Ein Comic über Hexen, das passt zu den Raunächten. Ein schwieriges Thema ist es außerdem, angesichts des Unrechts, das vermeintlichen Hexen angetan wurde. Wird es Sole Otero gelingen, dem Thema gerecht zu werden?
An der dämonischen Andersartigkeit ihrer Hexen lässt die argentinische Künstlerin bereits im ersten Kapitel des umfangreichen Buchs wenig Zweifel. Es beginnt im Jahr 1768: Die Passagiere eines Schiffs wollen vor der Küste Buenos Aires‘ an Land gehen, müssen aber aufgrund des niedrigen Wasserspiegels mit Booten in Kleingruppen übergesetzt werden. Unter anderem befindet sich eine wohlhabende Dame an Bord, die ihre liebe Mühe hat, ihren Sohn ruhig zu halten: Viel zu streng maßregelt sie ihn ein ums andere Mal, der Junge ist sicher mehr Last als Freude für die Frau in diesen Stunden. Ob das die drei unheimlichen Gestalten, die sich mit an Bord befinden, wohl ebenso sehen? Die Dame verabscheut die düsteren Frauen, die dazu noch einen Ziegenbock im Schlepptau haben, und doch bekommen diese, aus welchen Gründen auch immer, eine Vorzugsbehandlung. Protest hilft da wenig, die drei Hexen kriegen ihr Boot, während die Dame dagegen wohl noch lange an Bord zu bleiben hat; aber wo ist eigentlich ihr Kind? Mit dem Fernrohr hält sie Ausschau nach dem kleinen Boot, das sich zügig vom Schiff entfernt und sieht darauf zum letzten Mal im Leben ihren kleinen Juan José. Und so kommen die drei Hexen nach Argentinien und vollbringen bereits, bevor sie das Land betreten, ihre erste Schandtat.

Tss, diese unabhängigen Weiber. Alle Abbildungen © Reprodukt.
Ein sehr ambivalenter, sehr kraftvoller Einstieg gelingt Sole Otero hier, die Künstlerin, die inzwischen in Angoulême, Frankreich, ihren Wohnsitz hat. Für ihr zweites Kapitel springt sie in die Jetztzeit und erzählt von zwei argentinischen Männern. Der eine erzählt dem anderen, wie er Zeuge eines okkulten Rituals in einer Villa wurde, drei Damen, ein Ziegenbock und mehrere zombieartige Männer bei einer unheimlichen Sexorgie. Nacht für Nacht beobachtet er das Treiben, bis eine Hexe ihn sieht und verhext, so dass auch er unter dem Einfluss des Unheimlichen ist. Von da an schwankt sein Leben zwischen Dauererektion, Zurückweisung und Impotenz, was Sole Otero sehr wirkungsvoll allein schon in der Größe der Personendarstellung zeigt. Mal ist er groß, männlich und mächtig, mal ein Würstchen, nicht größer als eine Maus.
Immer wieder bekommt man zu lesen, dass die Künstlerin mithilfe von naiven Kinderzeichnungen dem Grauen die Spitze nimmt, aber wer hier tatsächlich „Kinderzeichnungen“ sieht, verkennt die Entwicklung grafischen Erzählens der letzten 20 Jahre. Kinder dürften sich vom Abstraktionsgrad der Zeichnungen eher nicht abgeholt sehen, und wie um den Unterschied selbst auch noch mal klarzumachen, zeichnet Sole Otero dennoch eines der neun Kapitel des Buchs im Stil von Kinderbüchern a la Gregs Tagebuch. Aber da wird das Geschehen auch tatsächlich aus Kindersicht geschildert.

Pogromstimmung.
Die einzelnen Geschichten in Hexenkunst haben zunächst keine offensichtlichen Berührungspunkte, doch mit der Zeit werden Verflechtungen in den Geschichten deutlich, die aus immer neuen Perspektiven geschildert werden, fast als handelte es sich um einen viktorianischen Briefroman, Wilkie Collins‘ Moonstone beispielsweise, oder Bram Stokers Dracula; oder Arthur Conan Doyles überraschend experimentelles A Study in Scarlet, wo ebenfalls zwei völlig unterschiedliche Erzählstimmen das Geschehen zu einem Mosaik erst vervollständigen. Hexenkunst spielt auf ähnliche Weise mit dieser reizvollen Multiperspektivität und findet dabei zu einer sehr unheimlichen Stimmung – durchaus nicht kindgerecht.
Das Herz der Erzählung ist gleichzeitig das längste Kapitel, die Geschichte der jungen Ailín, die eine Anstellung als Geburtshelferin in einem großen Landsitz antritt. Dort darf sie den drei unheimlichen Frauen bei ihrer Arbeit als Geburtshelferinnen zur Hand gehen. Es geht ihr dort gut, aber eines Abends misslingt eine schwere Geburt und es eskaliert der Streit zwischen dem werdenden Vater des Kindes, der nicht akzeptieren will, dass sein Kind nicht zu retten ist, und den Hebammen, die sich mit ihrem alten Wissen über die moderne, schulmedizinische – männliche? – Sichtweise des Mannes hinwegsetzen. Hier ist er präsent, der Konflikt zwischen Naturmagie und Zivilisation, er wird sich bis zum Hexenpogrom zuspitzen. Eine Tragödie ist das auch deswegen, weil gerade ihr neues Umfeld einen sicheren Hafen für Ailín bieten kann, die sich immer wieder sexueller Übergriffe erwehren muss; und doch wird sie nicht den Mut aufbringen, sich zu befreien und von der vertrauten Welt zu lösen. „Ualitcho“, wie die Geschichte heißt, ist ein Meisterwerk der Ambiguität, kunstvoll abstrahiert und doch von großer Klarheit. Im Verlauf von über 80 Seiten wird die Geschichte zunehmend spannender und unheimlicher bis zur finalen Machtprobe. Großartig.

Der christliche, aufgeklärte Mainstream zeigt seine hässliche Fratze.
Der danach folgende Zeitsprung in die Gegenwart ist da schon fast eine Einladung zur Entspannung, aber von nun an rechnet man jederzeit mit Abgründen. Ein radikaler Perspektivwechsel versetzt uns in das Social Media-Leben einer einsamen Frau, die sich in einen jungen Mann verliebt, mit dem etwas nicht ganz stimmt, bis sich herausstellt, dass auch er aus dem Umfeld der unheimlichen Frauen stammt. Faszinierend ist einmal mehr aber auch die Virtuosität, mit der Sole Otero die Erzählhaltung wechselt, auch wenn damit leider die Intensität des dritten Kapitels nicht ganz aufrecht erhalten bleibt.
Die Folgekapitel sind von nun an stärker und stärker in direktem Bezug zueinander und umkreisen das Treiben der drei Hexen stets aus anderer Perspektive. Es baut sich nach und nach eine dichte Aura des Unheimlichen auf, die mal an Dario Argentos Inferno, mal an Nicolas Roegs Don’t Look Now denken lässt, und so steigt beim Lesen auch die Hoffnung auf ein großes Finale. Aber die große Entladung bleibt aus, alles endet dann doch eher subtil, still, offen. Ein letzter weiblicher Fluch vielleicht, der mein männliches Bedürfnis nach einem ordentlichen Pay-Off verhöhnt? Gleichzeitig aber ist der Schluss eine Einladung, das Buch gleich noch einmal zu lesen, denn so einige Leerstellen werden sich sicher erst bei der zweiten Lektüre vollständig klären. Und manches darf gerne auch auf ewig unklar bleiben, weil es sich einer finalen Deutung ohnehin entzieht. Wie im richtigen Leben.
Das Okkulte hat schon eine enorme Anziehungskraft
HexenkunstReprodukt, 2025
Text und Zeichnungen: Sole Otero
Übersetzung: Lea Hübner
372 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: xx,xx Euro
ISBN: 978-3956404535
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