe auch seinen Opfern anzutun. Wertham begegnet sexuellen Abgründen und Gewaltfantasien mit großer Empathie und ehrlicher Neugier.

„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“. (Alle Abbildungen © Dark Horse)

Als progressiv denkender Psychiater zieht Dr. Wertham ungewöhnliche Schlussfolgerungen, sucht den Grund für abseitiges Verhalten weniger im Täter, sondern in der Gesellschaft selbst, die nicht in der Lage ist, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu korrigieren:

„Perhaps this outcome is not so much about the sanity or insanity of Albert Fish as it is about our failure as a society to protect our own children. Maybe it is not Fish we are trying to erase … but our own culpability.“

Frederic Wertham ist so umtriebig wie progressiv. Er hat weder Berührungsängste mit Homosexualität, noch scheut er davor zurück, die rigiden Rassengesetze der 1940er zu umgehen, so dass er in Harlem quasi im Alleingang auch der Black Community einen niederschwelligen Zugang zu Psychotherapie ermöglicht. Wertham ist überzeugt, dass gerade der allgegenwärtige Rassismus und die drückende Depression der Ghettoisierung sich negativ auf Psyche und Selbstwertgefühl auswirkt und ein Katalysator für Gewalt ist. Es gibt was zu tun – Wertham packt es an. Unter anderem setzte er den „doll test“ ein, bei dem dunkelhäutige Kinder sich zwischen zwei Puppen entscheiden würden, eine repräsentiert ein dunkelhäutiges Kind, die andere deren weißes Gegenstück. Nahezu jedes Kind tendiert dazu, der weißen Puppe mehr Vertrauen zu schenken und der schwarzen Puppe eher negative Attribute zuzuordnen. In den Wertham-Akten, die sich in der Library of Congress befinden, findet sich ein Brief der Soziologin Marguerite Cartwright, der Dr. Wertham darüber informiert, dass er von der Community zum Ehrenmitglied der „Negro Race“ erklärt wurde.

Armut, Gewalt, Comic Books. Go, figure!

Erst in den letzten Kapiteln von Schlechters und Powells Buch – Seite 135 bis Seite 187 – geht es dann vollumfänglich um das, was in den vorhergegangen Seiten nur angedeutet war: Werthams Kreuzzug gegen Comics. Ein jugendlicher Afroamerikaner namens Tommy, der wegen kleinerer Delikte aufgefallen ist, gibt den Anstoß, indem er erzählt, er lese gerne Comics. Den Rest reimt sich der Doktor selbst zusammen und wittert massives Staatsversagen:

„I think Hitler was a beginner compared to the comic-book industry. They get the children much younger.“

In seinen Augen war tatsächlich der harmlose Superman ein besonders anrüchiger Comic, da er Gewalt gegen Verbrecher legitimiert und normalisiert, ohne dabei auf deren soziale Prägung einzugehen – das nenne ich Out-of-the-box-Denken. Die Comic-Künstler haben ihn zwar nicht darum gebeten, trotzdem nimmt er deren Anteil an der Herstellung skandalöser Comics in Schutz, denn sie sind ja – in Werthams verquerer Denke – nur die ausführenden Hände bösartiger, skrupelloser Verleger, die es darauf anlegen, die Kinder um jeden Preis zu korrumpieren. Wertham verstrickt sich immer mehr in seine eigene Verschwörungstheorie, rennt damit aber offene Türen ein, denn vielen besorgten Amerikanern bereitet die überbordende Fülle der teils sehr sensationsheischenden Comics Sorge. Wissenschaftlich geht der sonst so gewissenhafte Doktor indes nicht vor, eher schon zählen Suggestivfragen und Bauchgefühl zu seinem Repertoire, ebenso die falsche Schlussfolgerung aus der Scheinrelation, dass viele der kriminellen Kinder, mit denen er zu tun hatte, Leser von Comics waren – es bedeutet aber eben nicht, dass Leser von Comics deswegen zu Verbrechern werden.

Ein sehr anschauliches Beispiel für Werthams Beweisführung ist dessen Referat über die EC-Story „The Whipping“, das er vor dem Senat hält. In dem Comic wird „ein diskriminierendes Wort für Puerto Ricaner“ verwendet, das Wertham vor dem Gremium jedoch nicht verwenden wollte, er umschreibt es als „… a common derogatory term, is repeated 12 times in one story. This greasy so and so, this dirty so and so.“  Der einzige Zweck der Story, so Wertham, sei es, zu zeigen, dass am Ende der Geschichte ein Mädchen erschlagen wird. William Gaines dagegen, Verleger der Story, kontert diese Vorwürfe leidenschaftlich und zitiert offensiv die Worte, die Wertham aus Achtsamkeit meidet – „Spick“ oder „dirty Mexican“. Gaines verteidigt seinen Comic, erwähnt, dass es sich um eine Geschichte mit „Message“ handelt, so wie überhaupt viele seiner Geschichten eine Botschaft vermitteln wollen. Aber Gaines verzettelt sich, als er mit vielen anderen makabren Geschichten und Darstellungen seiner Horror- und Crime-Geschichten konfrontiert wird. Den Widerspruch, wieso manche der von ihm verlegten Geschichten eine Message haben sollten, ein Großteil seiner Horror- und Crime-Stories aber zweifelsohne sensationalistische und makabre Unterhaltung waren, wenngleich auf hohem Niveau, konnte er nicht auflösen. Am Ende argumentiert Gaines, dass die Coverdarstellung eines abgeschlagenen Kopfes geschmackvoll sei, solange man ja die blutige Stelle nicht sehe. Dem konnte keiner folgen.

Crime does not pay! 6.000.000 Leser jeden Monat!

Es ist frappierend, wie Wertham mit seiner Achtsamkeit den Duktus der sprachsensiblen 2010er Jahre vorwegnimmt und anstößige Wörter gar nicht erst zitiert, ganz so, wie man es heute mit Konstruktionen wie dem „N-Wort“, „Z-Wort“ und anderen bewussten Terminologien betreibt. Andererseits ist Wertham ein konservativer Vertreter des Establishments, dem es gelang, progressives Denken und konservatives Denken in Einklang zu bringen. Aber so erfolgreich sein Furor 1954 auch war; bald nachdem er mit dem Buch Seduction of the Innocent Erfolge feierte und die Comicindustrie beinahe zu Fall brachte, begann er sich zu diskreditieren, als er auch in den Folgejahren immer noch auf Comics einschlug, obwohl diese inzwischen längst das zahnlose Medium waren, das sie dank des Comic Codes nur noch sein durften. Mehr und mehr fanden sich Kritiker, die ihn zur Rede stellten, und nun verzettelte sich Wertham auf selbstentlarvende Weise in Ausreden, Ausflüchte und Rechthabereien. Selbstkritik war dem Eiferer Wertham unbekannt.

Harold Schlechters Sachbuch ist unglaublich fesselnd in seinem Facettenreichtum, hütet sich vor einfachen Wertungen und arbeitet präzise die Verdienste Dr. Werthams heraus, was die Fallhöhe seines letzten und größten Erfolgs, das In-die-Knie-Zwingen der Comic-Industrie umso deutlicher sichtbar werden lässt; es war ein methodischer und wissenschaftlicher Totalausfall mit verheerenden Folgen. Sieht man aktuelle Kulturkampf-Trends, wird dennoch schmerzlich bewusst, wie zeitlos die Geschichte von Werthams Kampf ist. Mit den besten Absichten geführt, wurde eine Menge Porzellan zerschlagen.

Im neuen Jahrtausend, so viel sei angemerkt, ist der Comics Code nicht nur aufgeweicht, sondern längst wieder irrelevant und dient höchstens noch als Fußnote aus einer anderen Zeit. Die Konflikte dagegen sind präsent wie immer und undurchsichtiger denn je: Auf der einen Seite zensiert Disney rigoros Inhalte mit rassistischer Schlagseite, auf der anderen Seite des Spektrums kann ein Scharfschütze wie Chris Kyle seine Memoiren zum Bestseller machen und sich auf dem Innencover stolz mit einem Punisher-T-Shirt präsentieren.

Faszinierende Comic-Biographie über eine Reizfigur

10von10Dr. Werthless
Dark Horse, 2025
Text: Harold Schlechter
Zeichnungen: Eric Powell
200 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 29,99 Dollar
ISBN: 978-1506744377
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