Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

Leonardo & Salaï

Wie prägend das italienische Universalgenie Leonardo da Vinci für die europäische Kultur war und ist, beweist schon allein die Tatsache, dass ein Großteil der Deutschen das Abbild eines seiner Werke ständig mit sich herumträgt: Da Vincis Studie des menschlichen Körperbaus, auch unter dem Namen „Der vitruvianische Mensch“ bekannt, ziert nämlich alle Gesundheitskarten der gesetzlichen Krankenkassen. (Wobei die Genitalien züchtig vom elektronischen Chip verdeckt werden.) Aber bekanntermaßen trieb den in Florenz geborenen Freigeist nicht nur die Anatomie um, sondern auch die Malerei, Bildhauerei, Architektur, Mechanik, Technik, verschiedene Naturwissenschaften sowie Moral- und Naturphilosophie – und er brillierte auch noch in all diesen Disziplinen und schuf wegweisende Gemälde wie die Mona Lisa und Das Abendmahl, vielfache visionäre Bau- und Konstruktionspläne, Illustrationen, Studien, wissenschaftliche Arbeiten und kartografische Werke.

leonardo&salai

© Jacoby & Stuart

In Leonardos Dunstkreis aus Schülern, Mitarbeitern und Bediensteten befand sich auch der um 28 Jahre jüngere Gian Giacomo Caprotti, besser bekannt unter seinem Spitz- und Künstlernamen Salaï. Bereits als Zehnjähriger als Schüler da Vincis angenommen, hielt er ihm bis zu dessen Tod fast 30 Jahre später die Treue. Über die Beziehung der beiden existierten vielfältige Gerüchte, und auch heute wird mancherorts die Theorie vertreten, dass Salaï ab einem gewissen Zeitpunkt der Liebhaber des vermutlich homosexuellen Leonardos war. Manch einer vertritt dabei sogar die Meinung, dass Salaï nicht nur Modell für da Vincis auffallend aufreizende Gemälde Johannes der Täufer und Bacchus stand, sondern seine androgynen Gesichtszüge auch der Mona Lisa als Vorbild dienten. Und genau auf diese Theorie stützte sich der französische Künstler Benjamin Lacombe für den vorliegenden Band. Die Beziehung Leonardo da Vincis zu seinem Schüler ist, wie der Titel schon verrät, der Dreh- und Angelpunkt dieser Comicbiografie. (Ähnlich übrigens wie in der Vertigo-Miniserie Chiaroscuro: The Private Lives of Leonardo da Vinci, die Mitte der 90er erschien.)

Lacombe ist vor allem für seine kunstvoll-düsteren Märchenadaptionen und Bilderbücher voller filigraner, puppenhafter Figuren mit riesigen Augen bekannt, deren bisherige deutsche Ausgaben wie auch dieser Comic beim Berliner Verlag Jacoby & Stuart erschienen sind. Da Vinci und seiner Zeit nähert er sich in eleganten Bildern, die vor allem durch ihre Aquarellkolorierung mit stark begrenzter Farbpalette bestechen. Wie der Künstler im angehängten Werkstattgespräch verrät, hat er sich dafür an Leonardos Zeichenheften und den verblassten Farben seiner gealterten Gemälde orientiert, und erzielt damit sehenswerte Resultate. Ebenso sehenswert sind die Hintergründe, die sorgfältig ausgearbeiteten Stadpanoramen, Renaissance-Bauwerke und Gassen von Florenz und Venedig, für die sich Lacombe die Hilfe seines Zeichnerkollegens Paul Echegoyen sicherte.

leonardo1

© Jacoby & Stuart

Die Comicerzählung wird immer wieder von doppelseitigen Bildern unterbrochen: Zum einen handelt es sich dabei um etwas arg kitschig geratene Traumbilder Salaïs, zum anderen – und das ist viel interessanter – Reinterpretationen von da Vincis Gemälden. Letzteres hätte furchtbar schiefgehen können, ist hier aber durchaus gelungen. Die Mischung aus Lacombes Stil und da Vincis von starken Hell-Dunkel-Kontrasten bestimmter Renaissance-Malerei funktioniert auffallend gut.

Dramaturgisch kann Lacombe leider nicht mit seinen und Echegoyens Zeichnungen mithalten. Die Entscheidung, Leonardos Leben und Schaffen aus der Sicht Salaïs darzustellen und die mögliche Liebesbeziehung zwischen den beiden auszufabulieren, scheint auf den ersten Blick keine schlechte zu sein. Er schafft es jedoch nicht, daraus erzählerisches Kapital zu schlagen. Lacombes Salaï ist einfach keine besonders spannende oder gehaltvolle Figur, und sein da Vinci bleibt zu sehr ätherisch-verklärtes Genie, um dem Leser nahezugehen. Wichtige Werke und Wendungen in seinem Leben werden in kurzen Episoden recht brav und undramatisch abgehakt. Und ausgerechnet ein paar der spannendsten und dramatischsten Aspekte werden wegen des Fokus auf Salaï ausgespart: Leonardos Fehde mit seinem Rivalen Michelangelo wird nur angerissen, seine Zeit als Militäringenieur Cesare Borgias nur in einem Textkasten zusammengefasst (da ihn Salaï während dieser Zeit nicht begleitete) und die (letztendlich fallengelassene) Sodomie-Anklage gegen ihn, welche auf dem Verdacht basierte, er hätte Sex mit einem Prostituierten gehabt, fand noch vor Salaïs Geburt, und damit vor dem zeitlichen Handlungsrahmen diese Comics, statt.

leonardo2

© Jacoby & Stuart

So bleibt am Ende der immerhin 71 Seiten langen Comicerzählung das Gefühl, eine überlange Exposition gelesen zu haben. Sehr ansehnlich umgesetzt zwar, aber ohne wirklichen Spannungsbogen oder Höhepunkt. Die fast schon überraschende Ankündigung eines zweiten Bands auf der letzten Seite (überraschend, da der Zusatz „Teil 1“ im Titel unterschlagen und auf Cover und Schmutztitel leicht zu übersehen ist), läßt immerhin hoffen, dass der Geschichte in ihrer Fortsetzung noch die dramaturgischen Sporen gegeben werden. Immerhin kündigt der Künstler den zweiten Teil als „intensives Buch mit einem sehr emotionalen Ende“ an.

Ausschließlich Lob hat jedoch die Aufmachung des Bands verdient: Von der vergoldeten Titelschrift über die einleitende Aphorismensammlung da Vincis, bis zum informativen und mit Entwürfen und Vorzeichnungen illustrierten Werkstattgespräch mit Lacombe und Echegoyen und der abschließenden Zeittafel stimmt hier alles. Schade, dass man dies nicht so uneingeschränkt von der Comicerzählung sagen kann, deren visuelle Tugenden aber immerhin teilweise über die erzählerischen Unzulänglichkeiten hinwegtrösten können.

Renaissance-Augenschmaus, bei dem Geschichte und Figuren leider nicht mithalten können


Leonardo & Salaï – Erster Teil: Il Salaïno
Jacoby & Stuart, 2015
Text: Benjamin Lacombe
Zeichnungen: Benjamin Lacombe, Paul Echegoyen
Übersetzung: Edmund Jacoby
96 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-942787-51-2
Leseprobe